Nissan Micra: Kleiner Elektro-Charmeur

Nissan Micra: Kleiner Elektro-Charmeur
Der Nissan Micra fährt mit einem sympathischen Design vor. © Nissan

Der Nissan Micra war über Jahrzehnte ein besonders beliebter Kleinwagen. Nun gibt es ihn auch al reine elektrische Variante.

Kleinwagen waren einmal leicht, luftig und pragmatisch. Wie zum Beispiel über Jahrzehnte hinweg der Nissan Micra, der sich jetzt allerdings als neuer Elektro-Kleinwagen deutlich vom ehemaligen Stadtwägelchen abhebt. Zwar bleibt der knapp 4 Meter lange Stromer einem dem Modellnamen entsprechenden Format treu. Doch zugleich sorgt die Technik des Renault 5 E-Tech, auf diesem baut der Micra auf, für einen tiefgreifenden Kurswechsel.

Die Plattform mit großem Batteriepaket sorgt für hohe Schultern, bullige Proportionen und jene optische Schwere, die viele E-Autos inzwischen ausmachen. Neben einem Opel Adam etwa wirkt der Micra wie ein Kleinwagen einer neuen Ära. Auch der sportive Auftritt mit schwarzen Kunststoffbeplankungen, 18-Zoll-Rädern und hoher Gürtellinie sowie der potente E-Antrieb unterstreichen diesen Wandel.

Freundliches Gute-Laune-Design

Das Armaturenbrett des Nissan Micra dominieren zwei große Bildschirme. Foto: Nissan

Ist das noch ein echter Nissan? Die Renault-Verwandtschaft bleibt jedenfalls erkennbar, etwa bei den versteckten hinteren Türgriffen, dem durchgehend digitalisierten Cockpit oder dem mit Hebeln überfrachteten Lenkrad. Gleichzeitig zitieren die rund gestalteten LED-Tagfahrleuchten die in den Nullerjahren produzierte dritte Micra-Generation in gefälliger Weise. Das Gesicht wirkt freundlich, etwas verspielt, ohne zu sehr in Retrokitsch abzukippen. Und immerhin folgt der Neue einer bereits längeren Tradition des Micra: Schon die dritte Generation teilte sich Technik mit dem Renault Clio III.

Im Innenraum setzt sich das neue Selbstverständnis fort. Die hohe Mittelkonsole, breite Säulen und kleine Fensterflächen erzeugen eher Lounge- als Kleinwagengefühl. Luftigkeit gehört nicht mehr zum Konzept. Das Armaturenbrett dominieren zwei große Bildschirme. Hinter dem Touchscreen arbeitet ein Google-basiertes Infotainmentsystem, das Smartphones kabel- und problemlos integriert. Ein kurzer Sprachbefehl genügt und die Navigation lotst direkt nach Hause. Positiv auch: Für die Bedienung von Klima- sowie Sitz- und Lenkradheizung sind noch echte Tasten vorhanden.

Kostendruck ist spürbar

Der Qualitätseindruck schwankt zwischen gehobenen Anspruch und Kostendruck. Dort, wo Hände häufig Kontakt haben, gibt es weich bezogene Flächen und Kunstlederoptik. Fürs Auge bietet der Micra zudem dekorative Strukturen im Armaturenbrett. Weiter unten erinnert allerdings Hartplastik daran, dass trotz Preisen von 28.000 bis 35.000 Euro auch weiterhin Kleinwagen-Kostendruck herrscht.

Definitiv Kleinwagen ist der Micra beim Platzangebot. Vorne sitzt man durchaus bequem, hinten wird es allerdings enger als man von außen erwarten würde. Erwachsene hocken mit stark angewinkelten Knien auf der Rückbank und haben Probleme, ihre Füße unter den Vordersitzen zu sortieren, während das Haupthaar am Dachhimmel streift. Würden sich drei Personen auf die Rückbank wagen, sollten sie engen Körperkontakt nicht scheuen.
Der Kofferraum fällt mit 326 Litern ordentlich aus. Es handelt sich jedoch um eine tiefe Wanne, aus der man schwere Gegenstände über eine 20 Zentimeter hohe Schwelle wuchten muss. Das Gepäckabteil lässt sich klassisch erweitern. Über Textilschlaufen an den Schultern wird die Lehne entriegelt, um sie zweigeteilt und im Verhältnis 60:40 nach vorne zu klappen. Der so auf rund 1.100 Liter erweiterte Kofferraum hat eine deutliche Stufe. Im Gepäckabteil dominieren funktionales Plastik und einfache Textilien. Einen Frunk gibt es nicht. Dafür kann man aufrecht unter der von zwei Dämpfern gehaltenen Heckklappe stehen.

