«Mit CO2 haben wir kein Problem»

Carrera-Chef Andreas Stadlbauer

«Mit CO2 haben wir kein Problem»
Carrera-Chef Andreas Stadlbauer © Carrera

Seit über 50 Jahren begeistern Carrera-Rennbahnen Jung und Alt. Carrera-Chef Andreas Stadlbauer nimmt im Interview mit der Autogazette Stellung zu CO2-Grenzen, Carsharing und der Schnelligkeit der digitalen Welt.

Rund eine Million Rennsets mit bis zu zweieinhalb Millionen Rennwagen produziert Carrera jährlich. Die Attraktivität des über 50 Jahre alten Familienunternehmens nimmt ständig zu. «Es gibt kaum ein Entertainment-Produkt, bei dem der fünf- oder sechsjährige Bub mit dem Vater und dem Großvater auf identischem Niveau miteinander Spaß haben können», sagt Carrera-Chef Andreas Stadlbauer im Interview mit der Autogazette.

Dabei hat der Hersteller ebenso wie die realen Autobauer mit identischen Bereichen wie Design und Technologie oder neue Werkstoffe zu kämpfen. «Schlussendlich beschäftigen wir uns mit der gleichen Problematik wie der Maßstab 1:1, nämlich Fliehkräfte, Schwerpunkte oder hohe Kurvengeschwindigkeiten. Es gibt unwahrscheinlich viele Parallelen.» Nur beim CO2 sieht der Geschäftsführer keine Grenzen. «Mit CO2 haben wir kein Problem, da wir schon seit über 50 Jahren mit Strom fahren. Und Carsharing gibt es bei uns auch. Ich brauche ja nur meinen Controller an meinen Kumpel weitergeben, dann kann er mit meinem Auto weiterfahren.»

Dass in der hauptsächlich digitalen Welt der Kinder und Jugendlichen eine Rennbahn immer noch ihren Platz hat, wundert Stadlbauer dabei nicht. «Gerade in dieser schnellen, hektischen digitalen Welt hören wir immer wieder, wie wichtig es den Menschen ist, ein Auto anzufassen und sich anzusehen und nicht nur digital vorzufinden. Wenn Sie in ein Restaurant gehen, nehmen Sie auch lieber eine attraktive Frau mit anstatt den Playboy. Die Menschen haben eine gewisse Sehnsucht, aktiv zu sein.»

«Wir kitzeln die Grundbedürfnisse»

Autogazette: Herr Stadlbauer, Sie waren mit einer großen Carrera-Rennbahn auf der IAA vertreten. Fühlten Sie sich als Hersteller von Autorennbahnen zwischen den realen Autos eigentlich deplatziert?

Stadlbauer: Ganz im Gegenteil. Wenn es die großen Vorbilder nicht gäbe, gäbe es auch Carrera nicht.

Autogazette: Das Auto als Statussymbol hat aber an Wert verloren. Setzt sich das Desinteresse der jüngeren Generationen auch bei den kleineren Maßstäben fort?

Stadlbauer: Das sehe ich nicht ganz so. Bei der Autorennbahn geht es um Rennen, um Geschicklichkeit. Wir kitzeln die Grundbedürfnisse – ich polarisiere es einmal – der Männer heraus. Wer ist schneller? Wer ist besser? Wer besiegt den Freund? Für uns ist das Auto das Mittel zum Zweck. Und für mich das schönste Mittel zum Zweck.

Autogazette: Also läuft die Rennbahn fernab der Realität?

Stadlbauer: Design ist ebenso ein Thema für uns wie auch Technologie. Wenn neue Werkstoffe kommen, ist es auch für uns interessant. Schlussendlich beschäftigen wir uns mit der gleichen Problematik wie der Maßstab 1:1, nämlich Fliehkräfte, Schwerpunkte oder hohe Kurvengeschwindigkeiten. Es gibt unwahrscheinlich viele Parallelen.

Autogazette: Schlüsselwörter wie CO2-Grenzen, Elektrifizierung oder Carsharing gehören aber nicht dazu?

Stadlbauer: Mit CO2 haben wir kein Problem, da wir schon seit über 50 Jahren mit Strom fahren. Und Carsharing gibt es bei uns auch. Ich brauche ja nur meinen Controller an meinen Kumpel weitergeben, dann kann er mit meinem Auto weiterfahren.

«Manchmal kann es der Vater kaum erwarten»

Das brandneue Rennset Carrera Evolution Speed Attack
Mit vier, fünf Jahren fängt es an Carrera

Autogazette: Sie sprachen die Männer an. Sind Ihre Kunden hauptsächlich Männer?

