Viel Platz, komplette Ausstattung und eine Ladeleistung, die selbst hochpreisige Konkurrenten alt aussehen lässt: Der Xpeng G6 zeigt, wie ernst chinesische Hersteller im europäischen Elektroautomarkt inzwischen zu nehmen sind.
Unter diesen Herstellern nimmt Xpeng nochmal eine Sonderrolle ein. Die Marke gehört nicht zu einem staatlichen Unternehmen, sondern ist eine Aktiengesellschaft, über die Gründer He Xiaopeng trotz eines Anteils von wahrscheinlich nur noch 20 Prozent immer noch die Kontrolle hat. Gegründet wurde das Unternehmen 2014, vorher leitete Xiapeng ein Software-Unternehmen.
Die spezielle Expertise auf diesem Gebiet war auch der Hauptgrund für Volkswagen, sich 2023 für 700 Millionen Dollar mit 4,99 Prozent am Unternehmen zu beteiligen und sich damit Zugang zu digitalem Spitzen-Know-how zu verschaffen. Wahrscheinlich eine der klügeren Entscheidungen in der jüngeren, von Fehlschlägen geprägten Unternehmenspolitik.
Hohe Verarbeitungsqualität
Xpeng setzt grundsätzlich auf hohe Verarbeitungsqualität und komplette Ausstattungen. Eine Optionsliste im engeren Sinn gibt es nicht. Das von uns getestete elektrische Mittelklasse-Modell G6 ist bislang mit seinen 4,75 Metern Länge noch das „kleinste“ Modell der Marke, ab Herbst übernimmt dann der mit 4,65 Meter etwas kürzere und deutliche preiswertere L03 die Rolle des günstigsten Modells der Xpeng-Palette.
Optisch kann man dem G6 wenig vorwerfen. Mit seinen schmalen Frontscheinwerfern und der stark nach hinten abfallenden Dachlinie wirkt das Design durchaus dynamisch. Allerdings ist das Angebot in der Mittelklasse breit gefächert und es ist daher für keine Marke einfach, sich in dieser Hinsicht deutlich vom Wettbewerb abzuheben.
Länge von 4,75 Meter
Dies gilt ebenso für den hochwertigen, aber ein wenig steril wirkenden Innenraum mit wenigen Schaltern und Tasten, der stark an Tesla oder andere chinesische Autos erinnert. Viele Einstellungen und Funktionen sind auch hier nur über das gut ablesbare Mittendisplay abrufbar. Das klappt in der Regel gut, wird vom europäischen Fahrer wahrscheinlich aber trotzdem als zu umständlich bewertet.
Ein Auto von, wie schon erwähnt, 4,75 Meter Länge – das entspricht zum Beispiel der noch aktuellen C-Klasse von Mercedes – bietet in der Regel schon viel Platz für zumindest vier Passagiere. Bei einem Elektroauto dieser Größe ist das Raumangebot aufgrund des geringeren Platzbedarfs für den Antrieb aber geradezu verschwenderisch. So auch beim G6, der vor allem im Fond trotz der Coupé-Linie in dieser Hinsicht keine Wünsche offenlässt.
Ausgestattet mit 800 Volt
Die zweite große Stärke des Xpeng liegt in seinen Ladefähigkeiten. Von einem Fahrzeug mit 800-Volt-Architektur darf man in Sachen „Tankleistung“ natürlich einiges erwarten, der G6 hat uns aber geradezu verblüfft. Seine maximalen Fähigkeiten, er lädt mit bis zu 451 kW, konnte er mangels geeigneter Säulen zwar nicht unter Beweis stellen, aber an einer 320-kW-Säule schafft er bei einer Nachladung von rund 25 auf 80 Prozent einen Durchschnittswert von über 300 kW! Nicht selten war der Akku schon wieder auf 80 Prozent, wenn wir an einer Raststätte nur mal eben einen Kaffee getrunken und eine Zeitung geholt hatten. Hier hält Xpeng in der Realität, was andere Marken nur vollmundig versprechen.
Neben einigen kleineren Bedienungsschwächen bleibt vor allem das Fahrwerk ein wenig hinter den Erwartungen zurück, weil es weder wirklich komfortabel ausgelegt ist, noch durch besondere dynamische Fähigkeiten auffällt. Ein Manko, das allerdings in der Praxis wohl nur wenige Fahrer stören wird, denn E-Autos werden aufgrund der stark ansteigenden Verbräuche bei hohen Geschwindigkeiten meist sowieso nur im moderaten Bereich bewegt. Obwohl der G6 laut Datenblatt ja immerhin eine Maximalgeschwindigkeit von 202 km/h zulässt, was im Vergleich zu manchen Wettbewerbern ziemlich viel ist.
Gute Verbrauchswerte
Nutzt man diese Möglichkeit nicht aus, lässt sich der Xpeng einigermaßen sparsam bewegen. Natürlich nicht mit dem angegebenen Normwert von 17,5 kWh auf 100 Kilometern, aber mit realen 20,8 kWh waren wir nicht unzufrieden. Im Alltag ergibt das eine Reichweite von etwa 400 Kilometern, was ebenfalls okay ist, zumal – siehe oben – das Nachladen des Akkus sehr fix geht.
Das Ausschalten der auch beim G6 nervig bimmelnden Assistenzsysteme geht übrigens zumindest für den Tempolimit- und Müdigkeitswarner recht einfach: Das Auto fragt gleich nach der ersten Warnung, ob es das jeweils aktive System abschalten soll. Ja, bitte.
Kommen wir zu den Kosten: Mit 47.600 Euro ist das Mittelklasse-SUV kein Schnäppchen, aber aufgrund seiner rundum kompletten Ausstattung und der 800-Volt-Technologie sehr fair eingepreist. Nicht zu vergessen die umfangreichen Garantien von sieben Jahren auf das Fahrzeug sowie acht Jahren auf den Akku, beide allerdings auf maximal 160.000 Kilometer begrenzt.
Der G6 bietet seinen Fahrern damit ein insgesamt gelungenes Gesamtpaket und greift mehr noch als andere China-Marken aufgrund seiner Verarbeitung, der Ausstattung und der Ladeleistung nicht nur andere Importmarken, sondern auch deutsche Hersteller an. Die müssen sich offensichtlich nicht nur wegen der jetzt einsetzenden kühleren Temperaturen künftig wohl noch wärmer anziehen. (SP-X)


