20. September 2007

Fahrbericht VW-Tiguan: Kleiner Bruder des Touareg

Der VW Tiguan
Der VW Tiguan © Foto: VW

VW feiert zwei Premieren. Der Tiguan eröffnet den Wolfsburgern nicht nur den Einstieg in ein neues Segment. Thomas Flehmer konnte zudem die erstmals eingesetzten Commonrail-Diesel testen.




VW kommt mal wieder zu spät. Während die Mitbewerber ihre Autos in der Klasse der kompakten SUV schon jahrelang platziert haben, feiern die Wolfsburger den Tiguan schon als neuen Anführer im Segment und wollen den BMX X3 und den Toyota RAV4 vom Thron stoßen. «Der Tiguan kommt mit der Gnade der späten Geburt», sagte VW-Vertriebsvorstand Michael Kern bei der Präsentation der insgesamt 16. Modellreihe bei VW, «wir rollen jetzt das Feld von hinten auf.»


Radkästen in Jeep-Tradition

Dabei kommt der «Kleine Bruder des Touareg» auf den ersten Blick gar nicht als reiner SUV daher, eher als Mix zwischen Golf, Touran und Passat, besonders was die Seitenlinie angeht. Sie könnte mit der silbernen Dachreling ein Ableger der Cross-Familie sein. Nicht ganz ins Bild passen die eckig anmutenden Radkästen, doch über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. VW verweist dabei auf alte Jeep-Traditionen, bei denen die Ausrichtung ähnlich war.

Weitaus dynamischer präsentiert sich die Frontpartie, die je nach Ausstattungsvariante variiert. Die Versionen «Sport and Style» sowie «Trend and Fun» kennzeichnet eine lang heruntergezogene Frontschürze, die Version «Track and Field» ist mit einem speziell für das Gelände konzipierten Unterfahrschutz ausgestattet.

Keine Probleme im Gelände

Das Cockpit im VW Tiguan
Das Cockpit im VW Tiguan © Foto: VW

Auch wenn laut VW-Sprecher Hans-Gerd Bode 95 bis 98 Prozent aller Tiguan nie das Gelände sehen werden, ist der aus diversen Baukastenteilen von Golf und Passat zusammengesetzte SUV doch keine Schummelpackung wie es die Modelle der Cross-Familie sind. Der Tiguan verfügt serienmäßig über Allradantrieb, ein lediglich frontangetriebenes Modell wird im kommenden Jahr folgen. Zudem wurde bewusst auf ein Doppelkupplungsgetriebe (DSG) verzichtet, um die Offroad-Eigenschaften des kleinen Touareg zu optimieren.

Zudem besitzt die Version «Track and Field» noch einen Offroad-Schalter, der sämtliche Geländefunktionen wie zum Beispiel eine Bergabfahrhilfe oder ein Sperrdifferenzial elektronisch aufeinander abstimmt, um so den 4,43 Meter langen Offroader mit einem Böschungswinkel von bis zu 28 Grad durch das Gelände steuern zu können. Die - wenn auch sehr kleinen - Hindernisse im Testparcours meisterte der 1,5-Tonner ohne Probleme.

Golf-Gefühle im Tiguan

Panorama-Dach im VW Tiguan
Panorama-Dach im VW Tiguan © Foto: VW

Auch die Onroader wussten auf dem Asphalt zu gefallen. Das Fahrwerk ist straff, aber trotzdem komfortabel ausgelegt. Wankbewegungen in den Kurven werden weitestgehend gut gemindert, Bodenunebenheiten bereiten dem 1,81 Meter hohen Tiguan keine Probleme. Solide arbeiten die Motoren, die Schaltung des Sechsgang-Getriebes ist etwas hakelig, der Innenraum VW-typisch eingerichtet - man fühlt gar nicht, dass hier ein kompakter SUV auf den Straßen fährt. Eher stellt sich ein Golf- oder Passatgefühl ein.

Erst wenn auf der Straße ein Mitbewerber neben einem Tiguan steht, wird deutlich, dass man sich nicht im C-Segment befindet. Im Vergleich erscheinen die Konkurrenten spritziger und der VW solider - letztendlich ein Markenzeichen, mit dem das Unternehmen aus Wolfsburg schon immer Erfolge feiern konnte.

