El Prix: Fahren, bis der Abschlepper kommt

Weltweit größter Reichweitentest

El Prix: Fahren, bis der Abschlepper kommt
Der Kia EV2 in der Long Range Variante fuhr außer Konkurrenz beim El Prix mit. © Martin Meiners/Kia

Zweimal im Jahr findet in Norwegen der weltweit größte Reichweitentest für Elektroautos statt. Dabei geht es darum den WLTP-Wert unter Realbedingungen auf den Prüfstand zu stellen. Wir waren mit einem Kia EV2 außer Konkurrenz am Start.

Es gibt Momente, die keine Fahrerin oder Fahrer eines Elektroautos erleben möchte. Zum Beispiel diesen einen Augenblick, wenn plötzlich eine kleine Schildkröte im Display auftaucht. Sie signalisiert: Die Batterie ist fast leer. Die Motorleistung ist eingeschränkt. Es ist nun wirklich Zeit, dringend eine Ladesäule zu finden. Es sei denn, man riskiert liegen zu bleiben. Doch wie weit kommt man noch, wenn der Batterieladestand diese beunruhigenden 0 Prozent aufweist, die Schildkröte warnt, dass der Akku leer ist?

Unsere Geschichte beginnt am 3. Juni morgens um 8 Uhr in einer Tiefgarage im Stadtteil Vulkan von Oslo. Hier ist in den zurückliegenden Jahren in einem ehemaligen Industrieareal am Fluss Akerselva eines der innovativsten und nachhaltigsten Modellquartiere Europas für umweltfreundliche Architektur und urbane Kultur entstanden. Es ist in diesem Jahr Ausgangspunkt des großen Reichweitentests „El Prix“ des norwegischen Automobilclubs NAF. Die Strecke führt von Oslo bis nach Hjerkinn auf einer Höhe von fast 1000 Metern. Dabei geht es durch die Stadt, Landstraßen oder die Autobahn, auf der maximal 110 km/h erlaubt sind.

24 Modelle am Start

Entsprechend gespannt blickt die Elektromobilitätswelt zweimal im Jahr – im Sommer und im Winter – gespannt in den hohen Norden nach Norwegen. Der „El Prix“ ist nach NAF-Angaben der größte Reichweitentest für Elektroautos weltweit. Kein Wunder, dass ein solcher Test in Norwegen stattfindet. Es ist zwar ein kleiner Markt, aber einer, in dem mittlerweile 98 Prozent aller Zulassungen auf Elektroautos entfallen. In Deutschland waren es im Mai übrigens 25 Prozent.

In diesem Jahr waren 24 Modelle am Start. Zusammen mit Fotograf Martin Meiners bin ich als einziger deutscher Journalist auch dabei, allerdings außer Konkurrenz. Unterwegs waren wir mit dem neuen Kia EV2 in der Long Range-Variante, einem Prototypen. Seine 61 kWh große Batterie verspricht laut WLTP eine Reichweite in der von uns gefahrenen GT-Variante mit 19 Zoll-Rädern von 418 Kilometern. Verspricht der WLTP-Wert zu viel?

Gefahren sind wir die gleiche Strecke unter den gleichen Bedingungen wie die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Es war erlaubt, die Höchstgeschwindigkeit maximal um 5 km/h zu über- bzw. zu unterschreiten. Neben uns war auch ein anderer EV2 mit von der Partie, allerdings mit kleiner Batterie (42,2 kWh), zudem auch ein Kia PV5. Beide gingen in die Wertung ein. Dazu gleich mehr.

Start mit mindestens 99 Prozent

Das Prinzip des „El Prix“ ist radikal einfach. Alle Fahrzeuge starten mit vollem Akku (mindestens jedoch 99 Prozent). Dann wird gefahren. Gefahren. Und gefahren. So lange, bis wirklich nichts mehr geht, die Batterieladung 0 anzeigt und das Schildkrötensymbol anzeigt, dass die „Motorleistung eingeschränkt“ ist – und dann schaut man, wann nichts, wirklich nichts mehr geht. Während die meisten Fahrer spätestens bei einer Restladung von fünf bis zehn Prozent anfangen nervös werden und versuchen die nächste Ladesäule anzusteuern, interessiert die Tester nur eine Frage: Wie weit kommt das Auto tatsächlich? Wann bleibt es liegen, muss von einem Pannenfahrzeug des NAF abgeschleppt werden?

