Eine Limousine? Wirklich? Ja, Volvo kann nicht nur Kombis und SUVs, sondern auch Limousinen. Das stellt man mit dem neuen ES90 unter Beweis.
Wenn es einen Ort an der der Côte d’Azur gibt, wo die Zahl der Reichen besonders hoch ist, dann dürfte das Monaco sein. Das kleine Fürstentum in Südfrankreich ist bekannt dafür, ein Rückzugsort für Millionäre und den Jetset zu sein. Sie zeigen gern, was sie haben und sich leisten können. Das sieht man gerade auch an den Luxuskarossen, die hier unterwegs sind und die weit jenseits der 100.000 Euro kosten. Sehen und gesehen werden, heißt die Devise.
Wer in Monte Carlo am Hafen steht und seinen Blick den Hang hinauf Richtung der Gemeinde Roquebrune-Cap-Martin richtet, der sieht unweigerlich das in einen Hang gebaute Maybourne Riviera. Von dort hat man einen atemberaubenden Blick auf Monte Carlo und die dort ankernden Yachten. Die Nobel-Herberge ist ein Place-to-be für all jene, die es sich leisten können. Doch die Fünf-Sterne-Unterkunft ist erstaunlich geerdet geblieben. Hier gibt es kein Schickimicki, eher stilvolles Understatement. Das passt dann ganz gut zum Volvo ES90, der neuen Limousine des schwedischen Autobauers mit seinem chinesischem Eigentümer Geely. Volvo hat diesen Ort gewählt, um seinen neusten Stromer zu präsentieren.
Rückkehr ins Segment der Business-Limousinen
Mit dem exakt fünf Meter langen und nur rein elektrisch angetriebenem Modell will Volvo nach der Einstellung seiner Business-Limousine S90 der Konkurrenz von BMW mit dem i5, Mercedes mit dem EQE oder Audi mit dem A6 e-tron wieder etwas entgegen setzen. Mit seinem Einstiegspreis von 71.990 Euro bewegt sich der ES90 damit in der oberen Mittelklasse, passt mit seinem eleganten Aussehen ziemlich gut an die Mittelmeerküste mit ihren malerischen Küstendörfern. Für diesen Einstiegspreis bekommen die Kundinnen und Kunden das Basismodell „Single Motor Extended Range“ mit Heckmotor und einer Leistung von 333 PS.
Geht man nach den Erwartungen des Marketings, wird sich der geneigte Volvo-Kunde aber eher für eines der beiden Allradmodelle entscheiden. Bei der Variante „Twin Motor“ (88.990 Euro) und „Twin Motor Performance“ (94.490 Euro) sorgt ein zusätzlicher E-Motor an der Vorderachse für den Vortrieb. Dafür bekommt man dann auch 456 PS beziehungsweise 680 PS geliefert – und natürlich ein Mehr an Gewicht. Statt 2,41 Tonnen wiegen die Allradvarianten 2,61 Tonnen. Eines ist bei allen Modellen gleich: Sie fahren partout nicht schneller als 180 km/h. Was Freunde des Topspeeds immer wieder zu Kritik ermuntert, ist aber vernachlässigbar. Es ist ein Tempo, das reicht. Gerade in einem Stromer, bei dem es letzten Endes auch auf Effizienz ankommt.
Basismodell mit 333 PS
Doch bleiben wir bei dem auch von uns gefahrenem Basismodell mit seinen 333 PS. Klar, er ist nicht ganz so flott wie die AWD-Varianten. Aber seien wir mit Blick auf die Leistungsdaten ehrlich: Kommt es in einer Reiselimousine wirklich darauf an, ob ich nun in 6,6 Sekunden den Sprint auf Tempo 100 zurücklege oder in 5,4 oder gerade einmal vier Sekunden wie beim Topmodell? Es sind andere Qualitäten, die zählen. Beispielsweise der Komfort. Und da gibt sich der ES90, der wie sein SUV-Pendant EX90 als zweites Volvo-Modell auf der SPA2-Plattform basiert, keine Blöße. Das fängt bereits beim Einstieg an: denn der erfolgt dank einer Bodenfreiheit von 18 Zentimeter ausgesprochen kommod (beim EX90 sind es übrigens 21,2 Zentimeter).
Allein diese erhöhte Bodenfreiheit dürfte Kundinnen und Kunden ansprechen, die Limousinen eigentlich gar nicht schlecht finden, aber wegen des bequemeren Einstiegs und der erhöhten Sitzposition beim Kauf sich doch eher für einen SUV entscheiden. Dieses Kaufhindernis gibt es mit dem neuen ES90 nun nicht mehr. So wie sich der Neue beim Einstieg von der Konkurrenz abhebt, hebt er sich mit seiner Seitenansicht durch seine zum Heck abfallende coupé-artige Dachlinie ab. Das verleiht dem ES90 mit seinem Radstand von 3,10 Meter einen dynamischen Auftritt.