Stadlbauer: Aufgrund der Technikthemen fühlen sich Männer mehr angesprochen. Wir haben aber in den letzten Jahren feststellen können, dass immer mehr Mädchen sich in Carrera-Clubs blicken lassen und auch Frauen immer aktiver werden. Wir bieten deshalb auch spezielle «Ladys Nights» an.

Autogazette: Zieht sich das dabei das Alter durch alle Jahrgänge durch?

Stadlbauer: Es fängt bei vier, fünf Jahren an. Manchmal kann es der Vater aber kaum erwarten, nachdem das Kind auf die Welt gekommen ist. Da wird dann schon im Säuglingsalter Vorsorge für die Zukunft getroffen. Und das Alter hört eigentlich nicht auf. Das ist das Faszinierende an den Rennbahnen.

Autogazette: In welcher Hinsicht?

Stadlbauer: Es gibt kaum ein Entertainment-Produkt, bei dem der fünf- oder sechsjährige Bub mit dem Vater und dem Großvater auf identischem Niveau miteinander Spaß haben können. Wenn wir als Erwachsene versuchen, in der Welt der Videogames mitzuhalten, muss man Freak sein, um es zu schaffen. Umgekehrt sind Kinder bei gewissen Erwachsenenspielen überfordert. Das ist das Geheimnis, warum die Carrera-Rennbahn immer noch so eine große Popularität besitzt.

«Und das Ganze ohne Rückrufaktion»

Das World Final von Carrera findet am kommenden Wochenende statt.
Seit über 60 Jahren elektrisch unterwegs Carrera

Autogazette: Zwischenzeitlich war die Popularität aber abgeebbt. Das Unternehmen war Mitte der achtziger Jahre insolvent.

Stadlbauer: Wir sind seit Ende der 60er Jahre Generalvertreter in Österreich. Wir haben die Marke fast von Anfang an mitbegleitet. Es haben mehrere Faktoren zusammengespielt, dass es der Marke betriebswirtschaftlich nicht gutgegangen ist. Die Marke selbst war immer ein Star und hat immer gestrahlt.

Autogazette: 1999 wurde Ihrem Vater, der Carrera übernahm, keine glänzende Zukunft vorausgesagt. Was hat Ihr Vater anders gemacht, um das Interesse an Carrera-Rennbahnen wieder zu wecken?

Stadlbauer: Wir haben als erstes in neue Fahrzeuge und Lizenzen investiert. Und wir haben sehr sehr stark auf unsere Zielgruppe gehört, nämlich die Väter, die damals schon als Kind mit Carrera aufgewachsen sind. Wir haben Workshops mit Carrera-Fans organisiert und haben dabei gefragt, was wir machen können, damit das Ganze dann spannender und natürlich auch besser wird – vermischt mit unseren eigenen Ideen.

Autogazette: Die Zeit verläuft immer schneller. Bei Videospielen setzen sich die Jugendlichen vor den Monitor und fangen an zu spielen. Die Rennbahn muss erst aufgebaut werden. So viel Geduld ist heute doch noch weniger vorhanden als früher . . .

Stadlbauer: . . . das ist richtig. Aber gerade in dieser schnellen, hektischen digitalen Welt hören wir immer wieder, wie wichtig es den Menschen ist, ein Auto anzufassen und sich anzusehen und nicht nur digital vorzufinden. Schauen Sie sich den Erfolg von Lego an. Lego ist nicht digital. Lego ist bauen, hinsetzen, Zeit verbringen. Mit sich selbst oder mit seinen Kindern. Auf diesem Prinzip basiert auch die Autorennbahn. Wenn Sie in ein Restaurant gehen, nehmen Sie auch lieber eine attraktive Frau mit anstatt den Playboy (lacht). Die Menschen haben eine gewisse Sehnsucht, aktiv zu sein. Ich glaube an den Menschen.

Autogazette: 260 von diesen Menschen arbeiten bei Ihnen . . .

Stadlbauer: . . . im gesamten Unternehmen mit den anderen Marken wie Schildkröt oder Pustefix. Bei Carrera werden dabei pro Jahr rund eine Million Rennsets produziert. In jedem Rennset befinden sich zwei oder drei Autos. Und das Ganze ohne Rückrufaktion (lacht).

«Sammler machen wichtigen Teil aus»

Autogazette und Carrera verlosen DIGITAL-Bahn
Sammlerstücke sind sehr beliebt Carrera

Autogazette: Haben sie denn eine Kapazitätsgrenze erreicht oder sind Sie nach oben offen?

Stadlbauer: Wir sind mit unserem Familienunternehmen stabil aufgestellt und suchen weiterhin nach interessanten Marken, Firmen, Produkten oder Produktideen, die sich möglichst in einer Art Nische bewegen. Und in dieser Nische wollen wir dann die Nummer eins sein.

