Genesis GV60: Ein erfolgversprechender Auftakt

Genesis GV60: Ein erfolgversprechender Auftakt
Der Genesis GV60 lässt sich effizient fahren. © Dominic Fraser/Genesis

Genesis ist in Europa gerade einmal ein Jahr auf dem Markt. Mit dem GV60 bringt die Marke nun ihr erstes reines Elektroauto auf den Markt, zwei weitere werden noch 2022 folgen.

Die Aufgabe hat es in sich. Dessen ist sich Dominique Boesch bewusst. Der Manager steht vor der Herausforderung, mit Genesis eine Marke in Europa zum Erfolg zu führen, die der breiten Masse eher unbekannt sein düprfte. Der Europachef lässt aber nicht den Hauch eines Zweifels erkennen, dass ihm das gelingen wird – und das auf dem „weltweit schwierigsten Markt für Premiumfahrzeuge“ überhaupt.


Vor Genesis haben bereits andere Importeure wie Toyota mit der Edeltochter Lexus versucht, sich auf dem hartumkämpften Automarkt Europa gegen Audi, BMW, Mercedes und Porsche im Premiumsegment zu behaupten. Mit eher überschaubarem Erfolg. Boesch lässt sich davon nicht irritieren. Der Automanager gibt sich bei der Vorstellung des Genesis GV60 in Frankfurt/Main ausgesprochen selbstbewusst.

Genesis 2015 gegründet

Kleine Monitore an den Türen des Genesis GV60 zeigen das Verkehrsgeschehen. Foto: Dominic Fraser/Genesis

Seine Zuversicht schöpft Boesch, der über jahrzehntelange Vertriebserfahrung bei Audi zurückblicken kann, aus den Produkten. Bisher hat die 2015 gegründete Marke der koreanischen Hyundai Motor Group, die seit einem Jahr in Europa auf dem Markt ist, nur Verbrenner-Fahrzeuge vorgestellt. Bisher. Das wird mit dem GV60 anders. Er feiert am 7. Juni seine Markteinführung. „Der GV60 wird eine neue Phase für die Markenreise darstellen“, sagt Boesch. „Er wird die Kunden davon überzeugen, sich für dieses Modell zu entscheiden.“ Als Europachef muss er ein neues Modell natürlich vollmundig ankündigen und dessen Vorteile hervorheben.

Doch wer erstmals in Kontakt mit dem GV 60 gekommen ist, der im ersten Car Loft Europas im b´mine Hotel in Frankfurt vorgestellt wurde, der muss Boesch beipflichten. Der Aufbruch der Marke in die E-Mobilität verläuft vielversprechend. Der GV60 braucht die Konkurrenz in der Mittelklasse nicht zu scheuen. Zu den Mitbewerbern gehören übrigens auch die Modelle aus dem eigenen Konzern: der Ioniq 5 und der Kia EV6 teilen sich die gleiche Plattform – und verfügen entsprechend über eine 800 Volt-Architektur.

Optisch ansprechendes Design

Auch wenn sie auf der gleichen Architektur unterwegs sind, ist für ausreichend Differenzierung gesorgt. Das 4,51 Meter lange Mittelklasse-SUV sieht mit seiner mattweißen Lackierung (Aufpreis 1300 Euro) elegant aus. Vorn fallen zunächst die optisch ansprechenden LED-Doppelscheinwerfer auf, hinten sind die Rückleuchten ebenfalls zweireihig gestaltet. Von der Seite stechen die kurzen Überhänge positiv ins Auge. Das durchlaufende Chromband entlang der Dachlinie endet an der C-Säule mit einem V. Das sieht alles wirklich richtig schick aus.

Zusammen mit den optional erhältlichen digitalen Kameras (1460 Euro), die statt normaler Außenspiegel an unserem Testwagen angebracht sind, sorgt der GV 60 immer wieder für neugierige Blicke der Passanten. Die Kamera-Bilder des Verkehrsgeschehens werden übrigens auf zwei Monitore in den Türen in den Innenraum übertragen.

Viel Platz im Innenraum

Nette Spielerei: Eine Glaskugel auf der Mittelkonsole wird beim Start zur Getriebesteuerung. Foto: Dominic Fraser/Genesis

Im Innenraum bietet der GV 60 den Passagieren dank einer Breite von 1,89 Meter und einer Höhe von 1,59 ein gutes Raumgefühl. Gesteigert wird es nochmals durch Glaspanoramadach. Platz gibt es im GV 60 ausreichend; selbst auf der Rückbank können Großgewachsene dank eines Radstandes von 2,90 bequem sitzen. Innen versprüht der GV 60 mit seinen Materialien Premiumambiente. Das macht auch Audi nicht besser. Die Bedienung der Instrumente funktioniert intuitiv, da gibt es nichts zu meckern. Ein kleines Highlight hält der GV 60 für seine Fahrerin bzw. Fahrer auch noch parat. Auf der schwebenden Mittelkonsole befindet sich eine Glaskugel, die sich beim Start des Autos
dreht und als Getriebesteuerung dient. Eine nette Spielerei.

