Mit dem EV5 schließt Kia die Lücke zum wuchtigen EV9, halbiert aber die Spannung. Auch für Zögerer in Sachen E-Mobilität gibt’s Neues: den K4.
Es ist noch nicht allzu lange her, da fiel einem bei Kia irgendwas mit billig und sieben Jahren Garantie ein. Wenn überhaupt. Doch diese Vergangenheit haben die Koreaner abgestreift. Ob Design, Sportlichkeit oder Technologie – überall fahren sie ganz vorne mit. Das gilt besonders für die elektrischen Modelle. Der EV6 war 2022 in Europa „Car of the Year“, zwei Jahre später holte der wuchtige EV9 gar den Welt-Titel, 2025 schaffte das auch der kleine EV3. Dazwischen indes klaffte eine ziemliche Modell-Lücke – und das ausgerechnet im so beliebten Segment der Kompakt-SUV. Genau dort soll nun der EV5 die spannende Alternative zum Kolben-Besteller Sportage bieten.
Jede Menge umbauter Raum auf Kante gezeichnet – optisch präsentiert sich der 4,60 Meter lange EV5 als leicht eingedampfte Variante des Flaggschiffs EV9. Dank 2,70 Metern Radstand kann man sich hinterm Volant fühlen wie Gott in Korea und auf Wunsch – etwa bei der Ladepause – samt ausklappbarer Beinauflage sogar gepflegt flachlegen. Selbst in Reihe zwei sind Zustieg und Aufenthalt mehr als kommod. Klar, dass auch Wegpackern das Herz aufgeht. 566 Liter finden hinter voller Bestuhlung Platz, mit waagrechten Lehnen sind es 1,65 Kubikmeter bei einer ebenen Ladefläche von zwei Metern Länge. Da klappt’s im Notfall sogar mit einer Übernachtung. Weitere 44 Liter Stauraum finden sich unter der Fronthaube. Wem das noch immer nicht reicht – achtern dürfen gebremst immerhin 1,2 Tonnen an den Haken.
Frontantrieb zum Modellstart
Das digitale Cockpit beherrschen zwei 12-Zoll-Bildschirme, die zu einem schicken Kommandostand im Breitwand-Format verschmelzen. Dazwischen findet sich noch ein 5,3-Zoll-Display für die Klima-Steuerung. Lobenswert: Wichtige Funktionen haben Tasten und benötigen kein lästiges Gefummel in Untermenüs. Ebenfalls vorbildlich: Für den Bodenbelag verwendet Kia aufgearbeitete Fischernetze, für die Sitzbezüge recycelte Plastikflaschen. Und als Leder-Alternative findet sich Bio-Polyurethan, das zum Teil aus Mais gewonnen wird. Deutliche Abzüge gibt’s allerdings für das doppelt abgeflachte und beinahe schon eckige Volant, dessen Gestaltung sich womöglich dem Designer erschließt, kein bisschen allerdings dem Fahrer. Die Bezeichnung Lenk-Rad kommt ja nicht von ungefähr.
Für Vortrieb sorgt zum Modellstart ein 160 kW (218 PS) starker Motor an der Vorderachse, der sich aus einem 81,4-kWh-Akku speist. Das klingt bei einem Leergewicht von knapp 2,2 Tonnen nicht allzu üppig, erweist sich im Alltag jedoch als völlig ausreichend – wenn es sein muss, kommt man in 8,4 Sekunden zur dritten Tacho-Stelle und rauf bis Tempo 165. Wer diesem Reiz allzu oft erliegt, kann die offiziellen 530 Kilometer Aktionsradius natürlich abschreiben. Allerdings ist die heiße Hatz auch nicht die Kernkompetenz des hochbeinigen Koreaners, wenngleich sich der eher komfortabel abgestimmte Raum-Gleiter selbst in schnellem Geschlängel höchst achtbar schlägt. Wer jedoch betont knackig unterwegs sein will, sollte womöglich besser auf das demnächst folgende GT-Modell mit 225 kW (306 PS) und Allradantrieb warten.
