«Wir werden das Auto zum digitalen Begleiter machen»

Daimler-Entwickler Thomas Weber und Johann Jungwirth

«Wir werden das Auto zum digitalen Begleiter machen»
Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber (l.) und Johann Jungwirth. © Daimler

Die Vernetzung des Fahrzeuges nimmt Fahrt auf. Im Interview mit der Autogazette sprechen Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber und Johann Jungwirth über Google Glass, die Smartwatch und den Horchposten im Silicon Valley.

Der Autobauer Daimler arbeitet mit Nachdruck am selbstlernenden Fahrzeug. «Wir nennen das Predictive User Experience. Es geht darum, dass das Auto meine Vorlieben kennt wie beispielsweise meinen Musikgeschmack oder mir Navigationsziele vorschlägt, die meinen Interessen oder Gewohnheiten entsprechen», sagte Johann Jungwirth, Präsident Forschung und Entwicklung Nordamerika, im Interview mit der Autogazette.

«Neue Anwendungen als intellektuelle Herausforderung»

Dabei sei es wichtig, dass sich das System intelligent dem Nutzungsverhalten des Fahrers anpasse und letztlich Aktionen automatisch durchführe, «Wir werden damit das Fahrzeug zu einem echten digitalen Begleiter, einem guten Freund machen», fügte Jungwirth hinzu.

Wie Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber sagte, gehe es mittlerweile nicht mehr darum, die Funktionen des Smartphones ins Auto zu bringen. Vielmehr seien die «Lernerfahrung und die Entwicklung neuer Anwendungen» die intellektuelle Herausforderung. «Die reine technische Vernetzung einer Brille oder einer Uhr über das Handy mit dem Auto ist heute schon relativ einfach lösbar. Daraus einen sinnvollen Use-Case zu machen ist unser Anspruch.»

«Wollen offen sein für Twitter oder nun Google+»

Autogazette: Sie haben auf der CES in Las Vegas bekannt gegeben, dass bald das soziale Netzwerk Google+ in ihren Fahrzeugen integriert wird. Mal ehrlich, wer von Ihren Kunden braucht so etwas wirklich?

Johann Jungwirth: Viele. Wir sehen bereits heute, dass soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Google+ genutzt werden. Entsprechend wollen wir in unseren Fahrzeugen die gesamte Bandbreite an Angeboten anbieten und nicht nur Facebook integrieren. Wir wollen offen sein für Twitter oder nun Google+.

Thomas Weber: Viele Innovationen wurden dadurch verhindert, dass die traditionelle Welt sagte: So etwas braucht man nicht. Genau deshalb haben wir unseren Forschungsstandort im Silicon Valley auch als Horchposten etabliert, um Innovationen aufzuspüren und nicht sofort nur auf den Business-Case zu schauen. Viele Innovationen entstehen doch nur dadurch, dass man sie ausprobiert. Der Appetit kommt beim Essen.

«Ohne Whats´s App könnte ich nicht mit Kindern kommunizieren»

Autogazette: Und, Herr Weber, nutzen Sie Google+?

Weber: Mir reicht die Kommunikation mit Email und SMS. Doch ohne What´s App könnte ich mit meinen Kindern gar nicht mehr kommunizieren. So ist es auch bei Google+. Es gibt eine große Community, die so etwas im Auto haben will – und entsprechend ist es wichtig, seinen manchmal vielleicht engeren Horizont auch mal weiter zu spannen. Und das tut unser Team im Silicon Valley.

Autogazette: Ein Ziel von Mercedes ist es, seine Zielgruppe zu verjüngen. Können auch derartige Applikationen dazu beitragen, jüngere Kunden zur Marke zu bringen?

Weber: Eindeutig...

Jungwirth: ...absolut, das können wir aufgrund unserer Erfahrungen nur bestätigen. Deshalb ist es für uns so wichtig, Anwendungen wie beispielsweise Facebook, Twitter oder nun auch Google+ ins Auto zu bringen.

«Wir setzen auf iOS als auch auf Android»

Johann Jungwirth stärkt Digitalkompetenz bei VW.
Johann Jungwirth erklärt die Predictive User Experience AG/Mertens

Autogazette: Audi hat gerade wissen lassen, dass man in seinen Fahrzeugen auf Android setzt. Worauf liegt bei Ihnen der Fokus?

Jungwirth: Wir setzen sowohl auf Apples iOS als auch auf Android. Bereits im Jahr 2011 haben wir mit AMG Performance Media als erster Premium-OEM ein Infotainment System auf Android-Basis ins Fahrzeug gebracht und wir arbeiten bereits jetzt an der Android-Lösung für unsere Digital Drive Style App und das Drive Kit Plus.

Autogazette: Warum ist Daimler nicht der gerade gegründeten Open Automotive Alliance beigetreten, der neben Google, NVIDIA auch die vier Autobauer GM, Honda, Hyundai und Audi angehören?

Jungwirth: Auch wir wurden eingeladen, dieser Allianz beizutreten. Da unser Fokus aktuell darauf liegt, unsere Digital DriveStyle App und das Drive Kit Plus für Android zu entwickeln und unsere eigene Mercedes-Benz User Experience auf Android zu portieren, werden wir etwas später dieser Allianz beitreten.

