13. Dezember 2005

Fahrbericht Preis über 350.000 Euro Maybach 57S: Kunstwerk auf vier Rädern

Maybach 57 Spezial
Maybach 57 Spezial © Foto: Werk

Ein Maybach ist nicht nur einfach ein Auto. Er ist mehr - für den Hersteller mindestens ein Kunstwerk. Für das Gros von uns bleibt es bei einem Preis von mehr als 350.000 Euro jedoch nur eines: ein Traum.




Von Stefan Grundhoff

Wie eine Skulptur in tiefschwarzen Stein gehauen - makellos schön, imposant und unnahbar. Der Maybach verzückt das menschliche Auge. Er ist keine Luxuslimousine, schon gar kein Auto oder nur ein Fortbewegungsmittel - er ist ein perfektes Kunstwerk auf glänzend strahlenden 20-Zoll-Felgen.


Betuchte Kundschaft

Alle Modelle aus der Sindelfinger Manufaktur sind zu höherem berufen, gelten als Auserwählte. Mindestens 30 Tage vergehen, ehe ein Maybach seine Baden-Württemberger Geburtsstätte verlässt und in die Hände der exorbitant betuchten Kundschaft übergeben wird. Bislang konnten die beiden Versionen Maybach 57 und 62 die in sie gestellten Erwartungen nicht ganz erfüllen. Eine dritte Version soll die Mini-Palette beleben. Der 57S ist eben dieses begnadete Kunstwerk, verzichtet jedoch auf die traditionelle Zweifarblackierung und das märchenhafte Sänftenimage. Maybach 57S steht nicht nur für Spezial, sondern auch für Sport. Die Chauffeur-Limousine Maybach will Selbstfahrer locken - gerade in den USA.

Platz satt: Der Fond des Maybach
Platz satt: Der Fond des Maybach © Foto: Werk

Maybach und Selbstfahrer? Diese Symbiose scheint zunächst allenfalls hochsensiblen Hirnen der DaimlerChyrysler- Marketingabteilung entsprungen. Wenn man sich überhaupt einen Maybach vorstellen kann, dann sitzt der potente Kunde hinten rechts, ein Notebook auf den Knien oder seinen persönlichen Assistenten an einem der beiden Telefone.

Vielleicht schaut er auf den großen Bildschirm an der Rückenlehne des Beifahrerstuhls und informiert sich über die steigenden Börsenkurse. Ein geübter Fahrer im dezenten schwarz sitzt hinter dem Steuer und verrichtet sein Tagwerk an einem Arbeitsplatz, der allzu sehr an die alte Mercedes S-Klasse erinnert. Doch ein Auto in der 400.000-Euro-Liga selbst bewegen? Traum oder Wirklichkeit?

Der Über-Maybach

Gerade auf dem nordamerikanischen Markt soll es die grenzenlos reichen Autonarren geben, die selbst einen Maybach selbst chauffieren sollen. In ihren Garagen stehen durchschnittlich 6,7 Fahrzeuge, gerne das ein oder andere aus Stuttgart, ergänzt von Oldtimern und Sportwagen. Genau für diesen erlauchten Kreis gibt es nun ein Spielzeug, das zunächst wie ein Auto aus 1001 Nacht auf die Erde herabzuschweben erscheint. Der 57S ist der aktuelle Über-Maybach. Mercedes-Edeltuner AMG hat sich am beileibe nicht schwächlichen Zwölfzylinder vergangen und ihm eine kräftige Leistungsspritze verabreicht. Sechs Liter Hubraum, Doppelturbolader und 450 kW / 612 PS lassen selbst Autoexperten zweimal nachfragen. Wer hört schon noch zu, dass das 2,7 Tonnen schwere Schlachtschiff bei 275 km/h abgeregelt wird und 0 auf 100 km/h in unter fünf Sekunden zurücklegt?

Bei einem Sportwagen wie einem Porsche Turbo, einem Aston Martin oder einem Mega-Ferrari würde man kurz mit der Zunge schnalzen. Doch eine Luxuslimousine mit mehr als 5,70 Metern Länge scheint wenig real. Bei der ersten Ausfahrt erfährt man die betörende Wirklichkeit. Der Bi-Turbo wird nicht nur bei Tempo 275, sondern auch bei 1000 Nm Drehmoment abgeregelt. Wer weiß, was sonst noch drin gewesen wäre? Die gewaltigen Massen des Maybach 57S spürt man nicht beim ersten Beschleunigen oder dem sanften Stopp an der Ampelkreuzung. Doch irgendwann kommt die erste richtige Kurve.

Fahrwerksingenieure, Reifentechniker und Getriebespezialisten haben zweifellos einen phantastischen Job gemacht. Doch 2,7 Tonnen müssen nun einmal auf der Spur gehalten werden. Auch für einen fliegenden Teppich wie den Maybach gelten die (meisten) physikalischen Gesetze. Unglaublich wie leicht und lässig sich diese mobile Skulptur auf 275er Spezialreifen aus dem Hause Michelin bewegen lässt, aber in punkto Fahrdynamik liegen Welten zwischen einem Maybach 57S und langweiligen Luxusmodellen wie einem BMW 760iL oder der neuen S-Klasse von Mercedes.

