Nissan setzt mit Blick auf künftiges Wachstum auf drei Schlüsselmärkte: USA, China und Japan. Europa bleibt aber wegen der E-Mobilität wichtig.
Ivan Espinosa steht seit April vergangenen Jahres an der Spitze von Nissan. Auf den Mexikaner wartet die schwierige Aufgabe, die kriselnde Marke zurück in die Erfolgsspur zu bringen. Die Modellpalette ist in die Jahre gekommen, der Absatz in Schlüsselmärkten schwächelt.
Auch für das laufende Geschäftsjahr wird mit Verlusten gerechnet. Eine schnelle Besserung ist für Nissan nicht in Sicht. Im zurückliegenden Jahr hat das Unternehmen voraussichtlich um die 3,25 Millionen Fahrzeuge global abgesetzt. Da das Geschäftsjahr für Nissan erst Ende März abgelaufen ist, liegen finale Zahlen zu Absatz und Umsatz noch nicht vor. Spricht man mit Mitarbeitenden, herrsche aber Aufbruchstimmung, heißt es. Gespannt warten sie auf die Bekanntgabe der Finanzzahlen
Portfolio schrumpft von 56 auf 45 Modelle
Mit dem im Vorjahr vorgestelltem Sanierungsprogramm „Re:Nissan“ hofft der Konzern darauf, nach dem Milliardenverlust des Vorjahres die Wende zum Besseren eingeleitet zu haben. Mit dem Programm sollen Kosten reduziert, Stellen abgebaut und Werke geschlossen werden. Damit die Zukunft rosiger als die Vergangenheit wird, hat Espinosa drei Schlüsselmärkte für Nissan ausgemacht: die USA, China und den Heimatmarkt Japan. Daneben sei geplant, die Modellpalette von 56 auf 45 Modelle zu reduzieren, so der Nissan-Boss in dieser Woche am Firmensitz des Herstellers in Yokohama. Mit diesem Schritt sollen weniger erfolgreiche Modelle auslaufen und deren Mittel in Wachstumsbereiche umgeschichtet werden. Um die Liquidität des Konzerns zu steigern, hat man im zurückliegenden Jahr bereits das Hauptquartier in Yokohama verkauft und dann zurückgeleast.
Der Blick von Espinosa und seinem Führungsteam ist nach vorn gerichtet. Jetzt sei genau der richtige Zeitpunkt, die Visionen von Nissan zu verkünden und den Sanierungsplan hinter sich zu lassen, so der CEO. Mit seinem Modellangebot und seinen softwaredefinierten Fahrzeugen (SDV) will Nissan die richtigen Antworten auf die Mobilitätsanforderungen der Zukunft geben. Künstliche Intelligenz und autonomes Fahren stehen dabei für die Japaner mit Blick auf kommende Modelle im Fokus. So sei geplant, die sogenannte AI Drive-Technologie perspektivisch in 90 Prozent der Modellpalette einzusetzen. Erste Baureihe dieser neuen SDV-Fahrzeuge wird der Elgrand sein, dessen Einführung für den Sommer geplant ist.
Fokus auf drei Modellbereiche
Nissan konzentriert sich dabei aber nicht nur auf die drei Schlüsselmärkte, sondern auch auf die drei Modellbereiche Core, Heartbeat und Growth. Daneben kommen noch Partnermodelle wie die von Renault hinzu. Zu den Core-Modellen zählen beispielsweise für Europa der neue Juke EV, für den globalen Markt ist es der neue Rogue und der X-Trail. Zu den Heartbeat-Modellen gehört u.a. der Skyline, zu den Growth-Modellen der Elgrand. Mit diesen drei Fahrzeugfamilien wollen die Japaner zukünftig rund 80 Prozent ihres Absatzvolumens bestreiten.
Bis zum Ende des Jahrzehnts soll mit den bis dahin kommenden Modellen in den USA und China ein Absatz von einer Millionen Fahrzeugen erreicht werden, so Espinosa. In den USA will man mit neuen Produkten zudem die Marke Infinity „revitalisieren“. In China, wo gerade das E-SUV NX8 eingeführt wurde, setzt man auf die Kooperation mit Dongfeng. Das führt zu deutlich kürzeren Entwicklungszeiten. Statt durchschnittlich 30 Monate soll vom Beginn der Entwicklung bis zum Markstart ein Zeitraum von weniger als 20 Monaten vergehen. Der NX8 wurde in 24 Monaten entwickelt.
