16. November 2016

Fahrbericht Transporter von Mercedes Sprinter abgenabelt VW Crafter: Neuer Weg zu neuer Größe

VW hat den Crafter in Eigenregie neu konzipiert
VW hat den Crafter in Eigenregie neu konzipiert © VW

Der VW Crafter fährt komplett neu konzipiert und eigenständig in die zweite Generation. Durch neue Möglichkeiten nach der Abnabelung vom Mercedes Sprinter soll der variable Transporter die hohe Investitionskosten durch höhere Verkaufszahlen amortisieren.




Von Thomas Flehmer

Recht leise verlief das vergangene Jahr im Volkswagen-Konzern nach dem Bekanntwerden der Dieselaffäre. Der Claim „Volkswagen – Das Auto“ wurde abgeschafft und die Neuerungen des Mehrmarkenkonzerns nicht mehr als das jeweils „beste Auto Aller Zeiten“ gepriesen – bis jetzt.

Denn ausgerechnet die manchmal belächelten „Nutzis“ aus Hannover hauen nun auf die Pauke. „Das ist der beste Crafter aller Zeiten“, sagte Nutzfahrzeug-Chef Eckhard Scholz bei der Präsentation im spanischen Almeria und bemühte damit den Volkswagen-Sprachsatz vergangener Tage. Allerdings schlägt gerade der Transporter der Nutzfahrzeugsparte, der Ende September auf der IAA Nutzfahrzeuge zum "Van des Jahres" gekürt wurde, faktisch neue Wege ein, die der Gesamtkonzern in den nächsten Jahren beschreiten will.


Investitionen über 800 Millionen Euro

Dabei spielt die Abnabelung zuerst die größte Rolle. Während die erste Generation des LT-Nachfolgers von 2006 bis zu diesem Jahr bei Mercedes als Bruder vom Sprinter vom Band lief, rollt die zweite Transporter-Generation nun im extra für den Crafter gebauten Werk Wrzesnia in der Nähe des polnischen Poznan aus den Hallen, für das Volkswagen mehr als 800 Millionen Euro investiert hat.

Durch die Abnabelung haben die Ingenieure die neuen Freiheiten mit sehr viel Wonne genutzt, um den Crafter an die neuen Anforderungen, die in den vergangenen Jahren extrem angestiegen sind, anzupassen. Dabei steht natürlich das eigentliche Fahrzeug im Vordergrund, doch die von den Kunden gewünschten Komponenten drumherum nehmen eine immer wichtiger werdende Rolle ein.

Drei Fahrzeuglängen des VW Crafter - 69 Derivate

Der VW Crafter präsentiert sich sehr vielschichtig
Der VW Crafter präsentiert sich sehr vielschichtig © VW

Der in drei Fahrzeuglängen zwischen 5,99 und 7,39 Meter angebotene Crafter soll über alle insgesamt 69 Derivate hinweg – die verschiedenen Aufbauten werden im Laufe des kommenden Jahres die Angebotspalette auffüllen – über die größtmögliche Kapazität im C/D-Transporter-Segment verfügen und schon in seiner mittleren Variante Platz für sechs Euro-Paletten oder vier Euro 3-Paletten bieten.

Bei der Verladung der Paletten kann per Funkfernbedienung die Fahrerkabine separat abgeschlossen werden, sodass dort die Wertsachen vor Langfingern geschützt bleiben. Auch kann die Fahrerkabine geöffnet und der Laderaum verschlossen bleiben. Die Beladung wird durch die lediglich 57 Zentimeter hohe Ladekantenhöhe vereinfacht. Ein zweiter in den Wasserkreislauf integrierter Wärmetauscher mit einer in den Boden integrierten Luftführung lässt den Hinterwagen technikfrei und kann ihn trotzdem belüften – gerade gut für Waren, die geliefert werden müssen oder auch als Lebensraum im Campingmobil.

VW Crafter verströmt viel Pkw-Atmosphäre

Bekannte Armaturen empfangen die Insassen im VW Crafter
Bekannte Armaturen empfangen die Insassen im VW Crafter © VW

Breit gefächert ist das Einsatzgebiet des neuen Crafter – ob als Kastenwagen mit verschiedenen Aufbauten, als Kombi oder Pritsche mit Einzel- oder Doppelkabine. Der Abgenabelte erfüllt die diversen Anforderungen und kann auch per Flottenmanagementschnittstelle mit dem jeweiligen Flottenmanager verbunden werden, der dann Daten wie Verbrauch und Effizienz ablesen kann. Zugleich kann der Fahrer aber auch – falls ein Defekt auftreten sollte – die nächste VW-Werkstatt ansteuern und die Monteure über den Fehler bereits informieren, sodass bei Eintreffen in der Werkstatt die benötigten Ersatzteile bereitgehalten werden. Aber auch Ersatzfahrzeuge werden gestellt und senken so die Kosten.