Identische Plattform – halbe Spannung
Schwächen offenbart der EV5 an der Ladesäule. Das liegt daran, dass Kia – vermutlich aus Kostengründen – trotz identischer Plattform vom 800-Volt-Konzept der großen Brüder abgewichen ist und nur die halbe Spannung offeriert. Bei maximal 150 kW am Schnelllader vergehen da von 10 bis 80 Prozent Akku-Kapazität immerhin 30 Minuten. Das ist halt nur Durchschnitt und dürfte damit gerade in diesem Segment durchaus am hohen Renommee der Marke kratzen. Allerdings kann der EV5 auch gönnen – und zwar bis zu 3,6 kW. Über die Steckdose lassen sich Wohnanhänger, E-Bikes oder sogar andere E-Autos anschließen. Bis zur Selbstaufgabe indes geht die Stromspende nicht. Sie endet, sobald die eigene Ladung unter 20 Prozent sinkt.
In Sachen Sicherheit gibt’s keinerlei Kompromisse. Der EV5 hat seine künstlichen Augen überall, wahrt je nach Ausstattung Tempo, Spur und Abstand, späht in Querverkehr und tote Winkel, parkt selbstständig ein und aus, hat einen wachen Blick auf den Fahrer und wirft bei Gefahr den Anker. Auch bei der Konnektivität ist Kias Jüngster auf dem neuesten Stand und hört auf Befehl. Wem häufiger Warndrang auf den Wecker geht – ein langer Druck auf die Laustärke-Walze bremst lästiges Gefiepe zumindest deutlich ein, aber nicht gänzlich aus. Fünf Sterne beim Test Euro NCAP können manchmal auch ein Fluch sein.
Die Türen zum EV5 öffnen sich ab 45.990 Euro. Allerdings ist das Basismodell trotz Navigation, Klimaautomatik und Rückfahrkamera eher etwas für Komfortverächter. Wärmepumpe, elektrische Sitze und V2L-Funktion etwa gibt es erst mit der Ausstattung „Earth“ (ab 48.990 Euro). Für die Topversion „GT-Line“ mit Massagesitzen, Soundsystem und 19-Zöllern ruft Kia ab 51.990 Euro auf. Das ist dann zwar jede Menge Auto, aber eben auch viel Geld.
K4 hält die Verbrenner-Flagge hoch

Noch aber fährt der größere Teil der automobilen Welt nicht elektrisch. Schon gar nicht im Kompakt-Segment. Für genau diesen Kundenkreis könnte der ebenfalls neue 4,40 Meter lange Kia K4 eine Alternative sein. Der schnittig und mit breiten Schultern gestylte Nachfolger des Ceed kommt in einer Einstiegsversion mit Ein-Liter-Dreizylinder, 115 PS und Sechs-Gang-Handschaltung (ab 29.990 Euro). Drei weitere Modelle verfügen über eine siebenstufige DCT-Automatik: Ein mildhybrider Ein-Liter-Dreizylinder mit ebenfalls 115 PS (ab 32.590 Euro) sowie zwei Varianten eines 1,6-Liter-Vierzylinders mit 150 und 180 PS (ab 33.890 bzw. ab 36.890 Euro).
Im Cockpit setzt Kia auf ein breites Curved-Display und eine Kombination aus Touchscreens und Tasten, in Sachen Assistenz und Konnektivität ist alles an Bord, was der moderne Mensch angeblich braucht. Der Laderaum fasst – je nach Motorisierung – zwischen 438 und 1.217 Liter. Für Freunde üppigen Gepäcks kündigt Kia bereits einen knapp 4,70 Meter langen Sportswagon an. Traurige Nachricht jedoch für alle Proceed-Fans: Der schnittige Hingucker aus Kombi und Coupé ist als K4 leider nicht mehr am Start. Der und elektrisch – das wär’s.