Es geht beim „El Prix“ nicht darum, welches Auto während des Tests am Weitestens fährt (es war in diesem Jahr übrigens der BMW iX3 (er fuhr 781 Kilometer), sondern darum, wie die Abweichung vom WLTP-Wert ausschaut.

Xpeng X9 übertrifft WLTP-Wert um über 11 Prozent

Der Xpeng X9 schnitt beim Reichweitentest am besten ab. Foto: Mertens

Die Antwort fiel in diesem Sommer erstaunlich positiv aus. Den Sieg holte sich der Xpeng X9. Der große Elektro-Van der Chinesen schaffte 646 Kilometer und übertraf damit seine offizielle WLTP-Reichweite um mehr als elf Prozent. „Das ist ein starkes Ergebnis an einem Tag mit günstigen Fahrbedingungen, mit Temperaturen zwischen 12 und 18 Grad und durchgehend trockenen Straßen“, sagt Nils Sødal, leitender Kommunikationsberater beim NAF. Bei der Ladegeschwindigkeit zeigt der X9 ebenso seine Stärken und lud den Akku von 10 auf 80 Prozent in zwölf Minuten. Der Reichweitensieger BMW iX3 lag übrigens im Vergleich zum Xpeng nur 1,5 Prozent über dem WLTP-Wert.

Auch andere Fahrzeuge lagen über den Herstellerangaben. Darunter der neue Kia EV2 in der Standard-Range-Variante. Das kompakte Elektro-SUV der Koreaner erreichte im NAF-Test 325 Kilometer und damit über 5,4 Prozent mehr als offiziell laut WLTP möglich ist – und liegt damit auf Platz zwei der Wertung. Auf Platz drei fuhr der Mercedes GLB 350. Das SUV der Schwaben beendete den Reichweitentest mit 593 Kilometern. Das sind 5,3 Prozent mehr als der angegebene WLTP-Wert von 563 Kilometern.

Der Kia EV2 Standard Range zeigte seine Effizienz. Foto: Martin Meiners/Kia

„Mit dem Übertreffen seiner WLTP-Reichweite um mehr als fünf Prozent liefert der EV2 einen eindeutigen Beweis für seine herausragende Effizienz und Zuverlässigkeit. Diese von unabhängiger Seite ermittelten Ergebnisse bestätigen, dass der EV2 auf die tatsächlichen Kundenbedürfnisse zugeschnitten ist: Er bietet verlässliche Alltagstauglichkeit und vermittelt den Fahrern auch bei weiteren Strecken Vertrauen, sei es bei täglichem Pendeln oder auf längeren Urlaubsreisen“, stellte Pablo Martinez Masip fest, bei Kia Vize Präsident für Produkt und Marketing.

Fahren unter Realbedingungen

Autogazette-Redakteur Frank Mertens am Steuer des Kia EV2. Foto: Martin Meiners/Kia

Und wie haben sich Martin Meiners und ich uns geschlagen? Zwei Personen, die ihr Idealgewicht mittlerweile auch hinter sich gelassen haben, Gepäck an Bord hatten und keinerlei Ambitionen, einen Reichweitenrekord aufzustellen, sondern möglichst effizient unterwegs sein wollten. Gefahren bin ich ganz normal, wenngleich zumeist im Eco-Modus. Mal etwas schneller, mal etwas langsamer, aber immer im Rahmen der erlaubten Geschwindigkeitsvorgaben. Es gab keine Windschattenfahrten hinter Lastwagen, keine ausgeschaltete Klimaanlage und keine sonstigen Tricks aus dem Handbuch der Reichweitenjäger. Das Ergebnis überraschte trotzdem. Als der Tageskilometerzähler 419 Kilometer anzeigte und das Schildkrötensymbol im Display aufleuchtete , hatte unser EV2 den WLTP-Wert um einen Kilometer überboten.

