18. November 2013

Fahrbericht Über 200 Kilometer Reichweite Kia Soul EV: Verspätete Elektro-Premiere

Kia führt den Soul EV in der zweiten Hälfte 2014 in den Markt ein.
Kia führt den Soul EV in der zweiten Hälfte 2014 in den Markt ein. © Kia

Auch Kia steigt in die Elektro-Welt ein. Bis der rein elektrisch angetriebene serienmäßig auf den Straßen fährt, wird aber noch ein Jahr vergehen.




Normalerweise hört man hier nur seidige V6-Motoren, das gedämpfte Nageln der Diesel und Vierzylinder in allen Tonlagen. Doch heute klingt es auf dem Namyang Porvingground eine gute Stunde südlich von Seoul, als würde gleich Captain Future starten. Zwar ist es kein Raumschiff, das hier so spacig surrt und summt, sondern nur ein mit dicken Plastikplanen verhüllter Prototyp. Und am Steuer sitzt statt eines Weltraum-Helden ein ziemlich irdischer Testfahrer. Doch streng genommen kommt hier auf dem gemeinsamen Testgelände von Hyundai und Kia tatsächlich die Zukunft in Fahrt. Denn mit reichlich Verspätung haben sich jetzt auch die Koreaner von der wieder aufgeflammten Elektro-Euphorie erfassen lassen und bereiten deshalb den Start ihres ersten Akku-Autos vor: Vom nächsten Frühjahr an verkaufen sie erst in Korea und ab zweitem Halbjahr dann auch im Rest der Welt den neuen Soul als Elektrofahrzeug.


Kia Soul EV mit über 200 Kilometern Reichweite

Zwar weiß Projektleiter Chi Hgeon Hwang, dass Kia damit ziemlich spät dran ist. Denn von der Kleinserie des winzigen Ray, der schon seit knapp zwei Jahren im Flottentest durch Seoul stromert, hat außerhalb Koreas so recht keiner Notiz genommen. Doch der Projektleiter hofft, dass der Soul mit der reinen Seele nicht nur mit dem spacigen Surren auf sich aufmerksam machen kann, das die Entwickler zum Schutz von Fußgängern und Radfahrern programmiert haben.

Sondern vor allem die Fachwelt und mit den Kunden auch die Konkurrenz sollen aufmerken, wenn Hwang voller Stolz die Reichweite des elektrischen Erstlings verrät: Über 200 Kilometer soll der Soul mit einer Akkuladung schaffen und damit Autos wie dem Nissan Leaf, dem Renault Zoe, dem VW e-Golf und sogar dem BMW i3 meilenweit davon fahren: "So weit kommt in dieser Klasse kein anderes Elektrofahrzeug", freut sich der Ingenieur.

Batterie des Kia Soul EV wiegt allein 282 Kilo

Dafür bürdet Kia dem Soul allerdings auch einen Akku auf, der mit einer Kapazität von 27 kWh deutlich größer ausfällt als bei der Konkurrenz. Der Lithium-Ionen-Block ist zwar so geschickt im Wagenboden untergebracht, dass er weder den Innenraum noch das Gepäckabteil einschränkt. Doch je größer der Akku, desto teurer das Auto – und desto höher das Gewicht. Während die Kosten ein Fall für die Controller sind, haben mit den Kilos vor allem die Ingenieure zu kämpfen: Weil allein die Batterie 282 Kilo wiegt und Kia das nicht mit nennenswerten Leichtbaumaßnahmen kompensiert, wird der Soul etwa sechs Zentner schwerer und bringt am Ende über 1,5 Tonnen auf die Waage.

Kein Wunder, dass der Prototyp auf den ersten Testfahrten rund um Namyang ziemlich straff und stramm über die schartigen Straßen rumpelt und man an der roten Ampel schon kräftig bremsen muss, wenn man rechtzeitig zum Stehen kommen will. Die Rekuperation ist dabei übrigens keine große Hilfe. Denn zumindest im aktuellen Entwicklungsstand ist die Bremswirkung durch die Energierückgewinnung selbst in der stärkeren der zwei vorwählbaren Stufen so gering, dass man keine nennenswerte Verzögerung spürt.

