Kia setzt seine Elekroauto-Offensive mit Nachdruck fort. Nun schicken die Koreaner mit dem EV4 ein schnittiges Kompakt-Modell an den Start.
Es geht bei Kia Schlag auf Schlag. Erst kam der EV3, dann wurde der EV5 vorgestellt und nun steht der EV4 vor dem Marktstart. Während der Kia EV3 kantig, durchaus polarisierend vorfährt, ist der EV4 etwas gefälliger. Schlecht muss das nicht sein. So spricht das neue Kompaktmodell eine breitere Kundengruppe an, die es nicht ganz so expressiv wie beim EV3 haben wollen.
Damit keine Missverständnisse entstehen: auch der EV ist kantig, seine Front mit der „Tigernase“ (Selbstbezeichnung Kia) niedrig, die markante Lichtsignatur reicht weit in den Kotflügel hinein. Muss man mögen – ich mag es. Aber Design ist bekanntlich Geschmackssache – und darüber lässt sich trefflich streiten. Entweder man mag den EV4 – oder eben nicht. Ein Dazwischen gibt es nicht wirklich.
Üppiges Platzverhältnis
Über eines lässt sich nicht streiten: es ist das Platzangebot und die Fahreigenschaften. Die sind zum einen für ein Auto in dieser Klasse üppig, zum anderen souverän. Davon konnten wir uns in dieser Woche beim Tannistest in Dänemark überzeugen.
Hier musste sich der Koreaner dem Vergleich mit der Konkurrenz stellen. Sie alle wollen den Sprung von der Longlist auf die sieben Modelle umfassende Shortlist schaffen. Wem das gelingt, kann sich Hoffnungen machen, am Ende von den internationalen Jurymitgliedern zum „Car of the Year“ (Coty) gekürt zu werden. Die Chancen jedenfalls stehen nicht so schlecht, dass es der EV4 zumindest in die Finalrunde schafft. Beim letzten Entscheid waren übrigens fünf von sieben Finalisten Elektroautos, am Ende gewann der Renault 5.
Zurück zum Platz des 4,43 Meter langen und 1,86 Meter breiten EV4. Der ist für Fahrer und Beifahrer durchaus üppig. Selbst als Großgewachsener kann man hier bequem Platz nehmen – und selbst im Fond geht das mit Knie- und Kopffreiheit für Normalgewachsene recht kommod zu. Dazu trägt auch der Radstand von 2,82 Meter zu. Mit einem Kofferraumvolumen von 435 Litern setzt er zwar keine Benchmarks, aber für den Ausflug mit der Kleinfamilie reicht das allemal. Klappt man die Rückbank um, stehen 1415 Liter zur Verfügung. Wer mag, der kann natürlich auch eine Anhängerkupplung ordern, beispielsweise für den Transport von Fahrrädern. Die Zuglast liegt übrigens bei einer Tonne.
Gut gestaltetes Cockpit
Bleiben wir noch einen Moment im Innenraum. Wer hinter dem Lenkrad sitzt, der hat zunächst einmal ein asymetrisches Lenkrad vor sich und schaut auf ein von links bis zur Mitte laufendes Panorama-Display. Es beinhaltet die beiden 12,3 Zoll Displays des digitalen Kombiinstruments mit dem Navi und dazwischen den 5,3 Zoll großen Touchscreen für die Klimaanlage. Optional ist auch ein Head-up-Display im Angebot. Das sieht alles nett aus – lässt sich auch einfach bedienen. So muss es sein.
Angeboten wird der auf der Plattform E-GMP basierende EV4 mit zwei Batteriegrößen: einem 58,3 kWh großem Akku (Reichweite bis 440 Kilometer) und einer 81,4 kWh Batterie (bis zu 625 Kilometer). Mit ihr waren wir auch bei unserem Test unterwegs. Die Leistung liegt bei beiden Versionen übrigens bei jeweils 204 PS. Damit ist man zwar ausreichend gut motorisiert, aber den großen Push gibt es damit beim vehementen Druck aufs Gaspedal nicht.
Effizienter Verbrauch
Doch 7,8 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h gehen vollauf in Ordnung, gleiches trifft auch auf die Höchstgeschwindigkeit von 170 km/h. Mehr braucht man nicht, wenn man denn auch noch einigermaßen effizient unterwegs sein will. Und das kann man im EV4 durchaus, der sich auch bei flotterer Fahrt unaufgeregt verhält. 16,2 kWh/100 km soll er laut WLTP mit 19 Zöllern verbrauchen. Wir kamen bei den Testfahrten auf 15,8 kWh/100 km. Ein guter Wert. Unterwegs gefiel der EV4 neben seiner Effizienz vor allem durch sein ausgewogenes Fahrverhalten. Die Lenkung ist direkt, das Fahrwerk straff, aber ausreichend komfortabel.
Irgendwann muss man aber auch mit dem EV4 an die Ladesäule – und da kommt man zu einer der Schwächen des Stromers, der auf einer 400 Volt-Architektur basiert. Entsprechend lädt er mit kleiner Batterie nur mit nicht mehr zeitgemäßen 101 kW, mit dem großen Akku sind es 128 kW. Auch das ist weit unter dem, was man von einem neue E-Auto erwartet. Damit vergehen 30 Minter für die Ladung von 10 auf 80 Prozent.
Die Ladekurve, so verspricht Kia, soll aber sehr konstant sein. Ob das so ist, wird ein ausgiebiger Test zeigen. Sieht man vom Lademanko ab, dann ist der EV4 ein durchaus gelungener Stromer. Sein Einstieg beginnt in der Ausstattungsvariante Air übrigens bei 37.590 Euro. Wer mehr Reichweite haben will, der muss mindestens 43.240 Euro zahlen. Wer etwas mehr Sportlichkeit (indes nur beim Aussehen und bei gleicher Leistung) haben will, der muss für die GT-Line rund 49.500 Euro auf den Tisch legen. Ach ja: den EV4 gibt es auch noch als Schrägheck. Damit wären wir wieder beim Design: denn das ist bei dieser Variante doch gewöhnungsbedürftig.
Anmerkung: Der Autor ist deutsches Jury-Mitglied von Car of the Year

