20. Juni 2008

Fahrbericht VW Scirocco Reifeprüfung

Der neue VW Scirocco
Der neue VW Scirocco © Foto: VW

Trendig war die Marke Volkswagen bislang nicht. Doch mit dem Scirocco geben sich die Wolfsburger ausgesprochen risikofreudig. Wie es ausschaut, hat man alles richtig gemacht.




Von Jochen Knoblach

Er ist breit, er ist flach, und 30 Kilogramm leichter als ein Golf ist er auch noch. Wenn man den Produktstrategen von Volkswagen glaubt, ist es das Auto, auf das die Welt gewartet hat. «Die Zeit ist reif», sagt Marketing-Mann Ludger Fretzen, überzeugt davon, dass es eine «Sehnsucht nach expressiven Autos» gibt, die Volkswagen nun befriedigen will. Ausgerechnet Volkswagen.


Dem Trend getrotzt

Die Marke, die bislang noch jedem Trend mit jahrelanger Verspätung hinterher hechelte, dabei zwar immer sehr erfolgreich war, unter dem Strich aber doch viel Geld verschenkt hat. Jetzt aber wagt VW mal was und exhumiert dafür einen Schatz seiner Tradition - den Scirocco. Jenen kompakten Zweisitzer, der 1974 als das Auto zu Disko und Glamm-Rock auf den Markt kam und 18 Jahre und 800.000 Autos später ersatzlos aus dem Programm gestrichen wurde.

Das Cockpit des Scirocco sieht so aus, wie man es von VW kennt
Das Cockpit des Scirocco sieht so aus, wie man es von VW kennt © Foto: VW

Für die Reanimation des Volkscoupes setzte VW allerdings nicht nur seinen Entwicklungsapparat in Gang, sondern auch eine gigantische Werbemaschinerie, die wohl nicht auf die sechste Stelle vor dem Komma schauen musste. Drei Scirocco wurden für das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring präpariert, es gab einen Wettbewerb für den Song zum Auto, und allwöchentlich war der weiße VW bei Heidi und ihrem Model-Nachwuchs zu sehen, was immerhin dazu führte, dass die Hälfte der 25- bis 30-Jährigen heute weiß, dass Scirocco kein neues Duschgel ist, sondern ein Auto.

Raddampfer und Speedboat

Der TSI-Motor im Scirocco
Der TSI-Motor im Scirocco © Foto: VW

Dass es ein Volkswagen ist, daran muss man sich indes noch gewöhnen. Denn stilistisch gibt es zwischen dem, was derzeit unter dem Zwei-Buchstaben-Logo unterwegs ist, und diesem neuen Zweitürer etwa ebensoviel Gemeinsamkeiten wie zwischen einem Raddampfer und einem Speedboat.

Dieser VW ist nicht aus dieser Zeit. So breit wie ein Passat und so flach, dass selbst die Scharniere der Heckklappe durch das Blech drücken und für zwei liebreizende Beulen an der Dachkante sorgen, ist dieser Scirocco die Inkarnation der Straßenlage. Angetreten zur Verführung der iPod-Generation, die nicht nur Pete Dohertys Namen, sondern auch dessen Musik kennt, und bei VW bislang nicht das zum Lebensstil passende Auto fand und daher im Audi A3, Mini oder Einser-BMW unterwegs ist. Dieser VW soll sie zurückholen.

Der alte und der neue VW Scirocco
Der alte und der neue VW Scirocco © Foto: VW

Wie sich einst Golf I und Ur-Scirocco den Armaturenträger teilten, so hat der neue Scirocco diesen Teil vom Eos übernommen, zumal beide in Portugal gebaut werden. Nur die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine wurden verändert: das Lenkrad, der Schalknauf, die Innengriffe der Türen und die Sitze, Sportsitze. Eine zweite Reihe gibt es auch. Dort können zwei Erwachsene sitzen. Über Platzmangel können sie nicht klagen, über Lichtmangel schon eher. Der Heckbereich ist zugebaut wie bei kaum einem anderen Auto, womit es sich zur Geiselnahme empfiehlt. Kinder könnte es allerdings traumatisieren. In jedem Fall sollten die Parksensoren im Heckstoßfänger auf keiner Bestell-Liste fehlen.

Ein Männerauto

Generationen-Duell - der neue und alte Scirocco
Generationen-Duell - der neue und alte Scirocco © Foto: Knoblach

Die Heckklappe lässt sich nur von innen oder per Fernbedienung entriegeln. Das ist nicht unbedingt einkaufsfreundlich, möglicherweise aber auch ein Grund, weshalb man bei VW den Scirocco als «Männerauto» bezeichnet. Die nabelhohe Ladekante könnte ein weiterer Grund sein. Das Laderaumvolumen misst übrigens 292 Liter. Das ist etwas mehr als der Polo zu bieten hat, aber sicher genug, um sich nach der Heimfahrt vom Einkauf über an der Kofferraum-Innenwand zerschellte Joghurtbecher zu ärgern, deren Inhalt sich auf ewig mit dem grauen Nadelfilz vereint.

Ja, dieser Scirocco fährt sich so, wie er aussieht. Das ist wenig überraschend, da sich schon der Golf tadellos fuhren ließ. Da kann eine Fahrt mit dem breiteren und zugleich flacheren Zweitürer nur unterhaltsamer ausfallen. Dennoch erstaunt das Auto mit der Präzision, mit der Befehlen des Fahrers umgesetzt werden und glänzt mit einer nahezu beängstigend guten Straßenlage, weil sie glauben macht, Physik kenne keine Grenzen. Hinzu kommen eine sehr gefühlvolle und genaue Lenkung, die in der Mittellage frei von Nervosität ist, und schließlich ein Federungskomfort, der durchaus als solcher bezeichnet werden darf. Allerdings sollten jene Zeitgenossen, die sich einst bereits einen den alten Scirocco als Neuwagen zugelegt hatten, vielleicht doch eine Probefahrt machen, bevor sie den Kaufvertrag unterschreiben.

Einstiegspreis knapp 22.000 Euro

Ende August werden die ersten Fahrzeuge zu den Händlern kommen. Dann stehen vorerst zwei Vierzylinder mit Benzindirekteinspritzung zur Auswahl. Das ist zum einen ein 1,4-Liter, der von einem Kompressor und einem Turbolader auf 160 PS gebracht wird, und zum anderen der als GTI-Treibsatz bekannte Zwei-Liter-Turbo mit 200 PS. Mit beiden lässt sich der Scirocco auch jenseits der 200-km/h-Marke erleben. 6,6 Liter Super sollen der 23 300 Euro teuren 160-PS-Version im Schnitt genügen, mit 200 PS sind es ein Liter und 2 250 Euro mehr. Zwei Diesel mit 140 und 170 PS soll es etwas auch noch geben.

Das Heck des neuen VW Scirocco sieht kraftvoll aus
Das Heck des neuen VW Scirocco sieht kraftvoll aus © Foto: VW

Das eigentliche Einstiegsmodell mit einem 122 PS starken 1,4-Liter-Turbobenzindirekteinspritzer kommt erst gegen Jahresende. 21 750 Euro verlangt VW für diese Version. Dafür bekommt man dann zum Durchschnittsverbrauch von 5,9 Liter Super den Viersitzer samt Klimaanlage, Funkzentralverriegelung, Fensterhebern, Sportsitzen und 17-Zoll-Leichtmetallfelgen. Nur das Radio gehört nicht mit zur Serienausstattung. Und das wohl auch nur, damit der Kritiker was zu kritisieren findet. Danke.






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