Die Motorradsaison hat gerade wieder angefangen. Für viele Biker stellt sich die Frage, für welche Reifen sie sich entscheiden sollen. Reichen Straßenreifen, oder doch lieber Trail-Reifen?
Spätestens zum Saisonstart, wenn sich Biker Gedanken über ihre Urlaubstouren machen, sollten sie auch die Bereifung im Blick haben. Wohin führt die nächste Reise? In Regionen mit durchgehendem Asphalt oder dorthin, wo der Belag zwischendurch verschwindet? Länder wie Griechenland, Albanien oder die Türkei stehen hoch im Kurs, doch auch näher gelegene Strecken wie die weißen Schotterstraßen der L’Eroica in der Toskana, die ligurische Höhenkammstraße oder abgelegene Passagen in den Pyrenäen zeigen, wie schnell der Untergrund wechselt.
Was früher klar getrennt war, hier die Sportmaschine für die schnelle Runde, dort die Enduro fürs Gelände, verschwimmt zunehmend. Heute suchen viele Biker ein Motorrad für alles: Alltag, lange Reisen, gelegentliche Offroad-Abstecher. Tempo ist dabei nicht mehr das Hauptargument.
BMW R 1300 GS beeinflusst Reifenmarkt
Diese Verschiebung lässt sich auch an den Zahlen ablesen. Die BMW R 1300 GS, eine schwere Reiseenduro, war vergangenes Jahr das meistverkaufte Motorrad in Europa. Ein Trend, der auf den Reifenmarkt durchschlägt. „2024 wurden im Bereich der Reiseenduros erstmals mehr geländetaugliche Reifen verkauft als klassische Straßenreifen“, sagt Cyriaque Echerin, Marketingdirektor für Trailreifen bei Michelin. „Diese Entwicklung wird sich auch nicht mehr umkehren.“
Diese neue Realität wirkt sich auf Anforderungen an Reifen aus. Statt auf maximale Performance unter Idealbedingungen werden sie auf Vielseitigkeit hin entwickelt. Die Schlappen müssen Autobahnetappen klaglos wegstecken, auf nassem Asphalt greifen und gleichzeitig verhindern, dass die Reise zur Schlingerpartie wird, wenn der Weg plötzlich in eine Schotterpiste übergeht. Die klassische Einteilung in Straße oder Gelände greift nicht mehr. Ein guter Reifen muss beides können.
Meiste Strecken auf der Straße
In der Praxis sind die meisten Biker allerdings weiterhin überwiegend auf der Straße unterwegs. Trotzdem wollen sie für den Fall der Fälle vorbereitet und auch vor kurzen Offroad-Ausflüge nicht zurückschrecken müssen. Entsprechend haben sich die Konzepte der Hersteller verschoben. Neben reinen Straßen- und Hardcore-Geländereifen gibt es Trailreifen, die im Kern Straßenreifen mit erweitertem Einsatzfenster sind.
Ausgewiesen werden sie mit Formeln wie 90:10 oder 80:20. „Wenn wir von 90 Prozent Straße und 10 Prozent Offroad sprechen, geht es aber nicht um die tatsächliche Nutzung, sondern um die Auslegung des Reifens“, erklärt Echerin. Entscheidend ist also, wo die konstruktiven Schwerpunkte liegen, nicht wie oft der Fahrer den Asphalt verlässt.
Offroad-Reifen sind lauter
Das hat Konsequenzen. Wer etwa eine Reise nach Südeuropa plant, muss nicht zwingend zum grobstolligen Profil greifen, nur weil ein paar unbefestigte Kilometer auf der Route liegen. Im Gegenteil: Ein zu hoher Offroad-Fokus kann auf langen Asphaltpassagen zum Nachteil werden, durch höhere Geräusche, mehr Verschleiß und ein unruhigeres Fahrverhalten. Umgekehrt stoßen stark straßenorientierte Reifen schnell an ihre Grenzen, wenn es sandig, lose oder steil wird.
Entscheidend ist daher weniger das Extrem als die richtige Balance. Hersteller sprechen intern von Leistungsanteilen statt Nutzungsanteilen. Ein Reifen mit hohem Straßenfokus bietet Stabilität, Grip und Laufleistung auf befestigten Straßen, ohne die nötigen Reserven für Schotter komplett zu verlieren.
Ein zweiter zentraler Punkt ist die Haltbarkeit. Wer mehrere tausend Kilometer am Stück fährt, oft mit Gepäck und Sozius, hat andere Anforderungen als der Wochenendfahrer. Moderne Mischungen und Karkassen sind darauf ausgelegt, diesen Spagat zu bewältigen. Ziel ist es, den Verschleiß gleichmäßig zu halten und auch bei zunehmender Abnutzung ein berechenbares Fahrverhalten zu sichern.
Anakee Adventure 2 hält länger
Dass Hersteller ihre Produkte heute genau auf dieses Nutzungsprofil zuschneiden, zeigt sich an neuen Generationen von Trailreifen. So bringt Michelin mit dem Anakee Adventure 2 einen Nachfolger des etablierten Adventure-Modells, der gezielt auf die typischen Reiseanforderungen entwickelt wurde. Grundlage sind Rückmeldungen von Fahrern und eigene Praxiserfahrungen. „Bei der Weiterentwicklung haben wir den Fokus unter anderem auf Laufleistung und Nassgrip gelegt“, sagt Echerin.
Im Vergleich zur ersten Generation soll der neue Reifen am Vorderrad rund sieben und hinten sogar 21 Prozent länger halten. Bei defensivem Fahrstil sollen 10.000 und mehr Kilometer möglich sein, also in etwa so viel wie mit einem Straßenreifen. Die Unterschiede zwischen einem reinen Straßenreifen und 80:20-Auslegungen wie beim Michelin Anakee Adventure 2 sind spürbar. Auf feinen Sandstraßen oder Feldwegen bleibt das Motorrad spurstabil und vermittelt ein deutlich besseres Sicherheitsgefühl. Übertreiben sollte man es allerdings nicht: Auf grobem Schotter oder in tiefem Sand kommt ein solcher Reifen schnell an seine Grenzen. Für solche Einsätze bieten Hersteller entsprechend gröbere Profile an.
Für den Saisonstart bedeutet das vor allem eines: Die richtige Reifenwahl beginnt nicht beim Produkt, sondern bei der eigenen Route. Wer weiß, wo er fährt, weiß auch, was der Reifen können muss. (Hanno Boblenz/SP-X)


