Polestar: Nachhaltigkeit und Performance kein Widerspruch

Polestar: Nachhaltigkeit und Performance kein Widerspruch
Der Poelstar 3 kann auch Gelände. © Polestar

Polestar will für mehr stehen als nur für Umweltverträglichkeit durch E-Mobilität. Die Marke setzt bei ihren Modellen auch auf Performance.

Jeder, der sich für Autos interessiert, kennt Jaguar, Polestar nur wenige. Und das, obwohl die Marke im vergangenen Jahr in Deutschland gut ein Drittel mehr Neuzulassungen verzeichnen konnte als das britische Unternehmen. Vielleicht liegt es daran, dass der erste Jaguar schon vor fast 90 Jahren auf einer Rennstrecke zu sehen war, ein Team mit dem Namen „Polestar Racing“ aber erst 2005.

Heute scheinen Polestar und Motorsport weniger zusammen zu passen als noch vor 20 Jahren. Sie haben weder lärmende Antriebsaggregate, noch stoßen sie CO₂ oder andere Abgase aus. Bei der Produktion wird sehr auf Nachhaltigkeit geachtet und es kommen reichlich Recycling-Materialien zum Einsatz: Was will Polestar vermitteln, wenn Kunden und Händler sich zu „Driver Days“ auf einer Rennstrecke treffen, wie unlängst am Bilster Berg in der ostwestfälischen Provinz?

Noch überschaubarer Absatz

Deutschland-Geschäftsführer Jan Grindemann sieht keinen Widerspruch zwischen Image und Event. Polestar verbinde Performance mit Umweltverträglichkeit und zeige so, dass „nachhaltige Mobilität keineswegs Verzicht bedeutet“. Die Marke biete einerseits attraktive und sportliche Fahrzeuge, andererseits „verringern wir unseren CO₂-Fußabdruck kontinuierlich, indem wir unsere Prozesse in der Materialbeschaffung, Entwicklung, Produktion und bei den Transportwegen optimieren“. Kundinnen und Kunden begeistere man nur dann wirklich für emissonsfreie Mobilität, „wenn sie Spaß macht.“

Die Marke Polestar, die über das Mutter-Unternehmen Volvo mit dem chinesischen Geely-Konzern verbunden ist, ist global gesehen noch ein kleines Licht. Rund 60.000 Fahrzeuge wurden zuletzt weltweit abgesetzt, etwa so viele, wie Volvo allein in Deutschland verkauft. Mit schrägen Fantasienamen für die Modellauswahl werden die Kunden von Polestar nicht behelligt. Skandinavisch kühl sind sie durchnummeriert, die „5“ wird die nächste Neuerscheinung sein. Den derzeit verfügbaren Fahrzeugen gemein ist reichlich Leistung aus ein oder zwei Elektromotoren. Die Spitze wird aktuell von Nummer 4 dargestellt, sie operiert mit 0,4 Megawatt (544 PS), was aber demnächst vom Modell 5 noch getoppt wird.
Systeme auf regennasser Fahrbahn testen

Beim Fahrer-Briefing für die ambitionierten Amateure freut sich Chef-Instruktor Friedhelm Mihm. Mit einem süffisanten Lächeln und Blick auf die regenasse Piste sagt er: „Genau die richtigen Bedingungen für einen Polestar“. Die Testwagen haben nicht nur zwei Antriebsachsen und einen tiefen Schwerpunkt wegen des großen Akkus dazwischen, sondern auch ein ausgeklügeltes elektronisches Stabilitäts-Management. Eine etwas glitschige Fahrbahn sei bestens geeignet, um die Wirksamkeit dieser Systeme in der Praxis zu spüren.

Und es funktioniert. Offensichtlich muss man kein Motorsport-Profi sein, um so ein Auto auch weit jenseits von 130 km/h in der nassen Spur zu halten. Dabei ist der 4,2 Kilometer lange Kurs am Bilster Berg durchaus anspruchsvoll. Neun Rechts- und zehn Linkskurven reihen sich aneinander, abgeschrägte Schikanen, Wannen und Kuppen sorgen dafür, dass viele Abschnitte vom Piloten des Wagens nicht einsehbar sind. Und dann ist da noch die berüchtigte „Mausefalle“: Mit einem Gefälle von 26 Prozent geht es in eine enge Linkskurve, anschließend folgt eine Steigung von 21 Prozent. Alle Anstiege und Senken zusammen genommen machen einen Höhenunterschied von mehr als 200 Metern aus. Neben der Piste landet trotzdem niemand.

Polestar 3 als SUV vermarktet

Der Polestar 3 ist nun auch mit Heckantrieb zu bekommen. Foto: Polestar

Später trocknet der Asphalt ab, jetzt wird richtig Strom gegeben. Polestar bietet die jeweils leistungsstärksten Versionen jeder Baureihe mit dem Zusatz „Performance“ an. Meistens wird diese englische Vokabel mit „Leistung“ übersetzt. Performance ist aber auch die Zurschaustellung bestimmter Eigenschaften und Fähigkeiten. Wie gut das Wort zu den Fahrzeugen passt, ist an dem herben Aroma des Gummiabriebs zu erkennen, das sekundenlang über die Boxengasse wabert, wenn wieder eine Handvoll der E-Boliden vorbeigeprescht ist.

In Forst und Feld rings um das Asphaltband, wo 2013 aus einem ehemaligen Militärgelände eine Event-Location mit teilbaren Rundkursen und Präsentationshallen entstand, hält sich die Feuchtigkeit länger. Das gibt Gelegenheit zu einer Vorführung besonderer Art. Obwohl wie eine harmlose Hochdachlimousine aussehend, wird der Polestar 3 als SUV vermarktet. Eine variable Bodenfreiheit von 180 bis 250 Millimeter nebst Allradantrieb machen den Unterschied. Ohne erkennbare Mühe schiebt sich der 517 PS starke Viertürer auf serienmäßigen Standardreifen einen steilen Waldpfad empor, der wegen seiner Ausspülungen, Furchen und hervorstehenden Felsbrocken selbst manche Fußgänger vor Probleme stellen würde.

Trotz 910 Newtonmeter Drehmoment gibt es auf dem seifigen Grund nicht einmal einen Anflug von Traktionsschwäche, in der Abwärtsbewegung kein Blockieren oder Rutschen. Vier Insassen bringen die Fuhre zwar der Drei-Tonnen-Marke nahe, doch die feinfühligen Sensoren der aktivierten Offroad-Programme regeln Antriebs- und Bremskräfte so präzise, dass auch Anfänger den Wagen wieder sicher in die Ebene bringen könnten. Für den Alltagsgebrauch der Kunden mögen derlei Kunststückchen nur wenig Bedeutung haben, eine Beruhigung für die Schlechtwetterfahrt auf herausforderndem Geläuf ist sie allemal.

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Axel F. Busse
Axel F. Busse ist gelernter Redakteur, sein kommunikations-wissenschaftliches Studium absolvierte er an der FU Berlin. Nach Tätigkeiten bei Tageszeitungen, wo er sich mit Auto- und Verkehrsthemen beschäftigte, arbeitet er seit 2003 als freier Autor ausschließlich in diesem Bereich. Außer für die Autogazette schreibt er für verschiedene Online- und Printmedien.

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