Mit dem Roller nur mit 45 km/h unterwegs zu sein, kann manchmal anstrengend sein. Vor allem dann, wenn andere einen als Verkehrshindernis ansehen. Mit dem Niu NQiX 500 passiert einem das nicht.
E-Roller sind eine praktische und umweltfreundliche Mobilitätsalternative – innerhalb und außerhalb der Stadt. Doch mit den vielen Vertretern der Kleinkrafträder, die bis 45 km/h schnell fahren, wird man von schnelleren Verkehrsteilnehmern eher „gemobbt“.
Insofern empfinden Rollernutzer den Einstieg in die nächsthöhere Leistungsklasse als entscheidenden Schritt nach vorn. Die wachsende Zahl dieser flotten Einspur-Elektriker ist mit 60, 70 oder sogar 80 km/h unterwegs. Der neue NQiX von Niu legt noch eins drauf. Satte 100 km/h schafft der Leisetreter, auf Knopfdruck sogar 120 km/h – zeitweilig. Nicht wenige Autofahrer motiviert dieser Tempo-Zwerg trotz oder wegen dieser Kompetenz dazu, ihren Führerschein zu riskieren.
Moderneres Styling
Seit Frühjahr 2025 ist der kompakte Zweisitzer in Deutschland erhältlich. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein klassischer Niu mit streng geometrischen Flächen und einem kreisrunden Scheinwerfer in der Mitte der Frontverkleidung. Beim zweiten Hinsehen offenbaren sich allerdings auch Details, die evolutionäre Entwicklungsschritte erkennen lassen. Die Leuchten wirken eine Stufe moderner und wertiger, der Sitzbankbezug ist feingenarbt und einige Bauteile, wie die gebogene Hinterradschwinge, lassen ein hohes fahrwerkstechnisches Kompetenzniveau erwarten.
Die Frontabdeckung ist transparent und zudem mit einem Handgriff abnehmbar. Angeblich soll dies den Zugang zum Scheinwerfer und damit dessen Wartung erleichtern. Insgesamt bietet der NQiX für einen China-Scooter eine beachtliche Verarbeitungsqualität, die eine gewisse Langlebigkeit erwarten lässt.
Gut ablesbares Display
Als handfesten Fortschritt erlebt man den Blick auf das 5-Zoll-Display im Smartphone-Format. Der TFT-Bildschirm ist sehr farbenfroh, grafisch ansprechend und informativ. Das Bordsystem bietet in Kombination mit der Smartphone-App von Niu zudem viele Konnektivitätsfunktionen. Deren Umfang reicht von Soundeffekt-Einstellungen und Ferndiagnose des Batteriestands über Diebstahlwarnung bis hin zur Nutzung des Smartphones als digitaler Schlüssel anstelle der ebenfalls praktischen NFC-Karte.
Der größte Fortschritt bleibt auf den ersten Blick allerdings verborgen, denn er betrifft das Packaging der bis zu zwei herausnehmbaren Batterien. Diese sind mittig im Boden untergebracht. Das sorgt für eine Zentrierung der Massen, einen tiefen Schwerpunkt und schafft Platz im Staufach unter der Sitzbank. Während viele E-Roller hier die Akkus bunkern, bietet der NQiX Raum für reichlich Gepäck und/oder einen Integralhelm.
Beim Aufsitzen merken wir einen Nachteil der Unterbringung der Batterie: Aufgrund der Akkus ist das Trittbrett leicht erhöht, was zu einer Sitzposition mit deutlich angewinkelten Beinen führt. Dabei kommen die Knie dem Lenker recht nahe. Mit einer Körpergröße von 1,78 Metern haben wir zunächst das Gefühl, eigentlich zu groß für den Niu zu sein. Während der Fahrt fühlen wir uns dann aber doch insgesamt vernünftig positioniert.
Gewicht liegt bei 130 Kilogramm
Wenn der Seitenständer eingeklappt ist und man eine Knopfkombination drückt, wechselt die Geschwindigkeitsanzeige von „P” auf „0 km/h” und signalisiert damit Fahrbereitschaft. Der Gasgriff lässt sich gut dosieren, auch beim langsamen Rangieren. Vor allem aber lässt sich über diesen der rund 130 Kilogramm schwere Stromer schwungvoll in den Verkehr einfädeln. In der 125er-Klasse sind 11 kW/15 PS eigentlich das Maß der Dinge.
Doch die 5 kW/7 PS Dauerleistung sowie die in zwei Stufen abrufbare Peakleistung von 9 kW/12 PS bzw. 10 kW/14 PS erlauben einen kraftvollen Antritt. Immerhin 240 Nm stellt der lautlose Bosch-Nabenmotor, der das 14-Zoll-Hinterrad nahezu ausfüllt, bereit. Zum Vergleich: Leistungsstarke Motorräder mit Benzinmotor kommen auf 100 bis 170 Nm.