Bei 428,2 Kilometer haben wir den Kia EV2 abgestellt, auch wenn noch mehr möglich gewesen wäre. Foto: Meiners/Kia

Das Aufleuchten des Schildkrötensymbols dürfte der Moment sein, in dem viele Fahrer vermutlich ihren Puls steigen spüren. Ich nicht – allerdings nur im Wissen, dass der nächste Abschlepper nicht allzu weit entfernt ist. Knapp 9 Kilometer weiter schlich der EV2 dann nur noch die Steigung hoch, sodass ich mich entschied, bei Kilometerstand 428,2 die nächste Einbuchtung zu nutzen, um das Auto abzustellen. Unserer Verbrauch lag bei 13,8 kWh/100 km. Den WLTP-Wert des EV2 Long Range haben wir damit um 2,4 Prozent überboten.

Bordcomputer zeigte noch 5 Kilometer an

Zu diesem Zeitpunkt waren wir 10 Kilometer weiter gefahren, als es der WLTP-Wert hat erwarten lassen. Laut Bordcomputer wären sogar vielleicht noch fünf Kilometer mehr möglich gewesen – doch lieber in einer Parkbucht halten, als auf einer engen Straße liegen zu bleiben, dachte ich mir und habe die Fahrt beendet. Nach gut 40 Minuten war der „Gelbe Engel“ des NAF vor Ort und hat uns auf den Hänger genommen, auf den wir mit der Restenergiemenge auch noch eigenständig gefahren sind. Dann ging es Huckepack zum nächsten Lader.

Ein E-Auto lädt das andere: V2L zwischen einem Kia EV9 GT und dem EV2. Foto: Martin Meiners/Kia

Der Test zeigt, dass zumindest im Sommer Reichweiten über dem WLTP-Wert möglich sind und die Schildkröte nicht gleich Schnappatmung auslösen muss. Unser Begleitfahrzeug, ein Kia EV9 GT, stand uns übrigens dank V2L als mobiler Akku bereit. Dank des Adapters konnten wir unsere Batterie immerhin mit 3,6 kW laden. Mit dieser Leistung dauert es Stunden, um wieder ausreichend Reichweite zu erhalten, aber es reicht unter Umständen, um ohne Abschlepper die nächste Ladestation zu erreichen.

Zwölf Modelle mit negativer Abweichung

Der Abschleppwagen des norwegischen Autoclubs NAF brachte den KIa EV2 zur nächsten Ladestation. Foto: Meiners/Kia

Die Ergebnisse aus Norwegen und die Erfahrungen auf unserer eigenen Testfahrt zeigen, dass selbst bei leerer Batterie ein paar Kilometer Sicherheitsreserve immer drin sind, so man denn mit dem richtigen Modell unterwegs ist. Damit relativiert sich auch ein wenig die immer wieder zitierte Reichweitenangst. Deshalb war es gar nicht so schlecht, auch einmal die Schildkröte auf dem Display zu sehen. Sie bedeutet nicht automatisch das baldige Ende der Reise. Natürlich sollte niemand aus diesem Test der Norweger ableiten, regelmäßig mit 0 Prozent Akkustand unterwegs zu sein. Im Alltag wäre das weder sinnvoll noch stressfrei. Doch die Ergebnisse verdeutlichen, dass Hersteller Energiepuffer einbauen und dass zwischen einer Warnmeldung und dem tatsächlichen Stillstand oft noch einige Kilometer liegen. Dass dürfte dann doch für etwas Beruhigung sorgen.

Doch wie gesagt: Es kommt auf das gefahrene Modell an. Denn es gab auch zwölf Fahrzeuge, die schlechter unterwegs waren als der angegebene WLTP-Wert. Am unteren Ende dieser Skala steht dabei der MG IM6, der 446 Kilometer zurücklegte. Das ist eine negative Abweichung von 11,7 Prozent zum WLTP-Wert von 505 Kilometern. „Wir waren überrascht, bei diesem MG eine so große negative Abweichung zu sehen, insbesondere da das andere MG-Modell, der S6, eine positive Abweichung von 3,4 Prozent erzielte“, so Sødal.

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