Mille Miglia: Die Legende lebt

Mille Miglia: Die Legende lebt
Mario Ghersi und Carroli im Alfa Romeo 2300 (1932) © Foto: Werk

Am 17. Mai startet die Creme de la Creme der besonderen Automarken die diesjährige Mille Miglia. Zwei Tage vor dem Beginn arbeitet ein Film die 80-jährige Geschichte des berühmtesten Rennens der Welt auf.

Von Thomas Flehmer

Und wieder kitzelt das Abenteuer. Ab dem 17. Mai werden 375 Oldtimer für drei Tage die Straßen zwischen Brescia und Rom dominieren. 80 Jahre nach der ersten Auflage feiert die legendäre Mille Miglia drei Tage lang ihr Jubiläum. «Während früher die 1600 Kilometer von Brescia nach Rom und zurück an einem Tag zurückgelegt wurden, ist die Distanz nun auf drei Tage verteilt worden», sagt der Schweizer Fachjournalist und Automobil-Historiker Adriano Cimarosti auf der Pressekonferenz im Berliner Meilenwerk voller Enthusiasmus.

Sieg mit 77 km/h

Und die Emotionen des bald 70 Jahre alten ehemaligen Ferrari-Rennfahrers scheinen begründet. «Selbst die Kinder haben schulfrei», so Cimarosti. Obwohl vor 80 Jahren der erste Ritt durch Toskana und Friaul stattfand und lediglich 24 Auflagen bis 1957 als Geschwindigkeitsrennen erlebte, lebt der Mythos weiter. Gleich drei Fahrzeuge der in Brescia beheimaten Firma Officine Mecchaniche (OM) belegten beim Debüt die ersten drei Plätze. «Der Sieger benötigte 21 Stunden für die 1000 Meilen. Das macht einen Durchschnitt von 77 Stundenkilometern», so Cimarosti.

Was für heutige Zeiten einfach so hingenommen wird, war damals ein wirklicher Ritt. «Die Fahrer fuhren nicht über Asphalt, sondern über Naturstraßen», sagt Cimarosti. Zudem waren die Straßen nicht abgesperrt, sondern auch der normale Alltagsverkehr war unterwegs. Doch den Fahrern der Alfa Romeo 6C, Aston Martin International, BMW 328, Bugatti Tipo 35 oder der diversen Modelle von Ferrari, Jaguar oder Maserati machten diese Unannehmlichkeiten nichts aus.

Katastrophe beendet Geschwindigkeitsrennen

Mercedes-McLaren SLR 722 Edition Foto: press-inform

Im Gegenteil: Der Mythos der Mille Miglia zog selbst Formel 1-Piloten wie den mehrfachen Weltmeister Juan Manuel Fangio (mit einem Mercedes 300 SL) oder Sir Stirling Moss, der Rekordfahrer des Traditionsrennens mit dem ebenso legendären 300 SLR «722» ist, an. Auch Porsche konnte sich dank Richard von Frankenberg bei der Veranstaltung 1965 in seiner Klasse mit einem 356 A in die Siegerlisten eintragen.

Ein Jahr später beendete ein schwerer Unfall die Zeit der Straßenrennen. 40 Kilometer vom Ziel in Brescia entfernt platzt am 12. Mai 1957 bei Ferrari-Pilot Alfonso Cabeza de Vaca bei fast 300 km/h ein Reifen. Der Ferrari düst in eine Menschenmenge, Fahrer Cabeza nimmt seinen Beifahrer Nelson und zehn Zuschauer in den Tod mit. Die italienische Regierung verbietet danach Straßenrennen.

Harte Teilnahmekriterien

50 Jahre nach dem Debüt, 20 Jahre nach der Katastrophe, erlebt die Mille Miglia 1977 ein Comeback - doch anders als zuvor. Aus dem Geschwindigkeitsrennen entsteht ein Gleichmäßigkeitsrennen. Alle Fahrer müssen sich den Verkehrsregeln unterwerfen. Damit das fahrende Museum aber nicht zu einer Auferstehung automobiler Zombies verkommt, baut die Rennleitung Sonderprüfungen ein. «Auch in diesem Jahr müssen die Teilnehmer insgesamt 40 Sonderprüfungen bestehen», sagt Cimarosti.

Als Tourismus-Veranstaltung sehen die Teilnehmer die Mille Miglia sowieso nicht. 700 Oldtimer-Fans hatten sich beworben, 375 konnten nur angenommen werden. Dabei sind die Kriterien recht hart. «Es werden nur Autos der Fabrikate zugelassen, die zwischen 1927 und 1957 an der Mille Miglia teilgenommen hatten», sagt Cimarosti, «und jedes Auto muss in einem perfekten Zustand sein.»

Film zum doppelten Jubiläum

Mercedes Benz 300 SL von 1955 Foto: Werk

Gerade in diesem Jahr avanciert die Teilnahme zu einer absolut besonderen Veranstaltung. 80 Jahre nach dem Debüt erlebt die neu konzipierte Mille Miglia ihre 25. Auflage nach dem Comeback 1977. Zum doppelten Jubiläum haben Filmautor und -regisseur Philip Selkirk und Fotograf Stephan Heimann aus 130 Stunden Filmmaterial den 90-minütigen Film «Mille Miglia - The Spirit of a Legend» produziert, der eindrucksvolle Bilder aus 80 Jahren Rennsportgeschichte zusammenträgt.

Wie bei der richtigen Mille Miglia ist aber noch nicht klar, ob der Film einem breiteren Publikum zugängig gemacht wird. Gespräche mit Arte und dem ZDF laufen derzeit. Ansonsten wird der Film, von dem erste Ausschnitte im Meilenwerk gezeigt wurden, den Enthusiasten vorenthalten bleiben, die sich die DVD kaufen.

Tour der Reichen und Schönen

Bei allem Enthusiasmus - die Mille Miglia steht vor allem den Reichen und Schönen offen. Peter Kraus, gelifteter Tiger des deutschen Schlagers, ist neben Leopold Prinz von Bayern nur einer von vielen prominenten Teilnehmern, von denen die meisten aus der Wirtschaft kommen. So spaltet das Rennen die Oldtimer-Fans.

Autopapst Andreas Kessler, Besitzer mehrerer Fahrzeuge älteren Datums, moniert, dass die Fahrer noch nicht mal die Startnummer anschrauben können: «Da muss ich nicht dabei sein, wenn ein Teilnehmer in das Auto gehoben wird, weil er es alleine nicht mehr schafft, unter den Flügeltüren einzusteigen.»

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