15. Juli 2014

Fahrbericht Über eine Million Verkäufe in 40 Jahren VW Scirocco: Der König der Nische

VW hat den Scirocco vor allem technisch überarbeitet. Fotos ▶
VW hat den Scirocco vor allem technisch überarbeitet. © VW

VW hat den Scirocco mit stärkeren und zugleich sparsameren Motoren überarbeitet. Trotz des Faceliftes wird das Sportcoupé aber weiter in der Nische des Massenherstellers herumfahren – und darf dieses auch.




Von Thomas Flehmer

Nischenfahrzeuge gab es auch beim Massenproduzenten VW immer mal wieder welche. 1969 ereilte zum Beispiel den zum Käfer-Nachfolger apostrophierten Prototypen EA 276 schnell das Aus. Manch andere Fahrzeuge hielten sich dagegen, doch die Luft für Nischenfahrzeuge aus Wolfsburg wird immer dünner. "Manche Nischen sind so klein, dass es sich nicht lohnt", sagte vor einiger Zeit VW-Chef Martin Winterkorn dem "Spiegel". So droht dem Cabrio Eos ebenso das Aus wie dem nicht mehr ganz so erfolgreichen Sharan. Auch der Scirocco ist mit knapp 1300 Verkäufen im ersten Halbjahr 2014 nicht unbedingt erfolgreich, doch das Sportcoupé braucht erst einmal keine Sorgenfalten zu bekommen.


Eine Million Scirocco in 40 Jahren

Denn mit dem Facelift geben die Verantwortlichen dem Scirocco, der 2008 in dritter Generation nach 16 Jahren Pause neu aufgelegt wurde, eine neue Chance. Dabei liegt die Messlatte gar nicht so hoch, denn in den 40 Jahren nach der Markteinführung wurde der Scirocco eine Million Mal verkauft, also rund 25.000 Einheiten pro Jahr – für VW-Verhältnisse ein Klacks, auch wenn die 16 Jahre Pause miteinberechnet werden müssten. Aber auch bei nur 24 Verkaufsjahren füllen die knapp 42.000 Einheiten jährlich bei den Wolfsburgern nicht mehr als eine Nische aus – eine, die weiter besetzt wird und den Scirocco zum König der Nischen bei VW krönt.

Fünf neue Außenfarben, vier neue Felgen und sechs neue Stoff- und Ledervariationen sollen frischen Wind in den Scirocco bringen, bei dem die optischen Neuerungen dezent klein gehalten wurden. Blinker, Tagfahr- und Nebellichter wurden an dem äußeren Rand des unteren Kühlergrills montiert, mit dem VW-Logo kann nun die Heckklappe des Dreitürers geöffnet werden.

Zusatzinstrumente als Reminissenz an alten VW Scirocco

Das Cockpit des VW Scirocco versprüht weniger sportliche Atmosphäre
Das Cockpit des VW Scirocco versprüht weniger sportliche Atmosphäre © VW

Im VW typisch gestalteten Innenraum haben die Designer in Anlehnung an die erste Scirocco-Generation die Zusatzinstrumente für Ladedruck, Zeit mit Stoppuhr und Öltemperatur auf dem Armaturenbrett angebracht. Das Sportlenkrad verleiht GTI-Gefühle, die nach dem Start auch wahr werden können.

Zumindest dann, wenn die stärkeren Triebwerke der vier Benziner und zwei Diesel, die bereits alle Euro 6 erfüllen, gewählt werden. So arbeitet der aus dem Golf GTD bekannte 2.0 TDI mit 135 kW/184 PS auch unter der Motorhaube des Scirocco. Damit erreicht der 1,4 Tonner innerhalb von 7,5 Sekunden Tempo 100 und hält bis 230 km/h die linke Autobahnspur besetzt.

VW Scirocco R mit 280 PS

Die Motoren des VW Scirocco sind bis zu 20 Prozent sparsamer
Die Motoren des VW Scirocco sind bis zu 20 Prozent sparsamer © VW

Doch die Geschwindigkeit ist nicht nur maßgebend für den sportlichen Erfolg. Fahrwerk und Lenkung sind mindestens ebenso wichtig. Denn wo andere kompakte Sportler die sportliche Härte übertreiben, gelingt dem Scirocco der Spagat zwischen Komfort und Härte. Das Fahrwerk wirkt sehr straff, bügelt aber die Unebenheiten des Asphalts komfortabel aus. Die Lenkung ist sehr direkt und die sechs Gänge lassen sich gut einlegen. Auch in den hohen Geschwindigkeitsbereichen agiert der Scirocco äußerst souverän. Den Verbrauch gibt VW mit 4,4 Litern an, doch die Fahrfreude wird im Alltag andere Parameter erstellen, auch wenn die Motoren im Vergleich zum Vorgänger bis zu 20 Prozent mehr Kraftstoff einsparen.

Verstärkt gilt die für die R-Version. Bei der 206 kW/280 PS starken Topvariante wird der rechte Fuß ständig verführt, das Gaspedal herunter zu drücken und die Kraft des ebenfalls zwei Liter großen Benziners zu spüren. Hier vergehen 5,5 Sekunden, bis 100 Stundenkilometer erreicht sind, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 250 km/h.

VW Scirocco ab 23.900 Euro

Der große Diesel des VW Scirocco kostet mindestens 29.750 Euro
Der große Diesel des VW Scirocco kostet mindestens 29.750 Euro © VW

Doch die Beschleunigung, die auch noch in höheren Geschwindigkeitsbereichen bei Zwischenspurts für Freude sorgt, ist der maßgebliche Faktor des Scirocco. Dass die 350 Newtonmeter ebenfalls dafür sorgen werden, dass der angegebene Verbrauch von acht Litern eher nicht gehalten wird, sollte nicht überraschen und auch kein Kaufhinderungsgrund sein.

Das sind allein schon die 36.175 Euro, die für den Scirocco R hingeblättert werden müssen. Sollen auch noch die neuen Assistenten wie der Parklenkassistent oder der Blindspot-Ausparkassistent mit an Bord sein sowie weitere Annehmlichkeiten, werden die 40.000 Euro schnell gerissen. 29.750 Euro kostet der große Diesel mindestens, die kleinste Scirocco-Variante beginnt bei 23.900 Euro. Angesichts der Preise und angesichts der praktischeren Varianten Golf GTI und GTD wird der Scirocco auch weiterhin der König der Nische bei VW bleiben.






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