Erst kam der Renault 5, dann der R4, nun kommt der Twingo. Sein Einstiegspreis liegt unter 20.000 Euro. Den Franzosen gelingt damit etwas, was VW erst 2027 hinbekommt.
Eines war für Fabrice Cambolive immer klar. Die E-Mobilität muss bezahlbar sein, sie muss breiten Bevölkerungsschichten zur Verfügung stehen. Das hat der Markenchef von Renault in den zurückliegenden Jahren immer wieder betont – und die Strategie darauf ausgerichtet.
Nun ist es soweit – und Renault feiert die Rückkehr des Ur-Twingo. Der im sogenannten A-Segment beheimatete Twingo (Länge 3,79 Meter) ist natürlich rein elektrisch – und mit ihm will man das Segment bei den elektrischen Kleinstwagen erobern. „Wir werden ihn zu einem Preis von unter 20.000 Euro anbieten“, sagte Cambolive am Donnerstag bei der Weltpremiere des Twingo im Showroom des Herstellers an den Champs Élysée in Paris. Dafür bekommt der Kunde einen City-Stromer mit einer Leistung von 82 PS und einer Reichweite von bis zu 263 Kilometer.
Diesem Ziel eines bezahlbaren Stromers unter 20.000 Euro hatte sich der französische Hersteller mit dem Renault 5 (ab 27.900) Euro bereits angenähert. Mit der Neuauflage seiner Ikone im Retro-Stil hat man den Nerv der Kundschaft getroffen. Der R5 kommt an. Das lässt sich an seinen Absatzzahlen ablesen. In seinem Segment gehört er in Frankreich zu den Topsellern. Zudem wurde er zum „Car of the Year 2025“ gewählt. Doch ein Preis von fast 28.000 Euro liegt in einem Bereich, der für die Bezieher kleinerer Einkommen viel zu teuer ist. Es sei denn, dass sie von attraktiven Leasingangeboten oder Subventionen profitieren.
Twingo als Gamechanger
Doch für Renault war klar, dass es nicht reicht, auf die entsprechenden politischen Rahmenbedingungen und entsprechende Subventionen zu vertrauen. Man muss den Kundinnen und Kunden Angebote machen, die attraktiv genug sind, um sich für ein Elektroauto zu entscheiden. „Wer einmal elektrisch gefahren ist, der will nicht mehr zurück zu einem Verbrenner“, sagte Renault-Chef Francois Provost am Rande der Weltpremiere. Um die Kundinnen und Kunden von den Vorzügen der E-Mobilität zu überzeugen, muss man sie aber zunächst in die Autos bekommen. Dafür muss nicht nur das Design stimmen, sondern vor allem der Preis. Dass der beim Twingo E-Tech Electric stimmt, davon sind Provost und Cambolive.
Mit dem Twingo E-Tech Electric komplettiert Renault das bisher noch recht überschaubare Angebot bezahlbarer E-Autos: der Dacia Spring kostet 16.900 Euro, der Leapmotor T03 18.900 Euro und der Citroen e-C3 steht mit 19.990 Euro in der Preisliste. Ein Einstiegsstromer von VW in dieser Preisklasse wird erst 2027 mit dem ID.1 auf den Markt kommen. Dass die Wolfsburger derart spät ein solches Modell anbieten, wird beim Wettbewerb wohlwollend zur Kenntnis genommen. Wenn schon nicht VW für bezahlbare E-Mobilität sorgt, dann tun es halt die Importeure. „Mit dem Twingo machen wir die Elektromobilität für breite Bevölkerungsschichten erreichbar“, ist Provost überzeugt. Für ihn kommt dem Twingo die Rolle eines „Gamechangers“ zu.
