Alpine A390 GTS: Die Leichtigkeit eines Schwergewichts

Alpine A390 GTS: Die Leichtigkeit eines Schwergewichts
Die Alpine A390 GTS leistet 470 PS und bietet ein tolles Handling. © Alpine/Dominic Fraser

Alpine will aus der Nische heraus. Mit der elektrischen A390 GTS präsentiert die Marke ihr neues Flaggschiff: 470 PS stark, alltagstauglich ausgelegt und fahrdynamisch näher an der A110, als es Gewicht und Format erwarten lassen.

Philippe Krief ist optimistisch. Die Zahlen des Vorjahres und der Erfolg der Alpine A290 stimmen den Chef der Renault-Tochter zuversichtlich. „Wir wollen weiter deutlich wachsen und künftig mehr sein als nur ein Nischenanbieter“, sagte der Manager am Rande der Fahrpräsentation der neuen A390 GTS, dem neuen Elektroflaggschiff der Marke.

Im Vorjahr konnte Alpine mit weltweit 10.970 verkauften Modellen seinen Absatz um gut 139 Prozent steigern. 8198 Kundinnen und Kunden entschieden sich dabei für die A290, den neuen Hot Hatch der Marke. Er macht damit allein 75 Prozent der Auslieferungen aus. Dahinter rangiert die A110 mit 2681 Einheiten. Es sind beeindruckende Zahlen, denn Mitte des Jahres wurde die Produktion der aktuellen A110 beendet. Die Nachfolgerin – dann rein elektrisch – steht schon in den Startlöchern und kommt 2027. Zwar kam im Vorjahr auch die A390, doch deren Marktstart erfolgte in den wichtigsten Märkten erst zum Jahresende. Sie wird erst ab diesem Jahr den Absatz der Marke beflügeln. Passend dazu kommt jetzt die Topvariante der A390, die in der Modellbezeichnung den Zusatz GTS trägt.

GTS-Variante gibt sich agil

Die Alpine A390 GTS kostet mindestens 78.000 Euro. Foto: Alpine/Dominic Fraser

Das Topmodell der Marke verfügt über exakt 70 PS mehr als die GT-Variante und bringt 470 PS an alle vier angetriebenen Räder. So vielversprechend wie die Leistung ist auch das maximale Drehmoment von bis zu 824 Nm. So sprintet die GTS in 3,9 Sekunden auf Tempo 100 (bei der GT sind es 4,8 Sekunden), die Höchstgeschwindigkeit ist bei 220 km/h erreicht. Es sind Daten, die bereits auf dem Papier vielversprechend aussehen. Doch wie fühlt sich das in der Praxis an? Dazu waren wir auf dem Circuito di Vairano di Vidigulfo unterwegs, einem Testareal vor den Toren Mailands. Kann die A390 GTS auf der Rennstrecke ebenso performen wie die um fast eine Tonne leichtere A110, deren Agilität die Fahrwerksingenieure bei der A390 als Vorlage hatten? Und kann sie den Geist der A110 auf den fünfsitzigen Sport Fastback übertragen, wie Krief verspricht? Sie kann, und wie.

Mit ihrem Antriebskonzept aus drei Elektromotoren (zwei davon hinten) und Allradantrieb ähnelt die A390 GTS einem Fahrzeug mit Hinterradantrieb. Die drei Motoren treiben dabei das Active-Torque-Vectoring-System an, das für die aktive Drehmomentverteilung sorgt. Weil die beiden hinteren Motoren die Räder unabhängig voneinander ansteuern, bringt das System das hohe Drehmoment kontrolliert auf die Straße. Die Dynamik dieses mehr als zwei Tonnen schweren und 4,62 Meter langen Stromers ist beeindruckend. Die Drehmomentverteilung an die Hinterräder erfolgt abhängig vom Lenkwinkel und vom Tempo. So werden sowohl Schlupfunterschiede zwischen rechtem und linkem Rad als auch Unter- oder Übersteuern korrigiert. Über eine spezielle Taste am Lenkrad können fünf Fahrmodi ausgewählt werden: Save, Normal, Sport, Perso und Track. Die Sportschalensitze bieten hervorragenden Seitenhalt – und sind zudem bequem.

