Mazda6e: Spannung kann auch schnittig sein

Mazda6e: Spannung kann auch schnittig sein
Fast fünf Meter lang: Die E-Limousine Mazda6e bietet Platz und Qualität. © Mazda

Elektrisch, groß – und doch kein SUV. Mazda bringt mit dem 6e eine klassische Limousine. Die Kooperation mit China merkt man kein bisschen.

Für den großen Hype waren sie in Fuchu noch nie zu begeistern. Im Gegenteil. Verlässlich und mit fernöstlicher Ruhe kultiviert Mazda in Sachen Vortrieb seine Eigenwilligkeit. Als die Konkurrenz in Scharen zum Elektroauto überläuft, ertüfteln die Japaner neue Kolbenmotoren. Weil es eben – Akku hin, Wasserstoff her – dauern wird, bis wir alle mal mit Strom unterwegs sind. Für diese Philosophie haben sie bei Mazda den Begriff „Multi Solution“ erdacht. Soll heißen: gerüstet für alle Fälle. Und weil Sonderwege mit technischer Finesse seit je den Anspruch der Marke kennzeichnen, konnte die Präsentation des zweiten E-Modells nach dem MX-30 eigentlich nur in eine Phase fallen, da allenthalben die Hinwendung zum Verbrenner wieder populär wird.

Erfreulich gegen den Trend ist der Mazda 6e in Sachen Karosserie unterwegs. Wie schön, mal wieder ein großes E-Auto zu sehen, das nicht aussieht, als sei es für mittelschwere Expeditionen gebaut – nur weil sich wuchtige Batterien in wuchtigen Dickschiffen leichter verstecken lassen. Schnittige Limousine statt klobiges SUV – allein dafür gebührt den Designern ein Lob. Und während bei anderen das Licht hektisch tobt zwischen Kniffen und Kanten, Falzen und Furchen, spielen beim 6e Reflexionen majestätisch mit sanft gewölbten Flanken. Kollateralnutzen der geschmeidigen Formgebung: Bei ersten Testfahrten erwies sich der offizielle Verbrauch von 16,5 kWh auf 100 Kilometern keineswegs als Utopie. Es zahlt sich halt nicht bloß optisch aus, wenn man dem Wind keine plastikbeplankte Schrankwand in den Weg stellt.

Batterien mit unterschiedlicher Chemie

Unter dem schicken Blech lassen sich zwei Batterie-Typen mit unterschiedlichen Reichweiten ordern. Foto: Mazda

Offiziell ist der knapp fünf Meter lange 6e Nachfolger des Mazda6 – jener Baureihe, die den Japanern in knapp einem Vierteljahrhundert mehr als vier Millionen Verkäufe weltweit bescherte. Nur dass es in vierter Generation nun eben elektrisch vorangeht. Auch hier selbstverständlich mit ganz eigenen Ideen. Während im Basismodell ein LFP-Akku mit 68,8 kWh und 479 Kilometern Reichweite sitzt, schöpft die ebenfalls heckgetriebene Long-Range-Version Kraft aus einer NCM-Batterie mit 80 kWh und einem Radius von 552 Kilometern. Eher unerwartet: Die Einstiegsvariante bietet mit 190 kW (258 PS) geringfügig mehr Leistung als die Langstrecken-Limousine mit 180 kW (245 PS).

Die eigentliche Überraschung wartet jedoch bei der Ladeleistung. Der kleine Akku zieht am Schnelllader mit durchaus üblichen 165 kW und absolviert die Füllung von zehn auf 80 Prozent in 24 Minuten, der große kommt dagegen nur auf 90 kW, was für das identische Level einen Stecker-Stopp von 47 Minuten nötig macht. Grund sei die etwas weniger moderne Zellchemie, heißt es bei Mazda. Womöglich aber scheute man höheren technischen Aufwand, weil sich nach eigenen Schätzungen nur jeder zehnte Käufer für ein Long-Range-Modell entscheiden dürfte.

