Renaissance der Autoindustrie

Dank Asien

Die Automobilindustrie sieht dank der Märkte Asien wieder Land in Sicht. Doch das Horrorjahr 2009 hat auch seine Spuren hinterlassen.

Von Bernd Glebe und Sebastian Raabe

Renaissance der deutschen Autobauer: Waren Absatzeinbrüche, Kurzarbeit und tiefrote Zahlen die beherrschenden Schlagzeilen im vergangenen Jahr, hat sich das Bild mittlerweile vollkommen umgekehrt. Wegen der brummenden Produktion werden Schichten verlängert, in Werken die Sommerpause gestrichen und wieder Leiharbeiter eingestellt. An der Börse kursieren bereits wieder erste Wachstumsfantasien. Trotz aller Aufbruchstimmung in der Branche treten die Konzern-Lenker aber noch auf die Euphoriebremse: Es wird weiter auf Sicht gefahren, lautet die Losung.

Premiumhersteller frohlocken

Es ist vor allem das ungebrochene Wachstum auf den boomenden asiatischen Märkten, das die deutschen Premiumhersteller frohlocken lässt. Während die Lage in Europa und im einstigen Vorzeigemarkt Deutschland weiter düster ist, werden dort vor allem in China die großen und teureren Luxuswagen gekauft, die BMW, Audi, Daimler und auch der Sport- und Geländewagenschmiede Porsche die größten Gewinnspannen versprechen. Die Lokomotive China ziehe die Weltkonjunktur nach vorne, sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer dem Sender MDR Info. Davon profitiere die Autobranche.

Mittlerweile spreche BMW mit dem Betriebsrat über Möglichkeiten, «die Kapazitäten im zweiten Halbjahr zu erhöhen», sagt ein Konzernsprecher in München und warnt zugleich: «Es gibt natürlich noch einige Risiken». Auch beim Erzrivalen Audi gibt es mittlerweile verlängerte Schichten, sagt ein Sprecher. Ähnlich ist die Lage bei Daimler. 2100 Ferienjobber werden im Sommer beschäftigt, die Zahl der Leiharbeiter hat sich von 900 im Frühjahr auf mittlerweile 1800 verdoppelt.

Vorsichtige Zuliefererindustrie

Vorstandschef Dieter Zetsche will wegen der anziehenden Nachfrage in einigen Standorten auch am Samstag arbeiten lassen, die Werkferien im Sommer werden teilweise gestrichen. Die positive Entwicklung zeigt sich bei den Schwaben auch in der Kurzarbeit. 13.700 Mitarbeiter sind davon derzeit noch betroffen. Auf dem Höhepunkt der Autokrise vor etwas mehr als einem Jahr im April 2009 waren es noch 68.000 Beschäftigte.

Vom Eurokurs über die Schuldenkrisen etlicher europäischer Länder - der in den vergangenen Monaten gepflegte Zweckpessimismus in den Konzernzentralen dürfte nach den Schreckensnachrichten der schweren Branchenkrise trotz aller Erfolge allerdings nur langsam einer neuen Jubelstimmung weichen. Noch sind die großen Hersteller dabei, die Löcher zu stopfen, die die Krise gerissen hat. Auch die Zulieferindustrie äußert sich noch betont vorsichtig.

Zurückhaltende Verkaufsziele


«Das Geschäft läuft insgesamt wieder gut. Auch in der Kraftfahrzeugtechnik», sagte ein Sprecher des Autozulieferers Bosch. Im Stammwerk in Stuttgart-Feuerbach und auch in Reutlingen werden in diesem Jahr zwar wieder mehrere hundert Ferienbeschäftigte eingestellt. Ob die Erholung nachhaltig sei, bleibe aber noch unklar: «Die Frage ist, was ist Auffüllen der Lagerbestände und was ist Erholung», betonte der Sprecher.

Wann etwa BMW wieder die Rekordmarke von 1,5 Millionen Fahrzeugen aus dem Jahr 2007 knackt, ist ebenfalls offen. Und so gilt das zurückhaltende Vertriebsziel der Münchner weiter, in diesem Jahr zumindest mehr als 1,3 Millionen Fahrzeuge weltweit zu verkaufen. Allerdings könnte BMW-Chef Norbert Reithofer diese Prognose nach dem zweiten Quartal nach oben korrigieren. Die spannende Frage bleibt, wie weit.

Zenit erreicht

Auch Audi bleibt bei der ursprünglichen Prognose, in diesem Jahr zumindest wieder den eigenen Rekordabsatz von einer Million verkaufter Fahrzeuge zu überbieten. Die Ingolstädter waren deutlich besser durch die Krise gefahren als die Wettbewerber und sehen sich nun im Plan. Bei Daimler hat das Management die Prognose wegen der anziehenden Nachfrage zwar schon im Frühjahr deutlich nach oben gefahren und Vorstandschef Zetsche demonstriert seit Monaten neues Selbstbewusstsein. Das Horrorjahr 2009 mit tiefroten Zahlen hat aber auch bei den Stuttgartern Spuren hinterlassen.

Und auch Dudenhöffer gießt etwas Wasser in den Wein: Langfristig müsse Deutschland mit einem weiteren Jobabbau in der Automobilindustrie rechnen. «Wir müssen uns mit dem Szenario auseinandersetzen, dass in Westeuropa und in Deutschland der Zenit der Automobilproduktion und auch der Beschäftigung erreicht ist», erklärt der Experte vom CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen. «Die Produktion wandert dorthin, wo auch der Absatz ist.» (dpa)

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Der diplomierte Religionspädagoge arbeitete neben seiner Tätigkeit als Gemeindereferent einer katholischen Kirchengemeinde in Berlin in der Sportredaktion der dpa. Anfang des Jahrtausends wechselte er zur Netzeitung. Seine Spezialgebiete waren die Fußball-Nationalelf sowie der Wintersport. Ab 2004 kam das Autoressort hinzu, ehe er 2006 die Autogazette mitgründete. Seit 2018 ist er als freier Journalist unterwegs.

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