Auf dem Heimatmarkt Japan sehen die Planungen bis 2030 rund 550.000 Einheiten vor. Dazu beitragen soll u.a. eine neue Kompaktwagen-Serie, die ab 2028 verfügbar sein soll. Zudem dient Japan als Testfeld für neue Mobilitätsdienste, mit denen gerade auch jüngere Kundinnen und Kunden angesprochen werden sollen. Mit Uber und Wayve schickt man noch dieses Jahr Robo-Taxis auf die Straße.
Europa mit ambitionierten Zielen bis 2030
Und wie sieht es mit Europa aus? Hier erwartet Europa-Chef Massimiliano Messina bis Ende des Jahrzehnts einen Absatz von 500.000 Fahrzeugen, wobei die Marke gerade in Europa durch die Elektromobilität wachsen soll. Mit dem neuen Juke EV, der im ersten Quartal 2027 kommt und im britischen Sunderland gebaut wird, hat man zusammen mit Leaf, Arriya, Micra und Townstar fünf reine Stromer im Angebot. Ergänzt werden sie noch in diesem Jahr von einem Modell im A-Segment. Es kommt von Renault, Basis ist der Twingo. Das von Messina ausgegebene Absatzziel ist selbstbewusst, denn im zurückliegenden Jahr konnte Nissan europaweit nach Zahlen des Herstellerverbands ACEA gerade einmal rund 194.000 Fahrzeuge absetzen. Ob mit der aktuellen Modellpalette eine solche Steigerung realistisch ist, bleibt abzuwarten.
Große Hoffnungen setzt Nissan auf den Juke EV, zu dem die Japaner übrigens keine technischen Details verraten. Man ließ nur wissen, dass er auf der gleichen Plattform wie der Leaf basiert. Mit diesem Produktportfolio im Rücken hält Europa-Vertriebschef Jordi Vila je nach Marktentwicklung und durch die ausgelobten Prämien in verschiedenen Ländern wie etwa Deutschland einen Anteil von um die 20 Prozent bei den batterieelektrischen Modellen der Marke für möglich. Gleiches trifft auf den BEV-Anteil für den europäischen Gesamtmarkt zu, der im Vorjahr bei über 17 Prozent lag. Einige Prognosen gehen angesichts von bezahlbareren E-Modellen sogar von einem Anteil von 25 Prozent aus, wie es zuletzt etwa Cupra-Chef Markus Haupt im Interview mit der Autogazette gesagt hat.
Europa auf E-Mobilität ausgerichtet
Spannend wird auch sein, wie sich die neuen E-Modelle der Japaner in Europa schlagen. Micra und Leaf kommen gerade auf den Markt, der Juke soll ab dem ersten Quartal kommenden Jahres erhältlich sein. Insbesondere beim Juke mit seinem expressiven Design darf man gespannt sein, wie die Kundinnen und Kunden auf ihn reagieren. „Entweder man liebt ihn oder man hasst ihn“, sagte Chefdesigner Alfonso Albaisa. Für eine Marke, die angesichts der derzeitigen Absatzzahlen Volumen machen muss, ist es mutig, eine solche Designsprache zu wählen. Dass ein progressiver Ansatz nicht funktioniert, musste zuletzt VW mit dem ID.3 erleben. Deshalb haben sich die Wolfsburger entschieden, bei ihren E-Modellen zu traditionellen Formen zurückzukehren. Der kommende ID. Polo zeigt, wie das aussieht.
Dass der Juke polarisiert, dessen sei man sich bewusst, sagt Chefstratege Richard Candler. „Doch mit ihm gelingt es uns, neue Kunden zur Marke zu bringen.“ Und die, die sich für einen Juke der vorhergehenden Generation entschieden haben, seien zufrieden. „Wer einmal einen gekauft hat, tut dies wieder.“ Das Feedback der Kunden zum neuen Juke sei zudem enorm positiv, so Candler. Es sei so gut, wie bei keinem anderen Launch zuvor. Entsprechend optimistisch blickt man bei Nissan auf das Absatzpotenzial.

