BMW Motorrad setzt perspektivisch nach wie vor auf den Verbrenner. Warum der reine E-Antrieb keine Priorität genießt, sagt Motorradchef Markus Flasch.
Mit der Studie Vision K18 hat BMW Motorrad beim Concorso d’Eleganza Villa d’Este einen Ausblick auf die Zukunft seines Sechszylinders gegeben. Gleichzeitig stellen sich für die Motorradsparte grundsätzliche Fragen: Welche Rolle spielen Elektromobilität, Digitalisierung und Assistenzsysteme künftig auf zwei Rädern? Und wie konsequent wird das angekündigte Serienmodell R20 die Linie des spektakulären Konzepts fortführen? BMW-Motorrad-Chef Markus Flasch skizziert dabei einen Kurs, der technische Offenheit mit einer klaren Orientierung an den Erwartungen der Kundschaft verbinden soll.
Bei der Elektromobilität bleibt BMW Motorrad vorerst zurückhaltend. Ein rein elektrisch angetriebenes Motorrad für die breite Kundschaft steht nach Angaben von Flasch derzeit nicht im Vordergrund. Zwar verfüge der Konzern technologisch über weitreichende Möglichkeiten, etwa bei Zelltechnologie, Leistungselektronik oder auch Wasserstoffansätzen. Entscheidend sei jedoch nicht die technische Machbarkeit allein, sondern die Frage, ob daraus ein Motorrad entstehe, das den Ansprüchen der Kundinnen und Kunden tatsächlich gerecht werde.
Kein schneller Strategiewechsel
Aus Sicht des Unternehmens spricht vor allem der direkte Vergleich mit etablierten Verbrennern gegen einen schnellen Strategiewechsel. Modelle wie die R 1300 GS oder die S 1000 RR stünden heute für ein Gesamtpaket aus Leistungsgewicht, Reichweite und Vielseitigkeit, das batterieelektrische Konzepte nach Einschätzung von BMW derzeit noch nicht überträfen. Gerade im Motorradsegment seien Freiheit, Langstreckentauglichkeit und spontane Routenwahl zentrale Kaufmotive. Wer auf große Tour gehe, wolle sich an Straßen und Landschaft orientieren – und nicht an der Dichte von Ladesäulen.
Ganz abschreiben will BMW Motorrad das elektrische Fahren dennoch nicht. Im urbanen Umfeld oder bei Rollerkonzepten sieht Flasch weiterhin tragfähige Einsatzfelder. Für ein großes elektrisches Motorrad sei der Markt jedoch aus Münchner Sicht noch nicht reif. Auch Hybridantriebe bewertet der Manager skeptisch. Motorräder reagierten besonders sensibel auf zusätzliches Gewicht, und schon wenige Kilogramm mehr könnten das Fahrgefühl deutlich verändern. Deshalb konzentriert sich die Sparte derzeit darauf, bestehende Verbrennungsmotoren weiter zu optimieren und effizienter zu machen, statt überstürzt auf Zwischenlösungen zu setzen.
Autonome Funktionen nicht im Fokus
Auch bei der Digitalisierung unterscheidet BMW Motorrad deutlich zwischen sinnvoller Innovation und technischer Überfrachtung. Während sich das Auto immer stärker zum softwaredefinierten System entwickelt, sieht Flasch für autonome Fahrfunktionen beim Motorrad keine realistische Perspektive. Motorräder seien nicht bloß Transportmittel, sondern emotionale Produkte, die stark über das unmittelbare Fahrerlebnis definiert würden. Vollautomatisiertes Fahren passe deshalb kaum zur Logik des Segments.
Gleichwohl will die Marke moderne Technik dort einsetzen, wo sie einen konkreten Nutzen stiftet. Sicherheit bleibt nach Flaschs Darstellung ein zentrales Entwicklungsziel. Sensorik, Regelsysteme und Assistenzfunktionen sollen ihren Platz im Motorrad dann finden, wenn sie das Fahren sicherer machen oder das Erlebnis verbessern. Der Vorteil innerhalb der BMW Group liegt dabei im Zugriff auf digitale Kompetenzen aus dem Automobilbereich. Auffällig ist jedoch, dass BMW Motorrad parallel eine Gegenbewegung beobachtet: Im Premiumsegment wächst die Nachfrage nach analogen, authentischen Produkten, bei denen Handwerk, Materialität und Beständigkeit höher bewertet werden als maximale Technisierung.
R20 nah am Konzept
Diese Haltung spiegelt sich besonders deutlich im kommenden Serienmodell R20 wider. BMW hatte mit ungewöhnlich frühen Erlkönig-Bildern bereits signalisiert, dass das Motorrad sehr nah an dem vor zwei Jahren gezeigten Konzept bleiben soll. Laut Flasch ist genau das beabsichtigt: Die Wünsche der Fangemeinde nach einem puristischen, weitgehend unverfälschten Motorrad sollen ernst genommen werden.
Die R20 werde als Einsitzer mit bewusst reduzierter elektronischer Ausstattung positioniert und damit eher als Statement denn als Technikdemonstrator. Zugleich betont BMW, dass die Fahrdynamik keineswegs unter dem puristischen Ansatz leide. Intern habe das Modell selbst kritische Testfahrer überzeugt. Damit zeichnet sich eine Strategie ab, die in einer Zeit rasanter technologischer Umbrüche nicht auf maximale Disruption setzt, sondern auf einen ausgewogenen Kurs: offen für neue Technik, aber fest verankert im Selbstverständnis einer Marke, für die Fahren mehr bedeutet als bloße Fortbewegung. (SP-X)



