Science Fiction wird Wirklichkeit

Victory Vision Tour

Die Victory Vision Tour hätte gute Chancen auf eine Rolle in der Star Wars-Filmreihe. Die Mischung aus Batmobil und legendären Ami-Schlitten ist eine avantgardistische Alternative zu den legendären Harleys.

Von Thilo Kozik

Mit der Vision Tour hat die amerikanische Motorradmarke Victory einen avantgardistischen Gegenentwurf zu den traditionellen Milwaukee-Eisen von Harley-Davidson aufgelegt. Das Cruiser-Touren-Bike könnte einem Science Fiction-Film entsprungen sein. Wo immer dieses Motorrad auftaucht, bleiben Menschen mit offenen Mündern stehen und schauen diesem zweirädrigen Zukunftsmobil hinterher.

Scheinwerferensemble im Victory-Zeichen

Die schwungvoll-dynamischen Linien und die ausladende Verkleidung erinnern an das Batmobil. In ihrer Schwülstigkeit kommt die Vision Tour einer Hommage an die legendären Ami-Straßenkreuzer der dreißiger Jahre gleich. Allein die Heckpartie bietet reichlich Raum zu Interpretationen: Unter dem mächtigen Topcase prangen zwei unglaublich hervorstechenden Backen, an die sich unten zwei Schalldämpfer harmonisch anschmiegen. Dazwischen stehen zwei im Victory-Zeichen gespreizte Rückleuchten, deren Front-Pendant von einem ebenfalls v-förmigen Scheinwerferensemble gebildet wird. Zusammen mit zwei langen Blinkleisten und der breiten Verkleidung kann diese Optik ein wenig bange machen, wenn sie im Rückspiegel auftaucht.

Dem Fahrer bietet die Vision ein artgerechtes Infoprogramm mit vier Rundinstrumenten und einem Multifunktionsdisplay. Auf der Tankoberseite sind die verschiedenen Knöpfe zur Bedienung des Entertainment-Center inklusive mp3-Dock untergebracht. Dieses lässt sich aber auch vom linken Lenkerende aus über verschiedene Tasten handhaben.

Niedrige Sitzhöhe

Bequeme Position auf weichen Polstern Foto: Victory

Dem Fahrer bietet die Vision ein artgerechtes Infoprogramm mit vier Rundinstrumenten und einem Multifunktionsdisplay. Auf der Tankoberseite sind die verschiedenen Knöpfe zur Bedienung des Entertainment-Center inklusive mp3-Dock untergebracht. Dieses lässt sich aber auch vom linken Lenkerende aus über verschiedene Tasten handhaben.

Ihren Piloten nimmt die Victory in niedrigen 67 Zentimetern Höhe auf und platziert ihn aufrecht bei weitgehend vorgegebener Position im weichen Polster. Die Füße ruhen auf breiten Trittbrettern, auf denen sich Cowboystiefel in Größe 48 verloren vorkommen. Die Arme greifen ans weit nach hinten geschwungene Lenkergeweih und dirigieren die fette Fuhre sicher durch die Welt. Dabei bleibt der Fahrer von allen Umwelteinflüssen verschont. Der riesige Vorbau im Zusammenspiel mit der höhenverstellbaren Scheibe eliminiert alle Winde sowie Regen.

Hitzestau hinterm Windschild

95 PS Maximalleistung Foto: Victory

Was in der Übergangszeit wünschenswert ist, führt im Hochsommer schon mal zum Hitzestau hinterm Windschild. Hinzu kommt eine ordentliche Dosis Hitze durch den Auspuffkrümmer auf der rechten Motorseite.

Apropos Motor: Beim Triebling handelt es sich nach guter amerikanischer Sitte um einen luft-/ölgekühlten V-Motor, der seine zwei Zylinder im Winkel von 50 Grad spreizt. Verglichen mit den Harley-Triebwerken wirkt das 1731 ccm große Aggregat mit Einspritzung, Vierventiltechnik und hydraulischen Tassenstößeln sehr modern. Unterm Strich bringt der Motor ordentliche 70 kW/95 PS Maximalleistung, die ein stilechter Zahnriemen ans 16-zöllige Hinterrad transferiert.

