23. Juli 2014

Fahrbericht Natürlich mit Hybrid Lexus NX: Harte Schale, guter Kern

Der Lexus NX soll polarisieren - und polarisiert.
Der Lexus NX soll polarisieren - und polarisiert. © Lexus

Lexus kommt spät im Segment der kompakten Geländewagen an. Doch der NX setzt mit seinem Hybridantrieb auch gleich neue Maßstäbe.




Nein, das ist keine Studie. Was da mit fieser Diablo-Fratze, stechendem Blick schlitzäugiger LED-Scheinwerfer und einer messerscharf gezeichneten Karosserie durch die Straßen von Seattle rollt, ist die Serienfassung des Lexus NX. Nicht einmal ein Jahr nach der Premiere des Showcars auf der IAA in Frankfurt bereitet die vornehme Toyota-Tochter jetzt den Verkauf des kompakten Geländewagens vor, der bei uns im Oktober ab knapp 40.000 Euro in den Handel kommen soll.


Lexus NX polarisiert wie Range Rover Evoque

Dass der NX zwischen Space Needle, Boeing-Werken und dem Hauptquartier von Starbucks wirkt wie ein Alien beim Ausflug auf die Erde, hat einen guten Grund: Das Segment der kompakten Geländewagen ist dicht besetzt und Lexus ist spät dran. Audi, BMW, Mercedes, Land Rover, Volvo, ja sogar Infiniti, haben längst ihr Stück vom noch immer wachsenden Kuchen abgeschnitten und die Japaner müssen sich was trauen, wenn sie im Segment der handlichen SUV überhaupt noch auffallen wollen.

"Ein bisschen provozieren und es nicht jedem recht machen", nennt Europachef Alain Uyttenhoeven diese Strategie, die so gut funktioniert, dass selbst Hingucker wie der neue BMW X4 oder der Range Rover Evoque plötzlich ziemlich langweilig aussehen.

Auch Lexus NX als Hybridversion

Lexus beweist beim Design Mut
Lexus beweist beim Design Mut © Lexus

Doch so mutig und martialisch das Batmobil für die Buckelpiste auch aussieht, der Fiesling ist ein feiner Kerl und hinter dem bösen Design verbirgt sich gute Technik. Denn als erster und bislang einziger in diesem Segment rollt der NX – typisch für Lexus – als Hybrid an den Start. Vorn teilen sich die Arbeit deshalb ein 2,5 Liter großer Vierzylinder mit 155 PS und 210 Nm und eine E-Maschine mit 143 PS.

Und wer für etwa 2000 Euro die Version mit Allradantrieb bestellt, bekommt noch einen zweiten Elektromotor mit 68 PS im Heck. Der hilft beim Anfahren unter Last oder auf nassen Straßen und sorgt für Sicherheit bei Eis und Schnee – zumindest bis Tempo 60. Danach klemmt die Elektronik die elektrische Hinterachse ab.

Lexus NX mit guten 5,1 Litern Verbrauch

Der Lexus NX setzt als Hybrid Verbrauchsmaßstäbe
Der Lexus NX setzt als Hybrid Verbrauchsmaßstäbe © Lexus

Der Hybridantrieb ist gut, weil man mit sanftem Gasfuß zumindest ein paar hundert Meter elektrisch fahren kann, weil beim Ampelspurt tatsächlich was voran geht und weil der NX damit als Fronttriebler nur 5,0 und mit Allrad 5,1 Liter verbraucht. Doch kurz danach ist es dann auch schon vorbei mit der Freude: Überall sonst auf der Welt kann Lexus mit diesem Paket sicher prima punkten, aber bei den Vollgas-Fetischisten auf der deutschen Autobahn hat der NX damit keine Chance. Denn wo bei der Konkurrenz die 200er-Marke meist nur eine Formalität ist und manche Modelle bis 250 km/h beschleunigen, ist für den Lexus schon bei 180 Sachen Schluss.

Dabei hätte der Geländewagen durchaus das Zeug zu mehr: Die Karosserie ist so bocksteif und stabil, dass sie sich auch von den schartigsten US-Pisten nicht aus der Ruhe bringen lässt, das Design vor allem in der noch einmal nachgeschärften Version F-Sport taugt sogar für die Pole Position, die Sitzposition ist betont sportlich und natürlich gibt es verschiedene Fahrmodi, die mit einem Knopfdruck den Charakter von Fahrwerk und Lenkung, Motorsteuerung und der stufenlosen Automatik und sogar das Layout im Cockpit ändern. Aber was nutzt der plötzlich prominent eingeblendete Drehzahlmesser, wenn Lust und Leidenschaft im Räderwerk zwischen den beiden Motoren aufgerieben werden?