Schwammige Lenkung

Ein Blick auf die Fahrerseite: Hier sitzt gewöhnlich der Chauffeur.
Ein Blick auf die Fahrerseite: Hier sitzt gewöhnlich der Chauffeur. © Foto: Werk

Besonders die schwammige Lenkung gibt nicht nur erfahrenen Kurvenräubern Anlass zu vehementer Klage. Doch kein Wunder, basiert sie doch auf dem Kurbelwerk der alten W-140er-Baureihe und die kam bekanntlich Anfang der 90er Jahre auf den Markt. Agilität und Fahrdynamik halten sich somit im Rahmen. In schnellen Kurven vollbringen die Regelsysteme im Sekundentakt Höchstleistungen, um das Geschoss auf der Straße zu halten.

Der Power-57er ist vor allem eines: beängstigend schnell und fast zu schade, um damit auf einer verschmutzten Straße zu fahren. Armaturenbrett und Innenraum scheinen nicht derart innovativ und schmuck wie die Intarsien der neuen S-Klasse, aber alles scheint erfolgreich nach Perfektion zu streben. Edelste Hölzer, weichste Lederorgien und schmucke Teppiche sind Komponenten eines automobilen Traums, den man kaum beschreiben kann. Jede Naht, jede Fuge ein optischer und haptischer Genuss - man muss diesen Maybach einfach einmal gespürt haben. Allein die neuen Carbon-Applikationen wirken allzu künstlich. Dann lieber schwarzer Klavierlack, der einen glücklicherweise nicht nur von Blondschopf und Frauenschwarm Richard Claydermann träumen lässt.

Keine Beklemmungen

Das Heck des Maybachs
Das Heck des Maybachs © Foto: Werk

Fahrerauto hin oder her, der schönste Platz im 57S ist wie bei seinen zahmeren Brüdern nicht im Volant, sondern in der zweiten Reihe. Auch in der kurzen Version mit ihrem Radstand von 3,39 Metern kommen keinesfalls Beklemmungen auf. Hier kann man auch besser von der Produktion des Genussmittels träumen. Ins satte Leder versunken zweifelt man keine Sekunde daran, dass dieser Luxusbolide einen Monat lang in aufwendigster Handarbeit gefertigt wird. Man träumt vielleicht von der Sindelfinger Manufaktur. Statt Schraubern und Ingenieuren fügen behandschuhte Virtuosen mit grenzenloser Liebe und aufopferungsvoller Hingabe den Maybach zusammen, mit dem man mit Tempo 240 gerade an der Welt vorbeifliegt. Bis zur nächsten Kurve.

Doch wie kann man einen Maybach 57S überhaupt erleben? Wer alte Meister oder moderne Kunst bestaunen will, erkauft sich für ein paar Euro den Eintritt in die elitäre Museumswelt. Doch kein Museum kann sich derzeit mit einem Maybach schmücken und wer hat schon das Glück die Vollendung aktueller Automobilkunst auf der Straße zu sehen? Um auf Nummer sicher zu gehen, sollte man sich eines der edlen Vehikel bestellen. Anfertigung nur nach Wunsch, gerne auch mit Familienwappen und Initialen im Leder - ab 362.000 Euro - zzgl. MwSt. versteht sich.






Mehr zur Marke Maybach

Limitierte AuflageMercedes-Maybach Cabrio: Etwas für Genießer

Wenn Sie ausreichend vermögend sind, gerade 300.000 Euro übrig haben und schon immer ein Cabrio von Mercedes-Maybach fahren wollten, müssen Sie sich beeilen. Denn von der Luxuskarosse werden nur 300 Exemplare gebaut.


Maybach

Die Maybach-Motorenbau GmbH fertigte von 1921 an 20 Jahre lang Luxuswagen. Nach dem zweiten Weltkrieg übernahm Daimler-Benz 1960 das Unternehmen, das neun Jahre später in MTU Friedrichshafen (Motoren- und Turbinen-Union) umbenannt wurde. Premium-Fahrzeuge unter dem Namen Maybach ließ Daimler aber erst ab 2002 fertigen. Da der Erfolg nicht wie gewünscht eintrat, wurde die Produktion der Luxusschlitten 57 und 62 sowie deren S-Versionen 2012 wieder eingestellt. Dafür soll die Topvariante der neuen S-Klasse den Namenszusatz Maybach erhalten.


S-Klasse statt NobelschlittenDaimler schläfert Maybach ein

Der Daimler-Nobelschlitten Maybach ist bald Geschichte. Die verlustreiche Traditionsmarke wird nicht wiederbelebt. Daimler-Chef Dieter Zetsche setzt künftig in der Oberklasse voll auf die S-Klasse.



Mehr aus dem Ressort

Der Fiat Fullback Cross fühlt sich abseits der Straßen sehr wohl
Baugleich mit dem Mitsubishi L200Fiat Fullback Cross: Das Problem mit der Verwandtschaft

Das Segment der Pickups bildet noch eine kleine Community in Europa. Der Fiat Fullback Cross trifft dabei auf eine große multikulturelle Verwandtschaft der Lastenträger.


Ssangyong hat den Rexton komplett neu gestaltet
Vierte Generation des FlaggschiffsSsangyong Rexton: Neue Proportionen

Ssangyong fährt den Rexton in die vierte Auflage. Dabei hat das Flaggschiff eine komplette Umwandlung erhalten, bei der nur noch der Name übrig blieb.


Der Opel Insignia Country Tourer mag die rustikale Art
Dritte Variante des FlaggschiffsOpel Insignia Country Tourer: Ein wenig Freiheit und Abenteuer

Trotz des Booms bei den SUV gibt es auch noch Anhänger rustikaler Kombis. Opel schickt erneut die Offroad-Variante Country Tourer in den Schnee und Matsch.