Feine Materialien, hochwertige Verabreitung

Das schalterlose Cockpit sieht höchst puristisch aus, erfordert aber viel Arbeit am Touchscreen. Foto: Mazda

Keine Kompromisse macht Mazda im Fahrgastraum mit seiner serienmäßigen Überkopfverglasung. Vermutlich schon, um keinerlei Zweifel an der Herkunft aufkommen zu lassen. Schließlich entstammt die Limousine einem Joint Venture mit der China-Marke Changan und wird komplett in Nanjing im Reich der Mitte gebaut. Doch Zweifler können höchst beruhigt sein. Auch beim 6e finden sich feine Materialien und hochwertige Verarbeitung, mit denen Mazda ganz offensiv in den Premium-Bereich drängt. Gerade auf fernöstliche Handwerkskunst ihrer Takumi-Meister legen sie in Japan schließlich ganz besonderen Wert.

Eher gewöhnungsbedürftig ist die Wende beim Cockpit. Stemmte sich Mazda beim CX-80 noch erfreulich gegen den ausufernden Touch-Trend, finden sich im Kommandostand des 6e mit Ausnahme der Fensterheber nur noch Tasten am Lenkrad. Das sieht wunderbar puristisch aus, erfordert aber selbst für Spiegeleinstellung, Lautstärke und Scheibenwischer-Tempo den Griff zum Display. Das kann man mögen – muss man aber nicht. Schon deshalb, weil jede Aktion über Gebühr ablenkt. Vom lästigen Gefingere Genervte flüchten sich am besten in die Sprachsteuerung.

Elektrisch gesteuerter Heckspoiler

Der elektrisch gesteuerte Heckspoiler fährt über Tempo 90 automatisch aus und unter 50 wieder ein. Foto: Mazda

Dank fast fünf Metern Länge hat’s vorne wie hinten reichlich Raum für Kopf und Knie. Noch nicht mal der Einstieg in zweiter Reihe erfordert große Demut vor dem schnittigen Design. Wer lieber Lasten transportiert als Leute: Hinter voller Bestuhlung warten 466 Liter Laderaum, mit umgeklappten Rücklehnen packt der 6e knapp 1,1 Kubikmeter weg. Unter der Fronthaube wartet mit 72 Litern noch ein ordentlicher Frunk – und wem selbst all dieser Platz nicht reicht: Achtern dürfen 1,5 Tonnen an den Haken.

Freunde gepflegter Bogenfahrt waren bei Mazda dank straffer Dämpfung und exakter Lenkung seit jeher gut aufgehoben. Das ist beim 6e nicht grundlegend anders, wenngleich man den Widerstand am Volant besser auf Stellung „Sport“ arretieren sollte. Das Gefühl der Sänfte jedenfalls haben die Ingenieure auch dank der 19-Zöller zum Glück vermieden. Nimmt man noch die schön ausgeformten Sitze und das konfigurierbare Head-up-Display dazu, stellt sich tatsächlich ein, was sie bei Mazda „Jinba Ittai“ nennen – das Gefühl der Einheit von Ross und Reiter. Doch selbst wenn es einen elektrisch aus- und einfahrenden Heckspoiler gibt: Sanftes Gleiten passt am besten zum Charakter der Limousine. Auch weil ambitioniertes Bremsen einen spürbaren Tritt erfordert. Da darf beim Übergang von elektrischer zu mechanischer Verzögerung gerne noch justiert werden.

Zum Jahresende auch Elektro-SUV

Wie in dieser Klasse zu erwarten, wahrt der Mazda 6e Tempo, Abstand und Spur, späht in Querverkehr und tote Winkel, assistiert im Stau und wirft im Notfall den Anker. Und von der belüfteten Ladeschale bis zum digitalen Bluetooth-Schlüssel gibt’s auch sonst allerlei Schnick und Schnack. Die Türen öffnen sich ab 44.900 Euro, die Long-Range-Version kostet jeweils 1600 Euro Aufpreis. Das ist viel Geld, allerdings auch jede Menge Auto – und die etablierte Konkurrenz ruft für Vergleichbares deutlich mehr auf.

Auch wenn Mazda die Limousine 6e als „Meilenstein auf dem Weg in die elektrische Zukunft“ feiert – vom SUV wollen die Japaner bei künftigen Stromern nicht lassen. Schatten wirft bereits ein Modell, das in China unter der Bezeichnung EV-60 firmiert und gegen Jahresende auch nach Deutschland kommen soll. Ob das hier dann CX-6e heißt, ist allerdings noch Spekulation.

Keine Beiträge vorhanden