Mercedes Drive Pilot: Freuen auf den Stau

Mercedes Drive Pilot: Freuen auf den Stau
Unterwegs mit dem Mercedes EQS auf der Berliner Stadtautobahn. © Mercedes

Mercedes ist weltweit der erste Hersteller, der mit der S-Klasse und dem EQS ein Fahrzeug anbietet, das autonomes Fahren auf Level 3 ermöglicht. Noch hat das System aber etliche Einschränkungen.

Als Mercedes im Spätsommer 2013 mit dem Forschungsfahrzeug S 500 Intelligent Drive die rund 100 Kilometer lange Strecke von Pforzheim nach Mannheim autonom zurücklegte, schien der Durchbruch von selbstfahrenden Fahrzeugen in greifbare Nähe gerückt zu sein.


So wie die erste automobile Fernfahrt 1888 von Pionierin Bertha Benz im Motorwagen Nummer drei auf dieser Strecke historisch war, galt die Langstreckenfahrt des S 500 als Meilenstein auf dem Weg zum autonomen Fahren. Doch so schnell wie damals erwartet wurde, ging es mit dem autonomen Fahren dann doch nicht. Erst jetzt, neun Jahre später, bringt Mercedes mit dem Drive Pilot ein System auf den Markt, das automatisiertes Fahren auf Level 3 ermöglicht.

Weltweit erster Hersteller mit Level 3 in Serie

Danke des Drive Pilot kann sich der Fahrer vom Verkehr abwenden. Foto: Mercedes

Keine Frage: Wie damals die Langstreckenfahrt ein Meilenstein für Mercedes war, ist auch der Marktstart des Drive Pilot für das schwäbische Traditionsunternehmen etwas Besonderes. Schließlich ist Mercedes der erste Hersteller weltweit, der mit staatlicher Genehmigung – in diesem Fall des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) – hochautomatisiertes Fahren für Fahrzeuge aus der Serienproduktion anbieten kann. Das KBA erteilte Mercedes dazu die Genehmigung im Dezember vergangenen Jahres. „Diese vom KBA erteilte Typgenehmigung zum automatisierten Fahren ist ein wichtiger erster Schritt auf dem Weg zur Automatisierung“, sagte KBA-Präsident Richard Damm anlässlich der Erteilung.

Zum Start ist der Drive Pilot für die aktuelle S-Klasse als auch für das elektrische Pendant EQS bestellbar. Dass diese Technologie nicht günstig ist, versteht sich von selbst. Wer die Sonderausstattung ordert, der muss dafür bei der S-Klasse 5000 Euro zahlen, beim EQS sind es 7430 Euro, da beim elektrischen Flaggschiff noch das Fahrassistenzpaket Plus bestellt werden muss.

Weiter Weg zum fahrerlosen Fahren

Dass der Weg zum fahrerlosen Fahrzeug trotz der Markteinführung des Drive Pilot noch weit ist, zeigt der Blick auf die von der Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) getroffene Definition der verschiedenen Automatisierungsgrade. Sie reichen von 1 (Assistiert), 2 (Teilautomatisiert), 3 (Hochautomatisiert), 4 (Vollautomatisiert) bis 5 (Fahrerlos). Wann Mercedes Level 4 erreicht, dass kann der Autobauer selbst nicht sagen, auch wenn man schon bei einem Pilotprojekt am Stuttgarter Flughafen gezeigt hat, dass man seine Autos auch fahrerlos Einparken lassen kann.

Vorbei am ICC in Berlin: der Mercedes EQS. Foto: Mercedes

Doch jetzt ist man bei Mercedes erst einmal froh darüber, die Ersten zu sein, die ein Serienauto mit einem Level 3-System anbieten. Dass das System dabei derzeit noch mit vielen Einschränkungen auf den Markt kommt, ist Mercedes bewusst. „Uns war wichtig, jetzt überhaupt damit anzufangen“, sagt Martin Hart, bei Mercedes Direktor Assistenz-Systeme. „Mit dem Drive Pilot“, so Hart, „bieten wir unseren Kundinnen und Kunden einen deutlichen Komfortgewinn.“ Man gäbe ihnen die Zeit zurück, die sie sonst im Stau verloren hätten.

