Mit dem EX60 startet Volvo eine neue Ära der E-Mobilität. Anders als angekündigt wird es Plug-in-Modelle aber auch nach 2030 noch geben.
Von nordischer Kühle ist bei Volvo derzeit wenig zu spüren. Rund um den neuen EX60 geht es stattdessen überschwänglich zu. Wohin man hört, ist vom „Game Changer“ die Rede, vom Meilenstein und vom Start in eine neue Ära der Elektromobilität. Und tatsächlich geben die Zahlen den Schweden recht: 800 Volt Bordspannung, 800 Kilometer Reichweite – aber eben keine 80.000 Euro Kaufpreis. Mit dem EX60, der ab April in Schweden gebaut wird und im Sommer in den Handel kommt, ließe sich das bisherige Spiel womöglich wirklich ändern.
Bei Volvo wissen sie aber auch, dass der Neue vor allem in Sachen Elektronik keine Schwächen zeigen darf. Zu weit haben Probleme beim EX90 den Autobauer zurückgeworfen. Nicht ohne Grund sieht Strategie-Chef Michael Fleiss den Konzern in Sachen Software am „Scheideweg“. Allerdings zeigt er sich absolut zuversichtlich: „Alle Probleme sind erkannt und gelöst.“
Erster Software-definierter Volvo
Und so ist der EX60 (ab 62.990 Euro) das erste offiziell Software-definierte Auto von Volvo. Es basiert auf einem Core-Computer sowie zwei Hochleistungsrechnern mit Qualcomm-Chips und neuester Nvidia-Technologie. Alle Updates laufen künftig „Over the Air“ – und in nicht allzu ferner Zukunft soll die gesamte Software für alle Modelle einheitlich sein. Einzig sichtbare Veränderung ist derzeit die Abkehr vom Hochkant-Display zum 15-Zoll-Querformat. Die Bedienung rücke damit näher zum Fahrer, so Fleiss. Und man ahnt, wie schwer den Designern diese Neuerung gefallen ist.
Bahnbrechendes hat sich auch in den Tiefen des 4,80 Meter langen Chassis getan. Nahezu der komplette Hinterbau wird nicht mehr aus mehr als 100 Alu-Teilen verschweißt, für die es fast ebenso viele Hersteller und Lieferketten gibt, sondern besteht im Wortsinn aus einem Guss. Gut 30 Prozent an Kosten soll das sogenannte Megacasting sparen – vor allem aber ein Fünftel des bisherigen Gewichts. In Sachen Reichweite ein entscheidender Aspekt. Die Technologie ist übrigens eine reine Volvo-Entwicklung und stammt nicht etwa vom chinesischen Eigner Geely. Gut möglich jedoch, dass sich die Idee über Torslanda hinaus verbreitet.
Akku-Pack wird eingeklebt
Ebenfalls neu ist das „Cell-to-body“-Verfahren, bei dem der Akku-Pack von unten in die Karosserie eingeklebt wird. Das erhöht die Steifigkeit und bringt Vorteile bei Gewicht und Kosten. Volvo-Boss Hakan Samuelsson zieht den hübschen Vergleich zum Auto von Fred Feuerstein. Ein rollender Rahmen, aus dem ohne Batterie die Füße schauen würden. Obendrein kommt der Volvo EX60 mit dem ersten multi-adaptiven Sicherheitsgurt. Anpassungsfähig und hochintelligent. Daran hätte bestimmt auch Freds zierliche Gattin Wilma ihre Freude gehabt. Möglicherweise nicht an den Türgriffen, die wie winzige Flügelchen in die Fenster ragen. Ein Schwede mit Finnen – das passt irgendwie nicht zusammen.
Richtig ins Schwärmen gerät Samuelsson beim Thema Energie. Mit 370 kW Ladeleistung und 810 Kilometern Reichweite beim Top-Modell (ab 71.990 Euro), betont er, liege man sogar leicht über – und also auch vor – den Konkurrenzmodellen von BMW und Mercedes. Nicht mal 20 Minuten sollen vergehen, bis sich der Akku von 10 auf 80 Prozent regeneriert hat. Vielleicht noch eindrucksvoller: In gerade mal zehn Minuten zapft der EX60 Strom für 340 Kilometer. So schnell schafft man kaum das Pausen-Käffchen.
Elektroauto ohne Kompromisse
Endgültig vorbei sei damit die Zeit der Kompromisse, konstatiert der Volvo-CEO. Man könne aus einer Palette von 275 kW (374 PS) mit Heckantrieb und 80-kW-Akku bis zu 500 kW (680 PS) mit Allradantrieb und 117-kW-Speicher wählen. Zudem sei der Basis-EX60 billiger als ein vergleichbarer XC60 Plug-in. Das sei zusammen mit den anderen E-Modellen ein tolles Angebot. Allerdings sagt Samuelsson auch: „Über den Zeitpunkt des Umstiegs zur Elektromobilität entscheidet der Käufer.“ Weshalb der Boss das ursprünglich ausgegebene Volvo-Ziel von 2030 „modifiziert“ sehen will. Die Brücke, die man derzeit mit den Doppelherz-Varianten baue, werde wohl ein bisschen länger werden müssen. Wie lang genau, will er nicht vorhersagen. Es könnte aber womöglich 2035 werden, bis ausschließlich vollelektrische Volvos vom Band rollen.
Hoffnung macht Samuelsson allerdings einer zuletzt eher vernachlässigten Klientel. „Es wäre der falsche Weg, nur noch SUV zu bauen“, sagt er. „Wir brauchen auch große flache Autos. Chefstratege Fleiss kündigt sogar an, das traditionelle Kombi-Segment wieder „vernünftig bedienen“ zu wollen. Gerade in China werde diese Karosserie-Variante zunehmend interessant. Wohl nicht so sehr wegen des zusätzlichen Platzes, verrät er, sondern wegen der gestreckten Form. Wie auch immer: Den deutschen Kollateralnutzern könnte es egal sein. Ein Cabrio indes wird es nicht geben, dafür sei der Markt einfach viel zu klein. Apropos klein: Auch die Einstiegsmodelle EX30 und EX40 sollen auf Sicht eine 800-Volt-Architektur bekommen, verspricht Fleiss. Die Ladeleistung sei damit einfach besser.
Auf die Frage zur neuen E-Auto-Förderung der Bundesregierung hat Fleiss eine unmissverständliche Antwort. „Wir würden eher eine Senkung des Strompreises begrüßen als einen Kaufzuschuss.“ Nordisch kühler kann man eine Abfuhr an die Politik kaum erteilen.