"Amerikanische Krankheit" an Bord

Doch für diese Art Motorrad ist die Leistung zweitrangig, aufs Drehmoment kommt es an. Und da liefert der "Freedom Engine" seine maximalen 146 Nm schon bei knapp über 4000 Touren ab. Im lang ausgelegten sechsten Overdrive-Gang schiebt er das Bike schaltfaul und sanft blubbernd bei niedrigen Drehzahlen gleitend durchs Gelände. Mehr noch: Beim Gasaufziehen am Ortsausgang dreht die Vision ruckfrei und erstaunlich nachdrücklich bis an den roten Bereich - auch wenn sie und ihre Besatzung sich um 3000 Touren herum wesentlich wohler fühlen.

Allerdings leidet auch die Victory an der "amerikanischen Krankheit": Das Auffinden des Leerlaufs gestaltet sich stets schwierig, das Einlegen des ersten Gangs wird von einem mächtigen "Klonk" begleitet. Ungewöhnlicherweise besitzt die Vision keine Schaltwippe, deshalb müssen Menschen mit Stiefelgrößen unter 45 zum Schalten die Füße ein wenig nach vorn schieben.

Unglaubliche Schräglagenfreiheit

Trotz 360 Kilogramm sehr leichtfüßig Foto: Victory

Was aber wirklich erstaunt, ist die Leichtfüßigkeit, mit der sich die 360 Kilogramm übers Asphaltband bewegen lassen. Abgesehen von den kritischen Momenten Anfahren, kurz vorm Anhalten und dem Rangieren merkt man der Amerikanerin ihre Pfunde nicht an. Selbst Hänflinge können die dicke Vision erstaunlich flott bewegen.

So sorgt der Straßenkreuzer tatsächlich für eine ordentliche Portion Fahrspaß, der dieser Gattung ansonsten zu Lasten der Tourentauglichkeit eher abgeht. Das liegt an der guten Gleichgewichtsverteilung und dem niedrigen Sitz, der viel Vertrauen schafft. Zudem besitzt die Vision eine für Cruiserverhältnisse geradezu unglaubliche Schräglagenfreiheit, es braucht schon fast einen Sportfahrer, um mit den Trittbrettern Narben in den Asphalt zu ritzen.

110 Liter Stauraum

Für Notfälle ist das Trumm mit einer wirkungsvollen Drei-Scheiben-Bremse versehen, die serienmäßig über ein ABS verfügt und als Integralbremse ausgeführt ist. Beim Tritt auf den Fußhebel, der deutlich zu weit vorn liegt, wird für eine sehr effektive Verzögerung gleichzeitig die Vorderbremse aktiviert. Der Griff an den Bremshebel am Lenker hat dagegen eher homöopathische Folgen, die Entwickler haben das amerikanische Bremsverhalten mit Betonung der Fußarbeit im Blick gehabt.

Alles andere an der Maschine ist Luxus pur: Von beheizten Sitzen und Griffen über satte 110 Liter Stauraum bis zum Tempomat ist alles an Bord, was das Reisen angenehm und kurzweilig macht, inklusive des serienmäßigen guten Soundsystems. Zwar halten die beiden integrierten Gepäckabteile in den Heckbacken nicht, was die äußere Form verspricht - sie sind zu zerklüftet und haben einen engen Einstieg - doch zusammen mit dem Topcase und kleinen Staufächern in der Verkleidung gibt es mehr Stauraum als man braucht.

Knapp 22.000 Euro teuer

Freunde des Besonderen werden schnell Gefallen an der ungewöhnlichen amerikanischen Kreatur finden, denn die erstaunlichen Fähigkeiten werden zu einem in diesen Kreisen günstigen Preis von 21.990 Euro angeboten. (mid)

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Thomas Flehmer
Der diplomierte Religionspädagoge arbeitete neben seiner Tätigkeit als Gemeindereferent einer katholischen Kirchengemeinde in Berlin in der Sportredaktion der dpa. Anfang des Jahrtausends wechselte er zur Netzeitung. Seine Spezialgebiete waren die Fußball-Nationalelf sowie der Wintersport. Ab 2004 kam das Autoressort hinzu, ehe er 2006 die Autogazette mitgründete. Seit 2018 ist er als freier Journalist unterwegs.

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