Leistung von 150 PS

Die getestete Version e-Volution kombiniert eine 52-kWh-Batterie mit 110 kW/150 PS Frontantrieb. Der Stromer beschleunigt spontan, schafft den 100-km/h-Sprint in vergnüglich kurzen 8 Sekunden. Auch bei Zwischenspurts vermittelt er eine Souveränität, die es so bei früheren Micra-Generationen nicht gab. Mit 150 km/h Topspeed ist er auf der linken Autobahnspur seinen Vorfahren und vielen anderen Autos allerdings hoffnungslos unterlegen. Dafür bietet die Neuauflage ein recht agiles Kurvenverhalten. Gleichzeitig bleibt der Wagen beim flotten Kurvenstrich streng kontrolliert. Die Elektronik greift früh ein, hält das hohe Batteriegewicht im Zaum und verhindert so übermutige Manöver. Viel Grip trifft hier auf elektronische Vernunft.

Ähnlich ambivalent erlebt man den Fahrwerkkomfort, der ebenfalls einen Mittelweg sucht. Der Micra fährt leise und stabil, wirkt auf kurzen Unebenheiten aber gelegentlich etwas störrisch. Komfort und Sportlichkeit sollen gleichzeitig funktionieren. Vollständig gelingt das nicht. Kurze Unebenheiten quittiert die Vorderachse gelegentlich etwas stuckrig und leicht unterdämpft.

Auf längeren Strecken wird zudem klar, dass der Micra zwar erwachsen auftritt, physikalisch aber eher Stadttyp bleibt. Bei konstant 130 km/h und aktivierter Klimaanlage lag der Verbrauch bei rund 23 kWh pro 100 Kilometer, was den Aktionsradius auf rund 230 Kilometer schrumpfen lässt. Wird im Eco-Modus und bei ausgeschalteter Klimaanlage der Tempomat auf 115 km/h gesetzt, sinkt der Verbrauch auf etwa 17 kWh, was das Reichweitenfenster Richtung 300-Kilometer-Marke öffnet. In der Stadt kann der Verbrauch weiter sinken. Wer Hausstrom tankt, muss pro 100 Kilometer mit etwa 5 bis 7 Euro rechnen. Gegenüber einem Benziner entspricht das einer Halbierung der Energiekosten.

Laden mit bis zu 100 kW

Das Heck des Nissan MIcra mit seinen runden Leuchten. Foto: Nissan

Geladen wird mit bis zu 100 kW Gleichstrom. Das genügt für erträglich lange Zwischenstopps, macht den Micra aber nicht zum Langstreckenhelden. Ein paar Kilometer lassen sich rausholen, wenn man vor der Abfahrt den an der Wallbox hängenden Wagen per App vorklimatisiert, was besonders im Alltag durchaus angenehm ist. Wenn man sich auf 300 bis 400 Kilometer lange Etappen begibt, sollte man in jedem Fall eine halbstündige Ladepause fest einplanen. An Schnellladern haben wir in einmal in 16 Minuten 20 kWh und ein weiteres Mal in rund 30 Minuten 32 kWh getankt.

Der neue Micra ist also durchaus mehr als nur ein vernünftiges Stadtmobil. Er inszeniert sich als kompakter Elektro-Charmeur – digitaler und in mehrfacher Hinsicht erwachsener als sein Name erwarten lässt. Genau darin zeigt sich aber auch, wie weit sich moderne Kleinwagen der Umwelt zuliebe inzwischen auch preislich vom ursprünglichen Gedanken entfernt haben. (SP-X)

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