Entwickelt in unter zwei Jahren
Doch warum gelingt der Konkurrenz etwas, was den Wolfsburgern erst in 2027 gelingt? Unter anderem deshalb, weil man mit dem Programm „Leap 100“ zum einen die Entwicklungszeiten auf 100 Wochen reduziert hat, zum anderen LFP-Batterien (Lithium-Eisenphosphat) mit der Cell-to-Pack-Architektur zum Einsatz bringt. Das habe die Entwicklungskosten um 20 Prozent reduziert. Wie Provost verriet, sei der Twingo in unter zwei Jahren entwickelt worden. „Das ist etwas, was selbst unseren chinesischen Wettbewerben nicht gelingt.“ So schnell wie der Twingo wurde bisher kein anderes Modell von Renault entwickelt.
Im Vergleich dazu benötigten die Renault-Ingenieure für den Megane E-Tech Electric noch vier Jahre, bei R5 und R4 waren es drei Jahre. Dass man die Entwicklungszeit beim Twingo derart stark reduzieren konnte, darauf ist der Renault-Chef sichtlich stolz. Entsprechend soll der Twingo auch eine Blaupause für kommende Modelle sein. Zufrieden ist Provost auch damit, dass der CO2-Fußabdruck des Twingo E-Tech Electric im Vergleich zu einem Verbrenner vergleichbarer Größe um 60 Prozent reduziert werden konnte.
Ampere für E-Mobilität verantwortlich
Dass derart kurze Entwicklungszeiten und Kosteneinsparungen gelungen sind, liegt auch daran, dass Renault seine Elektroaktivitäten in das Tochterunternehmen Ampere ausgelagert hat. Deren Anspruch ist es, die Effizienz zu steigern und damit die Kosten um 40 Prozent zu reduzieren. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde auch die komplette Organisation neu aufgestellt. Dazu bündelte man das Wissen aus Europa samt der der Produktionsstätte in Novo Mesto in der Slowakei mit dem des 2024 gegründeten Forschungs- und Entwicklungszentrums ACDC in Shanghai – und profitierte dabei auch vom China-Speed.
Denn ACDC arbeitet eng mit lokalen Partnern und Start-ups zusammen und lieferte den E-Motor zu. Während die LFP-Batterie von CATL kommt, steuerte Ampere u.a. die Elektronik, Software, Assistenzsysteme und die Plattform AmpR Small, auf der auch der R5 und R4 aufbauen.
Der Twingo ist für Renault zugleich ein Bekenntnis zum A-Segment. Kein Wunder, denn mit dem Twingo feierte man seit dessen Markstart 1992 Absatzerfolge, setzte 4,1 Millionen Einheiten ab. Für das Gros der Hersteller ist das A-Segment indes mittlerweile nicht mehr relevant. Sie haben sich aus dem Segment zurück gezogen, dass nur noch einen Anteil am europäischen Markt ausmacht. Der Grund dafür ist weniger das mangelnde Interesse der Kunden, als vielmehr der Umstand, dass die Entwicklung aufgrund der vielen Anforderungen, die die EU an die Hersteller stellt, schlicht zu teuer geworden ist. Die Regulatorik reiche beispielsweise von der Daten-, über die Fahrzeugsicherheit bis hin zu den CO2-Grenzwerten.
Warnung vor neuen Regularien
Zwar ist die EU beim letztgenannten Punkt den Herstellern gerade erst entgegengekommen und hat ihnen zwei Jahre mehr Zeit zur Erreichung der ab diesen Jahr geltenden CO2-Flottengrenzwerte eingeräumt, „eigentlich müssten es aber fünf Jahre sein“, so Provost. Die Hersteller klagen darüber, dass sich der Absatz der batterie-elektrischen Fahrzeuge nicht so entwickeln würde, wie prognostiziert. Entsprechend fühlen sie sich von den ambitionierten CO2-Zielen überfordert.
Man kann aber auch sagen: sie hatten bisher schlicht nicht die richtigen (bezahlbaren) Modelle im Angebot. Halt ein Auto wie den Twingo. Provost warnte mit Blick auf die Bezahlbarkeit von E-Autos davor, die Hersteller mit weiteren Vorschriften zu belasten. Sollte es weitere, neue Regularien der EU geben, würde das zu einer Verteuerung der Fahrzeuge führen. Auch ein Fahrzeug wie der Twingo würde dann teurer werden.



