Eines muss man Volvo lassen: Schöne Autos können die Schweden bauen. Der neue Volvo ES90 gehört zweifelsohne in diese Kategorie. Wir waren mit ihm unterwegs.
Volvo wollte eigentlich ab 2030 eine rein elektrische Marke werden. Dieses Ziel haben die Schweden indes längst kassiert. Damit ist die Geely-Tochter keine Ausnahme. Auch Marken wie Mercedes oder Opel – hier wollte man bereits ab 2028 nur noch rein elektrisch sein – haben ihre einstigen Transformationsziele revidiert.
Schade, dass gerade die Schweden hier trotz der Marktgegebenheiten nicht konsequenter geblieben sind. Schließlich sah sich die Marke hier unten den Premiumherstellern in einer Vorreiterrolle – und hat dieses in der Vergangenheit gern betont.
Ausreichend Platz auch im Fond
Dessen ungeachtet, setzt man bei Volvo seine Modelloffensive bei der Elektromobilität fort. Derzeit hat man einen EX30, einen EX60, einen EX90 und einen ES90 im Angebot, Letztere die Limousinen-Variante des Flaggschiff-SUVs. Entsprechend teilt man sich auch die sogenannte SPA2-Plattform mit dem SUV. Der ES90 ist zugleich das Auto, was wir für zwei Wochen ausgiebig getestet haben. Sei es nun für Fahrten von Berlin ins Weserbergland oder im innerstädtischen Verkehr der Hauptstadt. Dabei überrascht es bei einem Fahrzeug mit einer Länge von exakt fünf Metern nicht, dass es seine Stärken gerade auf der Langstrecke ausspielt. Genau dafür ist der ES90 konzipiert: er ist ein komfortables Reisegefährt, nichts für übervolle Städte mit Parkplatznot.
Sein Platz- und Raumangebot ist so ausgelegt, dass hier auch eine vierköpfige Familie ohne Verrenkungen die Fahrt in den Urlaub antreten kann. Dass Fahrer und Beifahrer über ausreichend Platz verfügen, versteht sich von selbst. Aber auch im finden selbst großgewachsene Mitreisende ausreichend Kopf- und Kniefreiheit vor: ein Radstand von 3,10 Meter ist halt eine Ansage – und das merkt man nicht nur beim Platznehmen auf der Rückbank, sondern auch beim Blick in den Kofferraum: hier lassen sich mindestens 424 Liter verstauen. Das ist jetzt nicht überwältigend, aber durchaus akzeptabel.
Der Innenraum ist so, wie man es von einem Auto für einen Preis mindestens 83.990 Euro für die Variante als Single Motor Extended Range mit der 88 kWh (netto/Reichweite 631 km) großen Batterie erwarten kann – nämlich hochwertig. Die Materialien sehen dabei nicht nur gut aus, sondern fühlen sich auch ebenso an: Qualität sieht und spürt man.
Touchscreen mit 14,5 Zoll Größe
Die Bedienung der wichtigsten Fahrzeugfunktionen funktioniert dabei intuitiv. Der zentrale Touchscreen hat eine Größe von 14,5 Zoll und ist identisch zum SUV. Auch hier sorgt Google für die Navigation – und das ist gut so. Denn das ist ebenso vertraut wie der Sprachassistent („Hey Google“). Noch ein Wort zum schlüssellosem Zugang zum Auto: der entwickelte sich bei unserem Testwagen zu einem Geduldsspiel: Mal schloss sich das Fahrzeug bei der Annäherung nicht auf, mal schloss es beim Weggehen nicht ab. Dann also händisch: Doch auch das ging nicht problemlos: teils funktionierte das Öffnen und Schließen beim Auflegen des Schlüssels/Keycard auf den Türgriff erst nach mehrmaligen Versuchen (nein, die Batterie war nicht leer). Das sollte bei einem Auto (nicht nur in dieser Preisklasse) funktionieren, ohne die Geduld auf die Probe zu stellen.
Doch nun zu den Fahrleistungen unserer mit 333 PS motorisierten Oberklasse-Limousine. Die sind selbst für ein 2,4 Tonnen schweres Elektroauto mehr als ausreichend. Der ES90 bietet dank eines maximalen Drehmoments von 480 Nm einen kraftvollen Antrieb – und beschleunigt in gerade einmal 6,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit ist, wie bei Volvo üblich, auf 180 km/h begrenzt. Manch einer wird das als zu gering erachten, ich nicht. Wer elektrisch fährt, der ist (zumeist) nicht auf Topspeed aus, sondern auf gute Beschleunigungswerte – und insbesondere einen effizienten Verbrauch. Den WLTP-Verbrauch von 15,9 kWh/100 km konnten wir zwar nicht erreichen, doch bei Temperaturen um die neun Grad zeigte Bordcomputer knapp unter 20 kWh/100 an.
Schnelles Laden
Damit ergeben sich mit der 88 kWh (netto) starken Batterie Reichweiten von je nach Fahrweise über 430 Kilometer. Das ist okay – und bei höheren Temperaturen dürften auch um die 500 Kilometer möglich sein. Unterwegs jedenfalls erfreut einen der ES90 mit einem auf Komfort abgestimmten Fahrwerk und einem gut gedämmten Innenraum, in dem selbst auf der Autobahn nur wenig Geräusche nach innen dringen.
Dank der 800 Volt-Architektur lädt der ES90 auch besonders schnell, bis zu 350 kW in der Spitze übrigens. Und hier verspricht der ES90 nicht zu viel. Bei uns lud er bei vorkonditionierter Batterie (geht auch manuell) – von 11 auf 58 kW im Durchschnitt mit über 236 kW. Das macht Spaß. Von zehn auf 80 Prozent sollen bei entsprechender Ladesäule und idealen Bedingungen nur 22 Minuten für die Ladung vergehen, an einer 150 kW-Säule sind es 30 Minuten. Am Ende der zwei wöchigen Testphase hinterlässt der ES90 einen stimmigen Eindruck und empfiehlt sich als Fahrzeug für alle die, die viel Langstrecke mit ihrem Stromer fahren wollen und dabei auch ausreichend Platz für die Familie bietet.