Kia Soul EV in 25 Minuten zu 80 Prozent geladen

Der Kia Soul EV verfügt über 282 Newtonmeter
Der Kia Soul EV verfügt über 282 Newtonmeter © Kia

Sonst jedoch macht der Soul auf dem Rundkurs um die koreanische Ideenfabrik bereits eine sehr ordentliche Figur: Der 81 kW/110 PS starke Motor mobilisiert 285 Nm und ist wie jede E-Maschine so flott bei der Sache, dass man sich beim Ampelstart fast ein bisschen wie Sebastian Vettel fühlt. Zwar lässt der Elan bei höherem Tempo spürbar nach, doch mit etwas Anlauf gewährt Kia dem Stromer dafür ordentlich Auslauf: Erst bei 145 km/h und damit zum Teil deutlich später als bei der Konkurrenz dreht die Elektronik der E-Maschine den Saft ab.

Die Reichweite konkurrenzlos und die Fahrleistungen ansprechend – so preist Projektleiter Hwang den Soul EV als rundherum alltagstaugliches Auto und lässt auch beim Laden keine Einschränkungen zu. Immerhin sei Kia einer der wenigen Hersteller, der eine 100 kW-Schnellladung vorgesehen habe, so dass ein leer gefahrener Akku nach nur 25 Minuten schon wieder zu 80 Prozent voll sei. "Auch da sind wir besser als die Konkurrenz", prahlt Hwang. An der normalen Steckdose braucht man trotzdem ein wenig Geduld: Denn unter fünf Stunden ist dort nichts zu machen.

30.000 Euro als Obergrenze für den Kia Soul EV

Der Kia Soul EV ist der Serienversion sehr nah
Der Kia Soul EV ist der Serienversion sehr nah © Kia

Noch wirkt der Soul EV in der Robe der Erlkönige bei der Testfahrt wie ein UFO auf Irrwegen. Doch wenn die Tarnung erst einmal herunter ist, gibt es kaum mehr etwas, was den Stromer vom Serienmodell unterscheiden wird, räumen die Designer ein: Die geglättete Front mit der Klappe für den Ladestecker in der jetzt geschlossenen und weißlackierten Tigernase, die babyblaue Kontrastlackierung und die aerodynamischen Felgen müssen reichen, um dem Öko ein eigenes Gesicht zu geben. Und auch innen sind es nur Details wie die weißen Zierblenden im Keramik-Look, die Biotextilien oder die Recycling-Kunststoffe, die den Unterschied machen.

Das mag auch am Kostendruck liegen, mit dem Projektleiter Hwang den Soul auf die Räder gestellt hat. Denn auch wenn noch niemand weiß, wie viel der Soul EV am Ende einmal kosten soll, ist alle Beteiligten klar, dass sie eisern sparen müssen und nicht so kräftig zulangen dürfen wie bei der Kleinserie des Kia Ray, wo die Elektrovariante glatt das Dreifache kostet. Deshalb gilt zumindest für Deutschland ein Preis vom um die 30.000 Euro als absolute Obergrenze.

Kia Soul EV als Imageträger

Der Kia Soul als Vorreiter einer neuen Strategie
Der Kia Soul als Vorreiter einer neuen Strategie © Kia

Immerhin hat das oberste Management schon einmal etwas Kulanz bei der Kalkulation signalisiert: "Bei diesem Auto geht es nicht erstrangig um Stückzahlen, sondern vor allem ums Image", sagt Auslandschef Thomas Oh und hofft darauf, dass der Soul viele neue Punkte auf das Umweltkonto der Koreaner einzahlt. Schließlich ist das ein Markenwert, den Kia neu für sich entdeckt hat und jetzt entsprechend kultivieren will: "Nachdem wir es zu einem wichtigen Spieler im weltweiten Autogeschäft gebracht haben, wollen wir jetzt auch zu einem führenden Anbieter von umweltfreundlichen Autos werden", gibt Oh den Kurs vor.

Während Marketing und Controlling in den nächsten Monaten um den richtigen Preis ringen und die einzelnen Märkte sich irgendwo zwischen freiem Verkauf und limitiertem Leasing die passenden Vertriebsmodelle überlegen müssen, gehen die Ingenieure jetzt an die Feinabstimmung von Fahrwerk und Elektronik. Zumindest was den Sound des Stromers angeht, können ihnen dabei die Testfahrer schon einmal zur Hand gehen. Denn es braucht nur einen Druck auf den VESS-Knopf, dann ist das Virtual Engine Sound System ausgeschaltet, das Raumschiff-Rauschen ist vorbei und im Summer aus Seoul hört man nur noch das, was die Elektro-Fahrer besonders schätzen: Die Stille der Stromer. (SP-X)






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