Autogazette: Wie schaut es bei der Produktion mit Obergrenzen aus?

Stadlbauer: Wir können die Kapazitäten noch aufdrehen, das ist kein Thema. Wir haben aber sehr lange Vorlaufzeiten. Allein der Werkzeugprozess dauert fast sechs Monate. Deshalb können wir auch aktuelle Formel-1-Fahrzeuge im besten Fall kurz vor Weihnachten liefern.

Autogazette: Weihnachten wird auch für Carrera ein großes Geschäft sein?

Stadlbauer: Rund um die Autorennbahn werden im Fachhandel zu dieser Zeit zwischen 60 und 70 Prozent der Umsätze des Jahres gemacht. Aber wir haben auch gute Umsätze im Fahrzeugbereich und Zubehör im gesamten Jahr. Darum ist es nicht ganz schlimm, wenn ein Fahrzeug mit zeitlicher Verzögerung auf den Markt kommt, weil der Carrera Fan oder der Sammler das Fahrzeug unbedingt haben möchte und es sich auch nach Weihnachten kauft.

Autogazette: Das heißt, dass die Sammler einen großen Teil Ihrer Kundschaft ausmachen?

Stadlbauer: Sie machen einen wichtigen Anteil aus. Die Sammler sind diejenigen, die Carrera kommunizieren und pflegen und in ihren Blogs über unsere Marke schreiben. Und wir versuchen jedes Jahr, ein spezielles Modell auf den Markt zu bringen, das sich besonders an diese Zielgruppe wendet und keine hohe Stückzahl aufweist, aber in der Sammler-Community einen hohen Stellenwert besitzt.

«Chinesen spielen gerne»

Der Porsche RC 911 Carrera als ferngesteuertes Auto.
Auch ferngesteuerte Autos sind sehr beliebt AG/Flehmer

Autogazette: 1961 war Carrera allein auf weiter Flur. Im Laufe der Zeit kamen einige Mitbewerber mit alternativen Rennbahnen auf den Markt. Sehen Sie die Mitbewerber als Problem an?

Stadlbauer: Wir haben national nachweislich einen Marktanteil über 96 Prozent. International schaut es ein wenig anders aus, auch wenn wir Marktführer in den USA, in Frankreich, in Spanien sind. Selbst in England, wo es noch andere Hersteller gibt, sind wir stark auf der Überholspur. Das hat stark mit der Fahrzeugpolitik zu tun.

Autogazette: Was heißt das?

Stadlbauer: Wer sich eine Autorennbahn kauft, entscheidet sich zumeist einmal für ein Schienensystem. Im Kinderbereich sind wir mit Carrera GO!!! führend und haben kaum Mitbewerber – auch durch Lizenzen mit Disney Cars oder Mario Karts. Im Erwachsenenbereich verfügen wir über Exklusiv-Lizenzen mit Ferrari und arbeiten mit Red Bull zusammen. Da fällt die Entscheidung für den Konsumenten sehr leicht – natürlich auch aufgrund der Kompabilität der Systeme.

Autogazette: Und je früher die Entscheidung fällt, umso eher haben Sie einen weiteren Interessenten an der Angel?

Stadlbauer: Und anschließend muss man das Ganze pflegen. Die User wollen einen Service bekommen. Auch Carrera-Autos haben Verschleißteile wie richtige Fahrzeuge. Wie beim richtigen Auto müssen auch beim Carrera-Rennwagen die Reifen oder Schleifer gewechselt oder das Getriebe ausgetauscht werden.

Autogazette: Für die Autohersteller war China bis vor einiger Zeit fast schon ein Schlaraffenland. Ergeht es Carrera ähnlich?

Stadlbauer: Wir haben dort schon den ersten Carrera-Shop weltweit in Shanghai eröffnet. Das Geschäft entwickelt sich sehr interessant, da die Chinesen sehr gerne spielen. Und die Kombination aus Autorennen, Speed und Geschicklichkeit kommt dort sehr gut an.

Das Interview mit Andreas Stadlbauer führte Thomas Flehmer

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Der diplomierte Religionspädagoge arbeitete neben seiner Tätigkeit als Gemeindereferent einer katholischen Kirchengemeinde in Berlin in der Sportredaktion der dpa. Anfang des Jahrtausends wechselte er zur Netzeitung. Seine Spezialgebiete waren die Fußball-Nationalelf sowie der Wintersport. Ab 2004 kam das Autoressort hinzu, ehe er 2006 die Autogazette mitgründete. Seit 2018 ist er als freier Journalist unterwegs.

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