So schnell wie sie kamen, verschwanden Pick-Ups auch wieder aus den Angeboten vieler Hersteller. Doch jetzt ist etwas anders. Ein chinesischer Kleinlaster will den Praxistest bestehen: wir sind den Maxus T60 Max gefahren.
Der Markenname ist Maxus, die Modellziffer lautet T60 und Hersteller ist die Shanghai Automotive Industry Corporation, kurz SAIC. An der Kompetenz des Konzerns, ein solides leichtes Nutzfahrzeug zu bauen, sollte man nicht zweifeln, denn SAIC gilt als Spezialist für solche Kleinlaster. Da sich in Europa aber über Jahrzehnte Toyota, Nissan, Mitsubishi, Volkswagen und Ford auf diesem Markt breitgemacht haben, wird der T60 MAX wohl noch einige Zeit im Exotenstatus verharren.
Angetrieben wird er von einem Zweiliter-Biturbo-Diesel, der nicht nur 215 PS Leistung erzeugt, sondern auch noch beachtliche 500 Newtonmeter Drehmoment. So kann der Pick-Up einerseits mit einer runden Tonne Nutzlast punkten, andererseits auch 3,5 Tonnen auf den Zughaken nehmen. Obwohl als Arbeitspferd konzipiert, verblüfft der Wagen in seiner Doppelkabine mit Pkw-ähnlichem Komfort und einem reichen Angebot an Sicherheits- und Assistenz-Systemen. Eine Monitor-Landschaft, die mehr als die Hälfte des Platzes unterhalb der Frontscheibe einnimmt, war bei Pritschenwagen bislang eher unüblich.
Viel Ausstattung fürs Geld
Ebenso wenig üblich ist, dass man keine Sonderausstattungen bestellen kann, sieht man mal von den fünf Wunschfarben ab, die tatsächlich aufpreispflichtig sind. Praktisch alles, was das Fahren angenehm und sicher macht, ist schon drin. Das fängt bei LED-Scheinwerfern, Abstands-Tempomat und Klimaautomatik an und hört bei elektrisch verstell- und beheizbaren Ledersitzen sowie Rückfahrkamera noch nicht auf. Ladeschale fürs Smartphone, 360-Grad-Kamera, die Google-Maps-Navigation kann über Android Auto oder Apple Car Play auf den Touchscreen eingespielt werden, Licht- und Regensensor sind vorhanden und noch vieles mehr.
Wer in die Tiefen des Bedien-Menüs hinabsteigt, kann aber auch unfreiwillig Komisches entdecken: „Kollisionshilfe“ ist eine Funktion betitelt, obwohl jeder weiß, dass die meisten Autofahrer Kollisionen auch ohne fremde Hilfe hinkriegen. Aber im Ernst: Warum ausgerechnet eine Längsverstellbarkeit der Lenksäule fehlt, ist nicht recht zu verstehen. So wird für manche Nutzer der Wunsch nach optimaler Sitzposition wohl unerfüllt bleiben. An Platz fehlt es nicht in der Kabine: Zwischen den Türverkleidungen sind vorn 156 cm und hinten 150 cm Platz.
Zentimetergenaues Rangieren
Im Detail ist das technische Niveau wirklich beispielgebend, denn die Parksensoren übersetzen die Nähe von Hindernissen nicht nur akustisch, sondern auch in Zentimeter-Angaben im Bild der Außenkameras. Immerhin ist die Fuhre 5,40 m lang und der Wendekreis beträgt 12,7 Meter. Den Eingriff des Spurhalte-Assistenten wünschte man sich etwas geschmeidiger, aber immerhin ist auch er Serie, Bergan- und –abfahrhilfe natürlich ebenso.
Eher an ein Elektrofahrzeug erinnert der rechte Lenkstockhebel, der für die Fahrtrichtung zuständig ist. Mit einem Drehrad auf der Mittelkonsole werden Allradantrieb und Getriebe-Untersetzung aktiviert. Mit einer Bodenfreiheit von mindestens 217 Millimetern sowie 29 Grad Böschungs- und 26 Grad Rampenwinkel sind im Offroad-Betrieb keine ernsthaften Probleme zu erwarten. Zusätzlich ist eine Hinterachs-Differenzialsperre vorhanden.
Schaltwippen am Lenkrad für das Achtgang-Automatikgetriebe gibt es zwar, ihr Nutzen ist aber fragwürdig. Will man zum Beispiel in einen höheren Gang wechseln um Drehzahl und Motorgeräusch zu mindern, kann es passieren, dass im Display die Information „Getriebeschaltbedingungen nicht erfüllt“ aufleuchtet.
Mit Hang zum Vorlauten
Der Motor geriert sich besonders nach dem Kaltstart als rauer Geselle, dessen kerniges Timbre bei beherzter Beschleunigung schon mal die Grenze zum Vorlauten überschreitet. Da können hinterm Lenkrad mehr als 70 dB(A) Geräuschpegel gemessen werden. Über eine Start-Stopp-Funktion zum Kraftstoff-Sparen verfügt dieser Antrieb nicht, obwohl das heute eigentlich selbstverständlich sein sollte. Sein zupackendes Wesen aber weiß zu gefallen und dank GPS-gemessenen 176 km/h Höchstgeschwindigkeit ist der T60 auch für Eilgut-Transporte einsetzbar.
Ohne Ladung auf der 1,50 Meter tiefen Pritsche verhält sich der Maxus nicht anders als andere Fahrzeuge dieser Bauart: Auf der angetriebenen starren und blattgefederten Hinterachse fehlt es an Gewicht und das kann angesichts von 500 Nm gerade auf regennasser Piste schon mal Traktions-Probleme heraufbeschwören. Gefahr im Verzug ist trotzdem nicht, dafür sorgen Anti-Schlupfregelung und ESP.
Da nur selten im Allradmodus und mit Ladung unterwegs, fiel das Verbrauchsergebnis laut Bordrechner absolut vorzeigbar aus: Mit 8,2 Litern je 100 km bei einer Gesamtstrecke von mehr als 2200 Testkilometern unterbot das Fahrzeug den offiziellen WLTP-Wert um 0,9 Liter. Wird das Nutzfahrzeug seiner Bestimmung gemäß genutzt, nämlich schwere Güter von A nach B zu bringen, sollte man sich freilich auf zweistellige Ergebnisse einstellen. Die gewerbliche Zulassung dieses Exoten wird aber noch von einer anderen Tatsache befördert: Nicht einmal 40.000 Euro fallen (ohne Mehrwertsteuer) für diese Kombination aus Laune und Ladung an.



