Kia EV6 GT: Elektrischer Spaßbringer

Kia EV6 GT: Elektrischer Spaßbringer
Der neue Kia EV6 GT hat mehr Leistung bekommen. © Kia

Kia verfügt über eine fundierte Elektro-Expertise. Das zeigt sich gerade auch mit dem EV6 GT. Wir waren mit dem sportlichen Mittelklasse-Coupé unterwegs.

Seien wir ehrlich: Die sogenannten sportlichen oder auch nur sportlicheren Elektroautos enttäuschen in der Praxis eben genau bei den geforderten Grundtugenden. Entweder ist die Beschleunigung zwar so zügig, wie man es von einem solchen Auto erwarten darf, aber letztlich zu kurzatmig, oder bei der Höchstgeschwindigkeit wird derart früh abgeregelt, dass ein jeder Fahrer – sagen wir eines Opel Astra mit 1,2-Liter-Dreizylinder unter der Haube – auf der Autobahn dem vorgeblichen Dynamiker lässig grinsend davonfährt.

Unser Testwagen will da anders sein. Der Kia EV6 GT beschleunigt nicht nur in Atem beraubenden 3,5 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h, er hört mit dem Vortrieb auch nicht bei 180 oder 200 km/h auf, sondern macht munter weiter bis 260 km/h! Okay, über den Sinn mag man streiten und wie gut solche Beschleunigungen dem Akku auf Dauer tun würden, können wir nicht beurteilen. Aber es bleibt festzustellen: Der Koreaner bemüht sich wirklich, eine gewissen Sportlichkeit zu vermitteln und das nicht allein mit überarbeitetem Lichtdesign, neongelben Bremssätteln oder 21-Zoll-Felgen.

Simulation von virtuellen Übersetzungswechseln

Vielmehr gehört dazu auch die von Kia mit der jüngsten Modellüberarbeitung eingeführte Möglichkeit, virtuelle Übersetzungswechsel zu simulieren. Wer will, kann dazu auch die passende Klangkulisse haben – wir wollten eher nicht. Aber wenn man beispielsweise in einen höheren Gang „schaltet“ und das System das Drehmoment reduziert, fühlt man sich tatsächlich ein wenig wie in einem Auto mit Verbrennungsmotor. Selbst den mit einem Gangwechsel einhergehenden Ruck durchs Fahrtzeug kann der EV6 GT simulieren.

Ein neues Lenkrad und serienmäßig elektrisch verstellbare Sitze: der neue Kia EV6 GT. Foto: Kia

Andererseits, man fährt halt ein Elektroauto und warum sollte man so tun, als führe man einen Verbrenner? Zudem: Wie bei vielen solcher Spielereien verliert man im Laufe der Zeit nach und nach den Spaß an der Sache und lässt das Auto einfach schalten und walten. Der Spaß an der Dynamik des Fahrzeugs bleibt auch so erhalten.

Schnelles Laden dank 800 Volt

Optisch polarisiert der EV6, in unserer 609-PS-Ausführung als GT und mit entsprechender Optik. Volles Lob oder ausufernde Kritik, dazwischen gab es auf Nachfrage in einer Spannbreite von autoaffinen Freunden bis zur kritischen Ehefrau eigentlich nichts. Gut so, denn eines ist der Koreaner ganz bestimmt nicht: ein weiteres glattgelutschtes SUV-Coupé – oder wie immer man die selbstbewussten Formen des Fahrzeugs beschreiben will.

Freud und Leid liegen auch beim Thema Verbrauch und Laden eng beieinander. Zum einen merkt man dem GT an, dass der Hyundai-Konzern in Sachen Elektrokompetenz ganz vorne mitfährt. Bis heute bieten nur wenige Hersteller und so gut wie keine Volumenmarken die bei vielen Fahrzeugen des Konzerns gängige 800-Volt-Technik an. In 18 Minuten am Schnelllader von 10 auf 80 Prozent? Das können nur wenige, auch wenn die Zeit in der Praxis, abhängig vom Ladezustand der Batterie, vom Wetter und von der Belegung an den Nachbarsäulen, von uns nicht erreicht wurde. Aber in rund 22 Minuten von 15 auf 80 Prozent – das fanden wir auch ziemlich komfortabel.

Andererseits muss man mit dem EV6 GT doch recht häufig an die Ladesäule. Denn der Verbrauch, schon in der Norm bei fast 21 kWh liegend, ist in der Praxis recht hoch, wir landeten bei gar nicht mal so herausfordernder Fahrweise Richtung 25 kWh. Und wer die Möglichkeiten mit diesem Fahrzeug öfter mal ausreizt, muss mit Verbräuchen um die 30 kWh rechnen. Wer das nicht will: Vom EV6 gibt es auch zivilere, günstigere und sparsamere Versionen. Im GT führt dies angesichts der mit 84 kWh brutto nicht gerade riesigen Batterie und unter Einbeziehung der bei E-Autos stets lieber etwas früher als zu spät angefahrenen Ladesäule zu Praxisreichweiten von um die 350 Kilometer.

Überraschend großer Wendekreis

Der Kia EV6 GT weist auch am Heck einige optische Änderungen auf. Foto. Kia

Ein Auto für die Stadt ist der EV6 GT übrigens nicht. Der Allradantrieb fordert seinen Tribut – der Wendekreis ist gefühlt gewaltig und lässt das Fahrzeug etwas hier unhandlich wirken.
Vor allem auf der Landstraße, etwa beim Überholen eines Traktors, wir haben ja Erntezeit, ist das Sportcoupé in seinem Element. Und macht so richtig Spaß. Zumindest dem Fahrer und seinem Begleiter. Hinten geht es deutlich enger und dunkler zu.

Am Kofferraumvolumen ist hingegen nichts auszusetzen: 480 Liter sind okay, bis zu 1.250 Liter können es bei umgelegten Sitzen werden, letzteres kein absoluter Top-Wert, ab okay.
Mit fast genau 70.000 Euro ist der Kia EV6 als GT sehr selbstbewusst eingepreist. Allerdings ist das Fahrzeug dafür tatsächlich so komplett ausgestattet, dass man nichts vermisst. Es würde auch nichts nützen, denn es gibt schlichtweg keine Extras aus der Preisliste zu ordern. Dies, der starke Antrieb, das schnelle Laden und die lange Garantie (7 Jahre) relativieren den hohen Preis ein wenig, machen den Koreaner aber auch noch längst nicht zum Schnäppchen. Aber das sind sportliche Elektroautos ja auch selten. (SP-X)

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