SsangYong war nie wirklich verschwunden aus Deutschland, doch nun sollen sich Kunden an das Markenkürzel „KGM“ gewöhnen. Kann der koreanische Hersteller mit dem Mittelklasse-SUV Torres aus der Nische fahren?
Erst Corona, dann auch noch die Insolvenz – SsangYong hat eine harte Zeit hinter sich. Da aber Totgesagte bekanntlich länger leben, fand sich mit dem Chemie- und Stahlkonzern KG ein Unternehmen, das die Autoherstellung unter dem Namen „KG Mobility“ weiterführt. Aktuell sind in Deutschland acht Modelle erhältlich.
Zulassungszahlen wie bei Hyundai oder Kia wird KGM hierzulande sicher nicht erreichen, aber der fünftürige Hochdach-Kombi Torres verdient wegen seiner Preis-Leistungs-Relation eine genauere Betrachtung.
Torres mit rustikaler Optik
Seine rustikale Optik macht allerhand her. Dem Anschein nach rollt hier ein knorriger Geländewagen heran, der jenseits der Straße einiges draufhat. Senkrechte Flächen, klare Kanten, dazu ein Lamellengrill, der wohl nicht zufällig an einen Jeep erinnert. Die Offroad-Attitüde setzt sich in einen roten Verschlussdeckel an der Bugschürze fort, hinter der man eine Winde vermuten könnte und auch die Verzurr-Ösen auf der Motorhaube befördern das Image des kernigen Naturburschen.
In der Seitenansicht fällt vor allem die mächtige C-Säule auf, die man dann zu verwünschen lernt, wenn man über die Schulter nach Radfahrern oder Fußgängern Ausschau halten will.
Aura eines echten Kraxlers
Der wuchtige Bügelgriff an der Heckklappe deutet eigentlich auf eine seitlich angeschlagene Tür hin, aber der Kofferraum-Zugang öffnet sich konventionell nach oben und die angedeutete Reserveradmulde ist einfach nur Show. Beim Blick auf die Antriebstechnik wird schnell klar: Hier geht es nicht ums Kraxeln über Felsen oder Wühlen im Schlamm. Ein 1,5 Liter großer Vierzylinder treibt mit 163 PS an, der Unterfahrschutz ist nur als Anspielung vorhanden, Geländeprogramme fehlen ebenso wie eine Getriebe-Untersetzung.
Aber, wer bislang nur um die 2000 Autos jährlich in Deutschland verkauft, darf ruhig einmal etwas dicker auftragen, denn schließlich gilt es, in dem kaum noch überschaubaren Angebot der Mittelklasse-SUV Akzente zu setzen. Der Torres tut dies mit Vielseitigkeit, einer gediegenen Ausstattung und gutem Platzangebot. Wie viele seiner Wettbewerber gibt es den Torres auch mit Frontantrieb, der Testwagen verfügte über ein 4×4-System, dessen Kraftzuteilung ein automatisches Sechsgang-Getriebe erledigt. Das maximale Drehmoment liegt bei 280 Newtonmetern, nicht alle Welt, aber ausreichend, denn das Fahrzeug verblüfft auf der Waage.
Nur mäßige Anhängelast
Nur 1640 Kg zeigte das Messgerät, womit der Torres um einiges schlanker daherkommt, als Vergleichs-Fahrzeuge anderer Hersteller. Immerhin handelt es sich um ein 4,71 Meter langes und 1,63 m hohes SUV, und bei solchem Kaliber sind Leergewichte von 1800 Kg und mehr durchaus üblich. Dass ein vergleichsweise leichtes Fahrzeug keinen Drei-Tonnen-Trailer ziehen kann, leuchtet ein und so liegt die Anhängelast bei 1500 Kilogramm, die Stützlast auf dem Zughaken bei nur 60 kg, was mit zwei Elektro-Fahrrädern schon leicht erreicht werden kann.
Die Ladekante liegt mit 78 Zentimeter im Segments-Durchschnitt, hinter der Klappe befindet sich ein strapazierfähig großer Kofferraum, der schon ohne Umlegen der Rücksitzlehnen 703 Liter Volumen hat. 1662 Liter sind es, wenn man bis zu den Vordersitzen durchladen will. Mobiliar, Verkleidungen, Cockpit-Architektur sind auf der Höhe der Zeit und von guter Qualität, wenngleich es an manchen Stellen auch nicht ohne Hartplastik zu gehen scheint. Dieses Zugeständnis an das erstrebte Preisniveau (Startpreis 33.900 Euro) mag man eingehen. Die Innenbreite der Kabine beträgt vorn 1,48 Meter, hinten müssen die Passagiere mit sechs Zentimetern weniger auskommen.
Herausfordernde Bedien-Logik
Was vom Ambiente her durchaus ansprechend daherkommt, erweist sich in der Praxis als herausfordernd. Dass dieses Fahrzeug der Kategorie „Exoten“ zuzurechnen ist, wird nirgends so deutlich wie am Multifunktions-Lenkrad. Die vielen Tasten erweisen sich mit ihren verschiedenen Druck- und Kipp-Funktionen als Bedienelemente mit eigener Logik. Auf Anhieb den gewünschten Effekt, zum Beispiel das Aktivieren des Tempomats, hinzubekommen, bedarf einiger Übung. Wer das akustische Signal der Tempo-Warnung abschalten will, muss in fünf Einzelschritten die dafür vorgesehenen Sensorflächen des mittigen Touch-Monitors antippen. Das bedeutet Ablenkungsgefahr, was in der Regel ein weiteres Warnsignal des Systems hervorruft.
Ebenso sind Verkehrsschild-Erkennung und Navigationssystem in der Lage, Verwirrung zu stiften. Mehrfach konnte bei den Testfahrten beobachtet werden, dass nicht nur die in Kartenmonitor und Fahrerdisplay eingeblendeten Tempolimits voneinander abwichen, sondern auch die tatsächlich gefahrene Geschwindigkeit in unterschiedlichen Werten angezeigt wurde. So etwas passiert, wenn der Tacho sein Signal vom Rad bekommt, das Navi aber aus GPS-Daten gespeist wird. Auf Extravaganzen solcher Art legen Kunden sicher keinen Wert.
Viel Durst auch bei wenig Tempo
Der Fahrkomfort ist ganz o.k., die Geräuschdämmung ebenfalls. Ruppigen Untergrund steckt das Fahrwerk klaglos weg, bei Überholvorgängen ist allerdings zu merken, dass dem Wagen ein paar PS mehr gut täten. Vielleicht wäre ein Zweiliter-Motor die bessere Wahl gewesen. Eine Eigenschaft solch eines Antriebs wird den Torres-Nutzern allerdings geboten: der gegenüber kleinerem Hubraum erhöhte Verbrauch. Stolze 9,1 Liter je 100 Kilometer genehmigte sich der Testwagen, und das bei Verzicht auf Vollgas-Phasen auf der Autobahn. Wer es günstiger sucht, wird sich wohl eher die Hybrid-Version anschauen (WLTP 6,1 Liter).
So bleibt ein zwiespältiger Eindruck von einem SUV, dessen Name auf einen chilenischen Nationalpark verweist: Einerseits bekommt man für 46.790 Euro ein geräumiges Vielzweck-Auto, dessen Komfort- und Sicherheits-Ausstattung viele Elemente enthält, die man dem Premiumbereich zuordnen würde. Die gute Preis-Leistungs-Relation wird aber dadurch konterkariert, dass man an jeder Tankstelle draufzahlt.