Doch wie fährt sich der Neue nun? Gut, ausgesprochen gut sogar, wobei wir nicht mit dem Basismodell Sport mit 318 PS (ab 56.370 Euro) unterwegs waren, sondern mit der 436 PS leistungsstärkeren Variante Sport Plus (ab 71.010 Euro). Hier bringen die E-Motoren jeweils 218 PS an die Vorder- und Hinterachse. Dank eines Drehmoments von satten 700 Nm ist also für ausreichend Kraftentfaltung bei diesem 2,15 Tonnen schweren Stromer gesorgt.

Effizient unterwegs, wenn man denn will

Elegante Seitenlinie: der Genesis GV60. Foto: Dominic Fraser/Genesis

Angesichts dieser Leistungsdaten kann sich der Fahrer auf sportliche Fahrleistungen freuen: Von 0 auf 100 beschleunigt der GV60 in gerade einmal vier Sekunden und wer möchte, der kann bis zu 235 km/h schnell fahren. Für das Klientel, das besonders viel Wert auf Sportlichkeit legt, hat Genesis seinem Stromer einen Boost Modus mit auf den Weg gegeben. Drückt man den grünen Button am Lenkrad, stehen für zehn Sekunden 20 Kilowatt mehr Leistung zur Verfügung. Ein Aspekt, den man gerade beim Überholen zu schätzen lernt.

Doch wer meint immer nur sportlich unterwegs sein zu müssen, für den rückt auch die versprochene Reichweite des 77,4 kWh großen Akkus von 470 Kilometer in weite Ferne. Wer es indes moderat angehen lässt, der kann ihn auch wie wir effizient mit 19,1 kWh fahren. Das ist übrigens der Wert, der als WLTP-Verbrauchswert angegeben wird.

Wie schaut es mit der Ladeleistung aus? Hier sind – so man an einer passender Ladesäule hält – bis zu 350 kW möglich. Damit sollen für die Aufladung von 10 auf 80 Prozent gerade einmal nur 18 Minuten nötig sein. Doch wie man vom Ioniq 5 und auch dem Kia EV 6 weiß, sind solche Angaben mit Vorsicht zu genießen, gerade bei kälteren Temperaturen. Doch dank einer serienmäßigen Wärmepumpe und einer Vorkonditionierung der Batterie bei aktivierten Navigationssystem beim Anfahren der Ladestation verspricht Genesis ein hohes Ladetempo. Was von dem Versprechen zu halten ist, wird ein Praxistest zeigen.

Persönlicher Assistent ersetzt Händler

Das Heck des Genesis GV60 mit den Doppel-Rückleuchten. Foto: Dominic Fraser/Genesis

Doch der Eindruck, den der Genesis GV 60 nach dem ersten Test hinterlässt, ist ausgesprochen positiv. Einfach wird es indes nicht, sich am Markt zu behaupten: Denn neben der geringen Markenbekanntheit sind die Grundpreise durchaus selbstbewusst. Und der Weg, den Genesis beim Vertrieb geht, ist speziell: Händler im klassischen Sinne gibt es nämlich nicht. Wer Interesse an einem Genesis hat, ruft eine Hotline an und spricht dort mit einem persönlichen Assistenten. Der wickelt für den Interessenten die Probefahrt und später auch den Kauf ab. Das Fahrzeug wird dann nach Hause geliefert bzw. abgeholt, wenn denn mal ein Werkstatt-Aufenthalt fällig werden. Das ist ein Geschäftsmodell, das den hiesigen Kunden erst einmal vermittelt werden muss.

Dass alles zeigt: die Markenreise von Genesis in die E-Mobilität wird kein Selbstläufer, auch wenn der Start mit dem GV 60 vielversprechend beginnt. Mit dem GV 70 steht übrigens bereits das zweite batterie-elektrische Modell in den Startlöchern, ein drittes wird noch dieses Jahr folgen. Das Ziel der Marke ist dabei mit Blick auf die Elektrifizierung klar: Ab 2025 sollen alle Modelle nur noch mit elektrischem Antrieb angeboten werden. „Zudem wollen wir ab 2035 klimaneutral sein, die Produktion und die gesamte Wertschöpfungskette soll bis dahin CO2-neutral sein“, sagt Boesch. Das sind ambitionierte Ziele. Doch Boesch scheint Herausforderungen zu lieben.

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