Erinnerungen ans Box-Idol

Die A390 GTS erinnert Alpine-Chef Krief an das Box-Idol Muhammad Ali, der von sich bekanntlich selbst behauptete, der Größte zu sein. Ein Sportwagen und ein Schwergewichts-Weltmeister? Wie passt das zusammen? Hat man bei Alpine den Sinn für die Realität verloren? Mitnichten. „Als Weltmeister im Schwergewicht tanzte Muhammad Ali stets mit Leichtigkeit um seine Gegner herum. Die Alpine A390 GTS ist wie Ali: Sie bietet die Leistung eines Sportwagens. Sie ist zwar schwerer, tanzt aber mit ultraleichter Leichtigkeit über kurvenreiche Straßen – dank der perfekten Integration von Mechanik und Elektronik.“

In der Alpine gibt es eine Boost-Taste, die die Leistung erhöht. Foto: Alpine/Dominic Fraser

Auch abseits der Teststrecke erweist sich die Alpine A390 GTS als stimmiges Modell – und als familientaugliches Gefährt, wie wir auf der Fahrt durchs hügelige Hinterland von Mailand feststellen konnten. Der Familiensportler ist auch von weniger geübten Fahrerinnen und Fahrern gut zu beherrschen und bietet angesichts einer Breite von 1,88 Metern, einer Höhe von 1,53 Metern und einem Radstand von 2,71 Metern im Innenraum ausreichend Platz. Fahrer und Beifahrer finden gute Platzverhältnisse vor, auf der Rückbank können selbst Erwachsene bequem sitzen, ohne sich beim Einsteigen in den Fond zu verrenken. Der Kofferraum bietet ein Gepäckvolumen von beachtlichen 532 Litern, das bei umgeklappter Rückbank auf 1643 Liter steigt.

Gute Verarbeitung, wertige Materialien

Die Ausstattung des Innenraums und die verwendeten Materialien geben keinen Anlass zur Beanstandung. Die Verarbeitungsqualität entspricht dem Anspruch eines Modells, dessen Einstiegspreis bei 78.000 Euro beginnt. Dass das Cockpit fahrerorientiert ist und sich die hochauflösenden 12,3-Zoll- und 12-Zoll-Displays der Fahrerin oder dem Fahrer zuneigen, versteht sich bei diesem Sportwagen von selbst. Das Sportlenkrad ist mit blauem Nappaleder überzogen und verfügt über Bedienelemente etwa für Fahrmodi oder Assistenzsysteme. Im Innenraum zeigen sich zudem Anleihen aus der Formel 1, in der Alpine mit einem eigenen Team vertreten ist: Dort gibt es einen blauen Drehschalter mit dem Kürzel RCH (Recharge) und eine rote OV-Taste (Overtake), die kurzfristig für Überholvorgänge eine Boostfunktion bereitstellt.

Alles ist auf den Fahrer abgestmmt: das Cockpit der Alpine A390 GTS. Foto: Alpine/Dominic Fraser

Unterwegs ist die A390 GTS mit einer 89 kWh großen Batterie, die je nach Reifengröße eine Reichweite von bis zu 541 Kilometern ermöglicht (bei 20-Zöllern). Mit 21 Zoll großen Reifen sinkt die Reichweite auf 503 Kilometer. Der Verbrauch wird mit 18,7 bis 20,4 kWh/100 km angegeben. Es sind Werte, die nicht unrealistisch erscheinen, wie unsere Testfahrten zeigten, bei denen der Bordcomputer rund 22 kWh anzeigte. Ist der Akku leer, soll er sich mit einer maximalen Ladeleistung von bis zu 190 kW laden lassen. Von 15 auf 80 Prozent dauert die Ladung damit weniger als 27 Minuten. Serienmäßig sind mit dem Onboardlader 11 kW möglich, optional stehen auch 22 kW zur Verfügung. Bei Alpine ist man sichtlich stolz darauf, dass es sich bei der A390 GTS um ein rein französisches Modell handelt. Die Fertigung findet in Dieppe statt, die E-Motoren kommen aus Cléon, das Batteriepack aus Douai und Zellen sowie Module aus Dunkerque.

Zwar will Alpine vor allem durch seine Modelle Kundinnen und Kunden zum Kauf animieren, doch arbeitet die Marke weiter an der Steigerung ihrer Bekanntheit – und setzt dabei auf die Formel 1. Dazu hat sie gerade eine Partnerschaft mit dem Luxusmodehaus Gucci geschlossen. Ab der Saison 2027 wird das Alpine Formula One Team unter dem Namen „Gucci Racing Alpine Formula One Team“ an den Start gehen. Bis zum Beginn der neuen Formel-1-Saison soll der Absatz der Marke weiter kräftig steigen. Im ersten Quartal legte Alpine mit 3246 Modellen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bereits um fast 55 Prozent zu. Davon entfielen allein 2452 Zulassungen auf die A290.

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