Der Fahrer selbst kann natürlich sein Handy ebenso an die Radio- und Navigationssysteme anschließen und so verschiedene Apps benutzen, die ihm die Arbeit erleichtern. Dabei wird den Insassen schon von vornherein der Arbeitsplatz komfortabel eingerichtet. Denn im Crafter herrscht Pkw-Atmosphäre vor. Die Instrumente und Anzeigen sind bekannt für diejenigen, die auch in der Freizeit mit einem neueren Derivat von Volkswagen unterwegs sind. Die Sitze sind gut konturiert, der Fahrer kann sogar noch einen Active Seat ordern, der die Unwegsamkeiten des Asphalts wippend wie im Lkw oder Bus austariert.

VW Crafter auf dem Weg zum autonomen Fahren

Der VW Crafter kann mit zahlreichen Assistenten ausgestattet werden
Der VW Crafter kann mit zahlreichen Assistenten ausgestattet werden © VW

Auch stehen jetzt zahlreiche Fahrsicherheitsassistenten zur Verfügung, die zwar aus den Tiefen des Modularen Querbaukastens (MQB) stammen, aber für die jeweiligen Größen des Crafters neu konfiguriert werden müssen - egal, ob Spurwechsel-, Park-Assistent oder der Trailer-Assist. Auf dem Weg zum autonomen Fahren wird auch schon der Crafter mit der automatischen Distanzregelung oder dem Notbremssystem oder Multikollisionsbremse gebracht. Somit sind Fahrer und Beifahrer nicht nur komfortabel, sondern auch sehr sicher unterwegs.

Und je nach Antrieb auch recht flott. Der für den Crafter neu entwickelte „EA 288 Nutz“ liefert aus zwei Litern Hubraum wahlweise 75 kW/102 PS, 103 kW/140 PS oder als Bi-Turbo gar 130 kW/177 PS, wobei die mittlere Version schon sehr gut zupackt und bis zu einer Spitzengeschwindigkeit von 162 km/h ziehen kann. Rund einen Liter weniger soll der Crafter mit seinem erstmals eingesetzten Frontantrieb verbrauchen.

Elektrovariante für VW Crafter folgt

In Abstimmung mit dem Fahrwerk verleiht auch der sehr laufruhige Diesel Pkw-Gefühle, auch wenn Kreisverkehre natürlich nicht all zu sportlich genommen werden sollten. Die sechs Gänge lassen sich gut einlegen – wahlweise steht eine Achtgang-Automatik zur Verfügung. Optional kann noch ein Nebenaggregat geordert werden, das als Generator bis zu 250 Ampere zur Verfügung stellt und mit einem weiteren Zusatzgenerator zwei Mal 180 Ampere bereitstellt, um bestimmte Ware kühl zu halten. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, Akku-Werkzeuge über die USB-Eingänge aufzuladen.

Zum Sommer hin folgen neben den weiteren Aufbauten auch noch der Crafter mit Allrad- oder Heckantrieb. Auch eine Elektrovariante für den innerstädtischen Verkehr wird folgen und auch von den Aggregaten her den neu eingeschlagenen Weg unterstreichen.

Etwas vom Weg ab kommt VW beim Preis des Crafter. Mit 28.300 Euro netto liegt der neue Transporter 2400 Euro unter dem alten Einstiegspreis. Wer sich bis zum 30. Juni nächsten Jahres für einen Crafter entscheidet, erhält zudem noch zwei Jahre Garantie kostenfrei zusätzlich. Ganz klar muss der Neue im Segment locken, denn bis zum Jahr 2020 sollen rund 85.000 Einheiten pro Jahr verkauft werden. Die alte Generation brachte es zuletzt auf 50.400 Einheiten. Bis zum Erreichen des ehemaligen Transporter-Bruders ist der Weg für den besten „Crafter aller Zeiten“ aber noch lang. Mercedes verkauft pro Jahr rund 200.000 Sprinter.






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