Lexus feiert Turbo-Premiere

Schicke Materialauswahl im Lexus NX
Schicke Materialauswahl im Lexus NX © Lexus

Also hofft man entweder auf den neuen Zweiliter-Benziner, den Lexus als ersten Turbo in der Firmengeschichte im Frühjahr mit 238 PS und 350 Nm nachreichen will. Oder man lehnt sich zurück, schnauft zweimal durch, macht den Bleifuß leicht und genießt ganz entspannt das luxuriöse Hightech-Ambiente des 4,63 Meter langen X3-Konkurrenten, das man durchaus als Kompensation verstehen kann.

Ja, bei der Materialauswahl haben die Japaner vielleicht sogar des Guten zu viel getan, und ein paar Knöpfe weniger im Cockpit wären auch kein Schaden gewesen. Aber das Ambiente ist vornehm - modern und die Ausstattung auf der Höhe der Zeit: Der Blick geht durch ein großes Head-up-Display, die Hand fällt wie von selbst auf ein neues Touchpad, mit dem man die Maus über den großen Bildschirm dirigiert, vier Kameras zeigen den NX auf Knopfdruck aus fast jeder erdenklichen Perspektive, das Handy lädt kabellos in einer Induktionsschale unter der Mittelarmlehne und ein Heer von Assistenten wacht über die sichere Fahrt.

Viel Paltz im Lexus NX

Auch die Hinterbänkler haben keinen Grund zur Klage: Bei 2,66 Metern Radstand und dem größten Abstand zum Vordermann in diesem Segment muss man nur beim Einstiegen geschickt unter dem coupéhaft eingezogenen Dach durchtauchen, dann können selbst Erwachsene die Fahrt im Fond genießen. Und wer lieber Koffer statt Kinder mitnimmt, wird am NX ebenfalls seine Freunde haben. Schließlich gibt es nicht nur eine elektrische Heckklappe und sogar elektrisch umlegbare Rücklehnen, sondern endlich auch einen doppelten Boden: Weil Lexus die Hybrid-Batterien halbiert und unter die Sitzpolster gepackt hat, kann man jetzt auch unter dem Kofferraum noch was verstauen.

Ob so viel Familiensinn und Alltagstauglichkeit zum bösen Design und zum fiesen Auftritt passt? Natürlich: Wer so vorlaut vorfährt, der muss ja förmlich eine große Klappe riskieren. (SP-X)






Mehr zur Marke Lexus

Premiere in DetroitNeuer Lexus LS: Im Schatten der Platzhirsche

Lexus führt den LS in eine neue Generation. Die Oberklasselimousine ist besonders in der Heimat und den USA beliebt, führt in Deutschland ein sehr überschaubares Nischendasein.


Studie in ParisLexus dreht am Riesenrad

Lexus enthüllt auf dem Autosalon in Paris eine futuristisch anmutende Studie. Dabei wird die mit dem NX entworfene Designsprache weiter verfeinert.


Neue Hybrid-GenerationLexus hybridisiert LC 500

Zu Jahresbeginn stellte Lexus den neuen LC 500 mit einem potenten Achtzylinder vor. Nun folgt Toyotas Edel-Ableger auch beim Coupé-Flaggschiff der konzerneignen Philosophie, jedes Modell mit einem Hybridantrieb anzubieten.



Mehr aus dem Ressort

Neues SUV der RüsselsheimerOpel Grandland X: Der Aufsteiger

Das SUV-Segment wächst und wächst. Daran will auch Opel teilhaben. Deshalb setzen die Rüsselsheimer ihre SUV-Offensive fort und bringen nach dem Mokka X, dem Crossland X nun den Grandland X auf dem Markt.


Kia steigt mit dem Stonic in das Segment der Mini-SUV ein
Neues Mini-SUVKia Stonic: Tonangebend durch die trendige Harmonielehre

Kia steigt mit dem Stonic in das Segment der kleinen SUV ein. Auf dem optisch geländefähigen Ableger des Rio setzen die Koreaner ganz hohe Erwartungen.


VW vergrößert das Einsatzgebiet des Crafter
69 verschiedene Kombinationen des NutzfahrzeugsVW Crafter: Den Mount Everest ausgetrickst

Die Nutzfahrzeugsparte von Volkswagen hat dem Crafter neue Derivate zukommen lassen. Der im vergangenen Jahr zum Van of the Year gewählte Transporter wird beim Angebot trotzdem weiter nachlegen.