Spiele spielen und Filme schauen

Im Gegensatz zu Level-2-Systemen (die bereits heute zum Einsatz kommen) können Fahrerin und Fahrer nun im Stau Dinge tun, die sie zuvor nicht konnten oder durften. Beispielsweise können sie im Infotainmentsystem Spiele spielen, Videos schauen oder eMails checken. Schließlich ist der Drive Pilot in der Lage, bei Stausituationen auf der Autobahn die bisherigen Aufgaben des Fahrers zu übernehmen. Der kann sich dem Verkehr abwenden – muss allerdings in der Lage sein, nach Aufforderung durch das Fahrzeug schnell wieder die Kontrolle über das Fahrzeug zu übernehmen.

Damit der Drive Pilot funktioniert, dafür müssen aber auch die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehört beispielsweise, dass der von uns auf der Berliner Stadtautobahn mit dem Drive Pilot ausgestattete EQS eine Stausituation vorfindet, nicht schneller als 60 km/h fährt und auch ein vorausfahrendes Fahrzeug erkennt. Die A100, auf die wir vormittags von der Beusselstraße kommend auffuhren, gilt eigentlich als Garant für Stop-and-Go-Verkehr. Aufgrund des großen Stauaufkommens in Berlin hat Mercedes eine Vielzahl seiner Tests deshalb nicht nur in Baden-Württemberg, sondern auch in Berlin durchgeführt.

Drive Pilot funktioniert bis Tempo 60

Doch in Berlin kommt vieles häufig anders als man denkt. So ist es an diesem Tag auch bei unserer Testfahrt von der Beussel- bis zur Detmolderstraße. Statt Stop-and-Go-Verkehr läuft der Verkehr – bis auf einen kurzen Abschnitt auf der Rudolf-Wisselbrücke. Hier betätigen wir den Aktivierungsknopf am Lenkrad – und schon erkennt der Drive Pilot dank seiner Systeme (Kameras, Radar, Lidar, Ultraschall-Sensoren) das vorausfahrende Fahrzeug und übernimmt das Lenken, Bremsen, Beschleunigen und Spurhalten – zumindest solange, wie das vorausfahrende Fahrzeug nicht schneller als 60 km/h fährt.

Viel Zeit hatten wir nicht, um uns mit vielen Dingen abseits des Verkehrs zu beschäftigen. Doch sie reichte aus zu erkennen, dass das System den Fahrer bei langen Staus entlastet – und genau das ist es, was Mercedes will.

Systeme sind redundant ausgelegt

Im Drive Pilot von Mercedes kommen eine Vielzahl von Sensoren zum Einsatz. Foto: Mercedes

Systeme wie die Bremsen, Lenkung, Teile der Sensorik und der Stromversorgung sind redundant ausgelegt. Dadurch sei sichergestellt, dass das Fahrzeug in jeder Fahrsituation manövrierfähig bleibt – und eine sichere Übergabe an den Fahrer gewährleistet werden kann. Damit das Auto auch jederzeit weiß, wo es sich befindet, verfügt der Drive Pilot über eine zentimetergenaue Positionsbestimmung. Das Positionierungssystem sei wesentlich genauer als herkömmliche GPS-Systeme. Damit man auch über das entsprechende Kartenmaterial verfügt, hat Mercedes bundesweit die 13.191 Kilometer des Autobahnnetzes abgefahren.

Zu den Einschränkungen des bisherigen Systems gehört übrigens auch, dass es nicht in Baustellen, bei Dunkelheit, bei Schneefall oder starkem Regen funktioniert. Auch vor der Einfahrt in Tunnel lässt sich das System nicht aktivieren, denn eines braucht es immer: gute Sicht. Mercedes jedenfalls ist überzeugt vom seinen System – und will es noch in diesem Jahr in den US-Bundesstaaten Kalifornien und Nevada einführen.

Auch wenn der Drive Pilot in seiner heutigen Form aus technischer, aber auch aus rechtlicher Sicht viele Einschränkungen aufweist und sein Mehrwert damit überschaubar ist, ist er ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum fahrerlosen Auto. Wie sagte doch Martin Hart. Irgendwann muss man ja anfangen.

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