Weber: Innovationszyklen sind nicht losgelöst vom Produktportfolio und von Einführungsterminen neuer Modelle zu betrachten. Mit diesem Timing passt das jetzt gut zusammen. Was man von der CES als eine der wichtigen Botschaften mitnehmen kann ist, dass die Innovationsgeschwindigkeiten immer höher werden. Wir sind aufgrund unserer modularen Fahrzeug- und Elektronikarchitektur in der Lage, solche Zyklen schneller zu synchronisieren und damit diesbezüglich sehr gut aufgestellt.

«Android-System im zweiten Halbjahr»

Autogazette: Wann kommen Sie denn mit Ihrem Android-System auf den Markt?

Jungwirth: Bald, im zweiten Halbjahr wird es soweit sein.

Autogazette: Hyundai hat angekündigt, bis 2015 mit dem Genesis ein Auto auf den Markt zu bringen, dass mit Google Glass vernetzt ist. Ab wann sind Sie dazu in der Lage?

Jungwirth: Wir sind mit unserer Digital Drive Style App auf iOS-Basis und in Kürze auch für Android auf den Einsatz von Google Glass vorbereitet. Die Lösung liegt fertig vor. Wenn der Marktstart von Google Glass vielleicht noch in diesem Jahr erfolgt, können wir loslegen. Entsprechend werden wir mit dieser Lösung schneller als jeder unserer Wettbewerber auf dem Markt sein.

Weber: Wir haben in unseren Entwicklungen beides berücksichtigt: Sowohl Google Glass als auch die Vernetzung mit einer Uhr, der Pebble Smartwatch. Dass wir schon jetzt in der Lage sind, das im Auto zu nutzen, ist eine der großen Neuheiten der CES und wir werden noch mehr Gas geben.

«Pebble-Smartwatch noch im Frühjahr»

Die Smart-Watch von Pebble verbindet sich mit Merceedes-Fahrzeugen
Die Smartwtch von Pebble Daimler

Autogazette: Wann werden Sie die Pebble Smartwatch einführen?

Jungwirth: Noch im Frühjahr. Für diesen Zeitraum ist auch geplant, dass wir die Nest Smart-Home-Integration auf den Markt bringen. Mit Nest ist es beispielsweise möglich, dass sich bei der Rückfahrt aus dem Winterurlaub die Heizung in der heimischen Wohnung automatisch anschaltet. Dazu berechnet das Navigationsgerät die Ankunftszeit und übermittelt diese Infos an die Heizungsanlage. Aufgrund der flexiblen Lösung, die wir mit der Digital Drive Style App haben, können wir neue Funktionen von der Idee bis zum Launch am Markt in nur drei Monaten anbieten.

Autogazette: Wie innovativ ist Google Glass oder die von ihnen vorgestellte Uhr? Letztlich ist beides nichts anderes als ein Second Screen des Smartphones.

Jungwirth: Unterschätzen Sie die Nutzungsmöglichkeiten nicht. Wenn ich heute eine Nachricht auf mein Handy bekomme, muss ich es aus der Tasche kramen und es in die Hand nehmen. Mit der Smartwatch wird das alles leichter. Da schaue ich nur kurz drauf und muss zudem nicht die Hände vom Lenkrad nehmen. Wir haben die Uhr so ausgestattet, dass über die drei Tasten an der rechten Seite wichtige Funktionen angesteuert werden können. Wenn ich das Fahrzeug verlasse, kann ich beispielsweise schauen, wo sich mein Fahrzeug befindet, ich kann sehen, ob es abgeschlossen ist oder ich kann den Kilometerstand und den Füllstand des Tanks abrufen. Es geht darum, unseren Kunden den Alltag zu erleichtern.

Von HRS bis Facebook: Apps in einem Mercedes.
Einige der Apps, die in einem Mercedes integriert sind AG/Mertens

Weber: Die Frage, ob diese Funktionen, die wir vom Smartphone kennen, auch im Auto funktionieren, stellt sich nicht mehr. Die Lernerfahrung und die Entwicklung neuer Anwendungen ist die intellektuelle Herausforderung. Die reine technische Vernetzung einer Brille oder einer Uhr über das Handy mit dem Auto ist heute schon relativ einfach lösbar. Daraus einen sinnvollen Use-Case zu machen ist unser Anspruch. Wir müssen dem Kunden einen Mehrwert bieten – und das tun wir.

Jungwirth: Des Weiteren ist es wichtig, zum selbstlernenden Fahrzeug zu kommen - wir nennen das Predictive User Experience. Es geht darum, dass das Auto meine Vorlieben kennt wie beispielsweise meinen Musikgeschmack oder mir Navigationsziele vorschlägt, die meinen Interessen oder Gewohnheiten entsprechen. Das System muss sich intelligent meinem Nutzungsverhalten anpassen und kann so auf Grund von dem Kontext, meinem Profil und der Erfahrung genaue Vorhersagen der nächsten Bedienschritte machen oder Aktionen automatisch durchführen. In diesem Bereich steckt unheimlich viel Innovationspotential. Wir werden damit das Fahrzeug zu einem echten digitalen Begleiter, einem guten Freund machen. In Summe kommen wir da sehr gut voran – was die Resonanz auf der CES deutlich bestätigt.

Das Interview mit Thomas Weber und Johann Jungwirth führte Frank Mertens

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Nach dem Sport- und Publizistikstudium hat er in einer Nachrichtenagentur volontiert. Danach war er Sportjournalist und hat drei Olympische Spiele als Berichterstatter begleitet. Bereits damals interessierten ihn mehr die Hintergründe als das Ergebnis. Seit 2005 berichtet er über die Autobranche. Neben der Autogazette verantwortet er auch das Magazin electrified.

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