Fahrassistenzsysteme steigern die Sicherheit. Ob sie indes tadellos funktionieren, stellt die Prüfer von TÜV und CO vor Probleme.
Moderne Autos verfügen über zahlreiche Assistenzsysteme, die dem Fahrer die Arbeit zumindest teilweise abnehmen. Doch funktionieren Spurhalter, Notbremser oder Geschwindigkeitsassistent noch zuverlässig, wenn der Wagen ein paar Jahre alt ist?
Das sollte spätestens bei der Hauptuntersuchung (HU) auffallen, bei der Autos alle zwei Jahre auf ihre Verkehrssicherheit untersucht werden. Doch dort sind die Sachverständigen von TÜV, Dekra und Co. oft ratlos. Der Grund: Ihnen fehlen die technischen Möglichkeiten, die digitalen Systeme vernünftig zu prüfen. „Wir stochern im Nebel“, hieß es bei der MobiCon in Berlin, einer Konferenz des TÜV-Verbands für Sicherheit und Vertrauen in die Mobilität.
Wenig Vertrauen in Assistenzsysteme
Viel Vertrauen in Fahrassistenten haben deutsche Autofahrer derzeit nicht – nicht selten scheinen die Systeme überfordert. Abstandsregeltempomaten beispielsweise machen erratische Vollbremsungen, die „intelligente“ Verkehrszeichenerkennung interpretiert Schilder notorisch falsch. In einer Umfrage für den Automobilclub ACV berichten vier von zehn Autobesitzern, die Fahrassistenten nutzen, von gelegentlichen oder häufigen Fehlfunktionen. Fast jeder Vierte fühlt sich demzufolge durch sie nicht unterstützt, sondern sogar beeinträchtigt.
Fehlerhafte Fahrassistenzsysteme können sich erheblich auf die Verkehrssicherheit auswirken. Doch bei der Hauptuntersuchung wird deren Funktion oft gar nicht kontrolliert. Sachverständige lesen die Bordelektronik von Gebrauchtwagen in der Regel nur auf Fehlermeldungen aus. Für eine verlässliche Diagnose der Bordelektronik müsse man jedoch deutlich tiefer in die Fahrzeugdaten eindringen, sagte Michaela Figer vom TÜV Rheinland.
Schnittstellen werden kaum freigegeben
Das Problem: Die Fahrzeughersteller geben die notwendigen Diagnosecodes und Zugänge zur elektronischen Schnittstelle derzeit nur ungerne frei. Selbst um gesetzlich vorgeschriebene Fahrassistenzsysteme zu prüfen, fehlen den Sachverständigen derzeit die Möglichkeiten. Die Behörden wollen die HU deshalb an die Eigenheiten moderner Pkw anpassen. Laut Bundesverkehrsministerium werden die Änderungen auf nationaler und auf EU-Ebene ausgearbeitet.
Die Zeit drängt: Experten gehen davon aus, dass schon jetzt zahlreiche Autos mit fehlerhaften Fahrassistenten auf den Straßen unterwegs sind. Die Dekra warnte bereits 2023 vor falsch eingestellten Sensoren. Lässt ein Fahrer etwa die Frontscheibe wechseln und wird die integrierte Kamera nicht richtig kalibriert, fangen Fahrerassistenzsysteme womöglich an zu spinnen. Auch bei Reparaturen an der Stoßstange, etwa nach Parkremplern, würden die dahinter liegenden Radarsensoren in manchen Fällen nicht richtig eingestellt.
Falsch eingestellte Sensoren
Die Tragweite könnte enorm sein: Jährlich würden bei Autos in Deutschland zwei Millionen Stoßfänger beschädigt und zwei Millionen Windschutzscheiben ausgetauscht, sagte Helge Kiebach, Geschäftsführer des Kraftfahrzeugtechnischen Instituts und Karosseriewerkstätte (KTI). Mitunter fielen falsch eingestellte Sensoren aber auch deshalb nicht auf, weil die Fertigungstoleranz schon ab Werk zu groß sei, so Kiebach. So werde dem Fahrer ein Fehler des Fahrassistenten unter Umständen gar nicht durch eine Warnleuchte im Cockpit mitgeteilt.
Überfordert scheinen überdies die Werkstätten. Zwar hatte die Mehrzahl der Betriebe schon Kontakt zu Fahrassistenzsystemen, zeigte eine Umfrage des Internetportals Fabucar in Kooperation mit dem Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK). Doch auf die Frage, ob sie in ihrem Betrieb auch Fahrerassistenzsysteme kalibrieren, antworteten nur 52 Prozent mit Ja. Und weniger als die Hälfte der Werkstätten überprüfte die Systeme bei Inspektionen nach Herstellervorgabe. (SP-X)



