Auf deutschen Straßen geht es zunehmend rauer und aggressiver zu. Das ist eines der Ergebnisse einer Langzeitstudie der Unfallforschung der Versicherer.
Eine aktuelle Langzeitstudie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) im Gesamtverband der Versicherer (GDV) zeigt: Das Miteinander auf deutschen Straßen wird zunehmend rauer. „Nahezu alle 23 ermittelten Werte für aggressives Verhalten haben sich seit der letzten Studie 2023 nochmal weiter verschlechtert, einige sogar deutlich“, sagt UDV-Leiterin Kirstin Zeidler. Die Forschenden beobachten diesen Trend bereits seit zehn Jahren.
Besonders auffällig ist die steigende Gereiztheit von Autofahrenden. Mehr als die Hälfte gibt an, sich sofort abreagieren zu müssen, wenn sie sich über andere Verkehrsteilnehmende ärgert. Dieser Wert ist deutlich gestiegen: von 29 Prozent im Jahr 2016 auf 55 Prozent in der aktuellen Erhebung. Auch Drängeln nimmt zu. Fast die Hälfte der Autofahrenden räumt ein, manchmal zu dicht aufzufahren, wenn vorausfahrende Fahrzeuge als zu langsam wahrgenommen werden. Zudem gibt etwa ein Drittel an, nach dem Überholen gelegentlich so knapp einzuscheren, dass andere bremsen müssen.
Auch Radfahrer zunehmend aggressiver
Nicht nur Autofahrende zeigen problematisches Verhalten. Auch unter Radfahrenden registriert die Studie eine Zunahme riskanter Manöver. 43 Prozent geben an, gelegentlich die Vorfahrt zu erzwingen. Fast jede zweite radfahrende Person überholt Autos links oder schlängelt sich durch den Verkehr, wenn rechts kein Platz ist. Damit zeigt sich, dass Aggression und Regelverstöße nicht auf eine Verkehrsgruppe beschränkt sind.
Zwischen Selbstbild und Fremdbild der Verkehrsteilnehmer besteht dabei eine Diskrepanz. Viele Verkehrsteilnehmende sehen Fehlverhalten vor allem bei anderen, nicht bei sich selbst. So behaupten 92 Prozent der Autofahrenden, Radfahrende besonders rücksichtsvoll zu überholen. Gleichzeitig beobachten 86 Prozent, dass andere Autofahrende Radfahrende zu eng überholen. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Radfahrenden: Während 48 Prozent eigenes riskantes Überholen oder Durchschlängeln zugeben, beobachten 83 Prozent dieses Verhalten bei anderen.
Geduld im Straßenverkehr sinkt
Die UDV sieht gesellschaftliche Entwicklungen als mögliche Ursache für die Verschärfung. Das Leben werde hektischer, Menschen seien permanent erreichbar, der Druck steige – diese Belastungen wirkten sich offenbar auch auf den Straßenverkehr aus. Die Folge: Die Geduld sinkt, die Bereitschaft zu Rücksichtnahme nimmt ab.
Neben Aggression nennt die Studie auch Ablenkung als wachsendes Sicherheitsproblem. Die Nutzung des Smartphones am Steuer nimmt zu. Jeder vierte Autofahrende schreibt während der Fahrt zumindest gelegentlich Nachrichten, jeder fünfte nutzt soziale Netzwerke. Besonders verbreitet ist dieses Verhalten bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 35 Jahren, aber auch ältere Altersgruppen greifen zunehmend während der Fahrt zum Handy. Die UDV warnt deshalb, der Zeitgeist laufe der Verkehrssicherheit entgegen.
Stärkere Polizeikontrollen
Als Gegenmaßnahmen werden schärfere Kontrollen und härtere Sanktionen genannt. Zwar erwarten Befragte inzwischen etwas häufiger Polizeikontrollen, tatsächlich erleben sie diese jedoch selten. Auch das Strafmaß wird vielfach als zu mild wahrgenommen. Aus Sicht der UDV sind neben Polizei und Gesetzgeber auch Verkehrsplanende sowie Verkehrspsychologinnen und Verkehrspsychologen gefragt. Sie sollen Konzepte entwickeln, um aggressivem Verhalten im zunehmend dichten Verkehr entgegenzuwirken. Kampagnen sollen stärker für Rücksichtnahme und ein besseres Miteinander werben.
Trotz der negativen Entwicklung fühlt sich eine Mehrheit der Verkehrsteilnehmenden in Deutschland weiterhin sicher im Straßenverkehr. 58 Prozent geben dies an, etwas weniger als 2016. Männer fühlen sich dabei deutlich sicherer als Frauen. Entsprechend befürworten Frauen schärfere gesetzliche Maßnahmen stärker als Männer.
Die Studie zeigt außerdem eine breite Zustimmung zu strengeren Regeln. Besonders hohe Unterstützung gibt es für eine Null-Promille-Grenze im Kraftfahrzeug und für eine zusätzliche 1,1-Promille-Grenze für Radfahrende. Auch Tempolimits gewinnen an Zustimmung: Rund 60 Prozent sprechen sich für Tempo 130 auf Autobahnen aus, gut die Hälfte für Tempo 80 auf Landstraßen und rund 43 Prozent für Tempo 30 in Städten.