Entsprechend erlebt man den NQiX bei Ampelsprints fast schon als Macht, die bei Autofahrern mitunter gewagte Manöver provozieren kann. Optisch nehmen viele den NQiX als 45-km/h-Verkehrshindernis wahr, das man besser noch vor der nächsten Engstelle überholt, um sich vor den vermeintlichen Bummel-Scooter zu setzen. Zieht der Roller an der nächsten Ampel jedoch mit unerwartetem Elan davon, verspüren einige Autofahrer den Wunsch, ihn zu überholen. Der unscheinbare Chinese wird deshalb zum Auslöser erstaunlich riskanter Manöver, die sich mitunter in deutlich illegalen Temporegionen abspielen.
Spritzig und schnell unterwegs
Mit anderen Worten: Der NQiX ist spritzig und schnell. Vor allem im Sportmodus. Selbst hier bringt er sein längsdynamisches Potenzial sauber auf die Straße. Sollte die serienmäßige Traktionskontrolle auf trockenem Asphalt bei sommerlicher Witterung eingegriffen haben, haben wir davon zumindest nichts mitbekommen.
Auch das Fahrwerk verdaut das Leistungspotenzial gut. Den Niu kann man flott, sauber und zielgenau durch Kurven scheuchen. Da kippelt nichts. Lediglich bei Linkskurven kann der Ständer etwas zu früh über den Asphalt kratzen. Flotte Richtungswechsel gelingen mühelos. Die Position der Akkus dürfte für dieses verbindlich-transparente Fahrgefühl eine entscheidende Rolle spielen.
Aber auch die Abstimmung von Gabel und Federbein ist neutral und gut gelungen. Unebenheiten werden gut verdaut, ohne übertrieben Unruhe ins Fahrzeug zu tragen. Im Vergleich zu vielen Einspurstromern, die den Untergrund hölzern abtasten, verdient der NQiX durchaus das Prädikat „komfortabel“. Und er ist auch sicher. Neben der erwähnten Traktionskontrolle ist ein ABS an Bord, das bei Vollbremsungen auf trockenem Asphalt sauber regelt. Wer auf beide Bremshebel maximalen Druck ausübt, bringt den Roller schnell zum Stehen, ohne dabei gefährliche Reaktionen zu provozieren.
Rund 100 Kilometer Reichweite
Auch in puncto Reichweite kann sich der neue Niu sehen lassen. Die beiden Akkus mit zusammen 4 kWh Speicherkapazität schaffen rund 100 Kilometer. Dabei hat der Nutzer die Wahl, ob er weiter oder weniger weit fahren möchte. Im Fahrmodus „Dynamik”, der bei 65 km/h abregelt, sollten die 100 Kilometer realistisch sein. Wer im Modus „E-save“ (bis 28 km/h) fährt, dürfte sogar sehr viel weiterkommen.
Wer hingegen auf der Landstraße mit 100 km/h fahren möchte, muss in den Modus „Sport“ wechseln, was der Aktionsradius deutlich verkleinert. Drückt man am Lenker den Boost-Knopf, kann man sogar auf 120 km/h beschleunigen. Dieser für 10 Sekunden abrufbare Boost wird das Reichweitenpotenzial weiter verringern. Selbst bei Topspeed vermittelt der Roller keineswegs den Eindruck, überfordert zu sein. Lediglich der enorme Durchzug fordert den Fahrer, denn Vollgas bei Zwischenspurts lässt die Arme ziemlich lang werden. Apropos lang: Niu liefert ein Ladegerät mit Ventilatorkühlung für die Haushaltssteckdose mit. Im Staufach unter der Sitzbank befindet sich ein passender Anschluss, über den die beiden Akkus geladen werden können. Dies soll angeblich 6 Stunden dauern. Einen alternativen Ladeanschluss, etwa für einen Typ-2-Stecker, gibt es nicht.
Man kann nicht alles haben – erst recht nicht bei einem Preis von offiziell 4.500 Euro, den Niu für den NQiX 500 mit zwei Akkus in Deutschland aufruft. Angesichts der zahlreichen handfesten Vorzüge und der insgesamt hochwertigen Ausstattung ist das ein erfreulich fairer Kurs. Und der lässt sich mit der THG-Quote, für die man etwa in 2025 um 100 Euro einstreichen dürfte, sogar noch etwas senken – sofern man das Fahrzeug anmeldet und am Emissionshandel teilnimmt. (SP-X)