Spritziger Benziner

Der VW Tiguan im leichten Gelände
Der VW Tiguan im leichten Gelände © Foto: AG/Flehmer

Dass auch der Tiguan trotz Verspätung ein Erfolg werden kann, belegen die neuen Motorenvariationen, von denen drei Benziner und zwei Diesel zu Verfügung stehen werden. Die Vierzylinder-TSI mit 111 kW/150 PS, 125 kW/170 PS und 147 kW/200 PS werden erstmals in der SUV-Geschichte aufgeladen. Sie weisen mehr Leistung und Drehmoment bei niedrigerem Verbrauch und einem kleinen Hubraum von lediglich 1390 ccm auf. Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg versprach einen Verbrauch zwischen 8,4 und 9,1 Litern.

Der zum Marktstart erhältliche und von uns gefahrene TSI mit 150 PS und einem Drehmoment von 240 Nm, die zwischen 1750 und 4000 U/min anliegen, war spritzig unterwegs. 9,6 Sekunden benötigt der Tiguan, dessen Höchstgeschwindigkeit bei 192 km/h liegt. Dank des für einen Kompakt-SUV niedrigen Verbrauchs hält sich auch die CO2-Emission auf einem Kilometer in Grenzen. Hier werden 199 Gramm pro Kilometer aufgerufen.

Sparsame Diesel

Bei den Selbstzündern hat nun auch VW - wieder typisch - den Weg zum Commonrail-Einspritzsystem gefunden. Die Diesel mit einer Leistung zwischen 103 kW/140 PS und 125 kW/170 PS sollen laut Hackenberg um die sieben Liter verbrauchen. Die ersten Testfahrten waren zu kurz, um das Versprechen des Entwicklungsvorstandes zu verifizieren, aber selbst ein etwas höherer Verbrauch würde noch einen sehr guten Wert in dieser Klasse bedeuten.

Der Diesel benötigt zwar mit 10,5 Sekunden bis zur 100 km/h-Marke etwas längere Zeit als der Ottomotor und ist bei 186 km/h bereits an seine Grenze angelangt, doch hat man nicht den Eindruck, den Verkehr zu behindern. Nur marginal ist der Eindruck, dass sowohl dem Benziner als auch dem Diesel ein paar PS fehlen.

Lange, sehr lange Aufpreisliste

Unterwegs auf der Straße, der Tiguan
Unterwegs auf der Straße, der Tiguan © Foto: VW

Somit weist der Tiguan ähnliche Gene wie die Markengeschwister auf. Wolfsburg kommt spät, aber nicht zu spät. Während BMW gut 12.000 Modelle vom X3 und Toyota knapp 10.000 Einheiten des RAV4 in den ersten sechs Monaten des Jahres 2007 verkauft hat, trafen auf der IAA in der vergangenen Woche innerhalb weniger Stunden schon knapp 7000 Vorbestellungen ein. Das liegt natürlich auch am Preis. Bei 26.700 Euro steigt der Tiguan in den Preiskampf ein und damit rund 8000 Euro vor dem Konkurrenten aus der bayrischen Hauptstadt.

Das Heck des VW Tiguan
Das Heck des VW Tiguan © Foto: VW

Wie beim Konkurrenten ist natürlich die Aufpreisliste lang. Ein Parklenkassistent, eine Heckkamera, die beim Einparken hilft, Diebstahlwarnanlage, Climatronic, Lederlenkrad oder das Licht- und Sicht-Paket, Glas-Panoramadach, Radionavigationssystem, Aschenbecher - all die schönen Dinge kosten extra. Wer den Tiguan mit einer halbwegs gelungenen Ausstattung ordern möchte, landet bei über 40.000 Euro

Größte Wachstumsraten

Doch das scheint die Kunden in der Klasse überhaupt nicht abzuschrecken. Das Segment hat sich antizyklisch entgegen dem Markt entwickelt und weist Steigerungsraten auf. «Es gibt kaum eine andere Klasse, die solche Wachstumsraten aufweist wie der Kompakt-SUV», sagt Kern. Und an diesem Kuchen will nun auch VW teilhaben - am besten das größte Stück.






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