Wer im ES90 auf bis zu sechsfach verstellbaren Komfortsitzen Platz nimmt, der kann sich dann auch nicht nur über den bequemen Einstieg freuen, sondern auch über den skandinavisch klar gestalteten Innenraum samt eines Panoramaglasdachs. Bestimmt wird der Innenraum von einem aufgeräumte Cockpit mit dem 14,5 Zoll großen Touchscreen. Dabei muss man sich indes daran gewöhnen, dass man die Außenspiegel über ein Untermenü im Touchscreen einstellen muss. Aber wenn man es weiß, gewöhnt man sich daran. Wie alle neuen Volvos setzt man auch ES90 auch auf das googlebasierte Android Automotive-System, sodass die Navigation über Google- Maps und den entsprechenden Sprachassistent funktioniert. Das kennt und schätzt man angesichts der Einfachheit bei der Bedienung.
Dass im Innenraum für ausreichend Platz gesorgt ist, liegt bei einer Länge dieses Autos von exakt fünf Metern (Höhe 1,55 Meter, Breite 1,94 Meter) und dem langen Radstand auf der Hand. Das wird gerade großgewachsene mit einer Größe von jenseits der 1,90 Meter freuen. Diese finden im Fond ausreichend Knie- und trotz der abfallenden Daches auch Kopffreiheit vor. Der Kofferraum bietet ein Volumen von mindestens 424 Liter, bei umgelegter Rückbank sind es 1427 Liter. Im Frunk findet sich Platz für nochmals 27 Liter Gepäck; hier lässt sich beispielsweise für den schnellen Zugriff das Ladekabel verstauen.
Batterie mit Kapazität von 92 kWh
Doch kommen wir dazu, wie sich der ES90 fährt, der von Anbeginn auf einer 800 Volt-Architektur basiert. So, wie man es erwartet. Zumindest fast. Der mit adaptiven Luftfahrwerk ausgestattete Testwagen ist zwar durchaus komfortabel, aber straffer, als man es von einer Limousine in dieses Klasse erwartet. Wer auf schlechten Straßen mit Bodenwellen unterwegs ist, bekommt diese dann doch sehr deutlich im Innenraum widergespiegelt. Von Kuschelfaktor ist so nichts zu spüren.
Allerdings war unser Testwagen auch mit 22 Zoll-Rädern unterwegs. Wer sich für 20 Zöller entscheidet, dürfte etwas komfortabler reisen. Wer dann noch in den Sportmodus schaltet, der bekommt die besonders sportliche Gangart präsentiert – das muss man mögen. Die Lenkung passt dabei recht gut zur Fahrwerksabstimmung: Sie spricht direkt an, kann aber auch über die Einstellung im Touchscreen auf weniger Widerstand eingestellt werden. Alles also ganz nach Belieben.
Was positiv auffällt im ES90 sind die geringen Innenraumgeräusche. Die Anstrengungen bei der Aerodynamik (cW-Wert 0,25) und der Aeroakustik haben sich ausgezahlt. Erreicht wurde dies zudem durch eine guten Dämmung, einer Akustikverglasung auch durch eine verwindungssteife Karosserie. Vorn soll sich das Geräuschniveau bei gerade einmal 68 db (A) bewegen, im Fond bei unter 70. So unterwegs, lässt sich der Trubel des Alltags vergessen – oder die Musik genießen.
Soundsystem als Erlebnis
„Sie müssen unbedingt unser neues Soundsystem ausprobieren“, empfiehlt Magdalene Molin, die Produktmanagerin der Baureihe. „Es ist ein Erlebnis.“ Wirklich? Ja, Molin hat nicht zu viel versprochen. Das Premium-Soundsystem von Bowers & Wilkons bringt es auf eine Leistung von 1610 Watt und beschallt den Innenraum mit 25 Lautsprechern und Subwoofern. So den Song oder das Stück seines Lieblingsinterpreten oder Komponisten zu hören, ist in der Tat ein Genuss. Den man sich indes auch einiges kosten lassen muss: 3460 Euro stehen dafür in der Preisliste. Musikliebhaber dürften hier zahlungsbereit sein.
Und wie hält es der ES90 mit der Effizienz? Je nach Konfiguration wird ein WLTP-Wert von 15,9 bis 18,5 kWh/100 km in Aussicht gestellt. Das ist die Papierform, doch wie schaut die Realität aus? Nach unseren Testfahrten kamen wir auf einen Verbrauch von 18,3 kWh. Ein guter Wert. Die offizielle Reichweite für das Basismodell mit dem 92 kWh großem Akku wird mit bis zu 651 Kilometer angegeben. Die AWD-Varianten haben eine 106 kWh große Batterie verbaut, die 700 Kilometer rein elektrische Kilometer ermöglichen sollen. Dank der 800 Volt-Architektur lässt sich sich der kleine Akku mit bis zu 310 kW laden. So vergehen an einem Schnelllader 22 Minuten, um die Batterie von 10 auf 80 Prozent zu laden. Beim größeren Akku liegt die Ladeleistung sogar bei 350 kW, sodass er die gleiche Zeit für eine Aufladung braucht.
Nun bleibt abzuwarten, wie die Kundinnen und Kunden auf den in China gebauten ES90 reagieren? Werden sie sich eher für das Modell eines deutschen Premiumherstellers oder doch lieber für die skandinavische Alternative entscheiden? Der ES90 jedenfalls bringt alles mit, um ihnen die Entscheidung nicht leicht zu machen.



