Mit glatten zwei Metern Längenzuwachs und der 14-fachen Leistung seines Urahns stößt der Smart #5 Brabus in neue Dimensionen vor. Was haben die Kunden im Alltag davon?
Seit Bodo Buschmann 1984 einen Fünfliter-V8 in einen Mercedes 190 einbauen ließ, steht der Name Brabus für Sportwagen mit überbordender Leistung. Dass aber ein Smart einmal 646 PS haben würde, hat wohl auch der Firmengründer nicht geahnt. Als 1998 der erste Smart auf den Markt kam, war er ein in vielerlei Hinsicht außergewöhnliches Auto. Ein City-Flitzer mit minimalem Platzbedarf und sparsam obendrein. Der Smart #5 ist in vielerlei Hinsicht ein gewöhnliches Auto, denn praktisch jeder baut heute SUVs – selbst im rein elektrischen Sektor ist das Angebot inzwischen riesig.
Dennoch hoffen die Konzerne Mercedes und Geely, die seit 2019 hinter der Marke Smart stehen, dass das Modell #5 seine Nische finden werde. Die hochgezüchtete Brabus-Version wendet sich vor allem an Kunden, die sich durch Elektroantrieb umweltbewusst geben, aber an der Ampel gern auch mal einem Porsche 911 Carrera die Rücklichter zeigen wollen. Der Zuffenhausener Klassiker braucht von Null auf 100 km/h 4,1 Sekunden, der Smart #5 Brabus 0,3 Sekunden weniger. Erwähnenswert ist diese gewaltige Spurtkraft deshalb, weil der Smart rund 2,4 Tonnen wiegt – eine Folge der Ausstattung mit einer 100 kWh-Batterie.
Akustische Akzente
Bärenstark ist nicht nur der An-, sondern auch der Auftritt. Obwohl mit knapp 4,70 Metern nicht überdurchschnittlich lang, wirkt der Smart #5 durch breite Spur, 21 Zoll-Felgen und den kastenartigen Aufbau sehr wuchtig und massiv. Auch wenn die nahezu geschlossene Front, die schmalen Scheinwerfer und die breite C-Säule als Abweichungen gelten können, fühlt man sich unweigerlich an die Brabus-Versionen der Mercedes-G-Klasse erinnert. Und analog zu deren bassigem Achtzylinder-Grollen will auch der Über-Smart akustische Akzente setzen. Das gelingt mit dem elektronischen Sound-Generator jedoch nur unvollkommen. Die zur Wahl stehenden „Motorgeräusche“ klingen alles andere als authentisch. Das kann zum Beispiel der Hyundai Ioniq 5N besser.
Zu den nützlichen akustischen Gimmicks gehört die Tatsache, dass bei Betätigen des Blinkers das dazugehörige Ticken entsprechend der Fahrtrichtung aus dem linken oder dem rechten Lautsprecher kommt. Das Platzangebot in der Kabine ist gut, deutlich größer noch ist aber das Ablenkungspotenzial der Monitorlandschaft des Armaturenbretts, denn sie nimmt die ganze Breite zwischen den Lüftungsdüsen ein. Wenn die Beifahrer gerade keine Entertainment-Inhalte konsumieren, schaltet sich der rechte Monitor nach wenigen Sekunden ab. Vorn können sich die Passagiere auf 1,51 Metern zwischen den Türverkleidungen ausbreiten, hinten sind es noch 1,45 Meter.
Gehobenes Komfort-Niveau
Sorgfalt und Geschmack haben ganz offenkundig bei der Einrichtung des Innenraums die Hand geführt. Nicht nur, weil mit Alcantara nicht gespart wird, auch die verwendeten Bezüge und Gewebeoberflächen fügen sich zu einer sportlich-noblen Atmosphäre zusammen. Um den dynamischen Charakter zu betonen, könnten die Sitze vorn etwas stärker konturiert sein, aber dafür sind sie beheiz- und belüftbar. Das Arsenal der Assistenz-Systeme ist vollständig, für zusätzlichen Komfort sorgen beheizbare Rücksitze, die außerdem eine elektrische Lehnenverstellung haben. Eine Durchlademöglichkeit fehlt ebenso wenig wie Cupholder im Fond und ein beheizbares Lenkrad.
Die Ladekante ist mit 78 cm durchschnittlich hoch, die elektrische Klappe wird durch Druck auf die Sensorfläche innerhalb des Buchstabens „a“ im Smart-Schriftzug betätigt. Falsche Sparsamkeit ist an den Türen zu finden, denn nur die vorderen haben Berührungssensoren an den versenkbaren Bügelgriffen zum Öffnen und Verschließen. Die Öffnungsgriffe innen sind ein wenig unhandlich. Das Ladevolumen gibt der Hersteller mit 630 Litern an, um in die Nähe dessen zu kommen, muss man aber den Ladeboden herausnehmen und bis unters Dach stapeln. Bei umgelegten Rücksitzlehnen kommt man auf 1660 Liter. Fürs Ladekabel gibt es einen Frunk unter der vorderen Klappe.
Nachladen in nur 18 Minuten
Satte 475 Kilowatt Spitzenleistung, 710 Newtonmeter Drehmoment, Allradantrieb: Diese Fakten lassen ahnen, welches Spaßpotenzial in diesem Smart steckt. Wer es häufig nutzt, wird die vom Hersteller versprochene Reichweite von 540 Kilometern nicht erreichen (nach WLTP mit 19,9 kWh/100 km), denn schon bei 120 km/h Dauergeschwindigkeit liegt der Stromverbrauch um die 25 kWh je Normstrecke. Und weil bei diesem Tempo die kantige Karosse ordentlich Windgeräusche produziert – gemessen wurden 62 dB(A) – lässt man es auch gern etwas gemütlicher angehen. Mit GPS-gemessenen 212 km/h Spitzentempo gab sich der Test-Smart aber keine Blöße.
Bei 100 Prozent Ladung errechnete sein Bordcomputer 510 km Aktionsradius. Dank 800-Volt-Architektur und einer (theoretisch möglichen) Spitzen-Ladeleistung von 400 kW soll ein Nachladen von 10 auf 80 Prozent in weniger als 20 Minuten möglich sein. Beim Auffüllen mit Wechselstrom an der 22 kW-Säule braucht es 5,5 Stunden von 10 auf 100 Prozent.
Es geht auch weniger dynamisch
Wem das Gleiten mehr liegt als das Spurten, der ist im Smart #5 Brabus gut aufgehoben. Schließlich gibt es außer dem Sport- und dem Brabus-Modus auch noch die Eco- und die Komfort-Einstellung, die der Erwartung an eine weniger dynamik-orientierte Fahrweise Rechnung tragen. Freilich könnte es nicht schaden, die Lenkung etwas gefühlsechter abzustimmen. Ein Offroad-Modus steht ebenfalls zur Verfügung, doch sollte niemand auf die Idee kommen, dies Familien-SUV für einen Geländewagen zu halten. Auch mit 21-Zoll-Felgen beträgt die Bodenfreiheit nicht mehr als 197 mm.
Brabus-Automobile mit Verbrennungsmotor kosten selten weniger als sechsstellige Summen. So gesehen ist der #5 Brabus mit einem Listenpreis von 61.880 Euro fast ein Schnäppchen. Die sogenannte Smart-Prämie von 4000 Euro geht davon noch runter, so dass am Ende weniger auf der Rechnung steht, als man zum Beispiel für einen gut ausgestatteten Opel Grandland Elektrik berappen muss. Aber der kommt ja auch nicht aus China.


