29. Juli 2010

Fahrbericht VW Scirocco R Erstarkter Wüstenwind

Der Scirocco R verfügt über 265 PS
Der Scirocco R verfügt über 265 PS © Foto: VW

Der Scirocco R nimmt eine Sonderstellung unter den Kraftpaketen der Kompaktklasse ein. Unter der Haube mit äußerst viel Leistung ausgestattet, äußerlich dagegen ist der Auftritt eher dezent ausgelegt.




Von Holger Holzer

Automobile Kraftpakete gibt es in der Kompaktklasse mittlerweile viele. Der VW Scirocco R nimmt unter ihnen aber eine Sonderstellung ein: Mit 195 kW/265 PS gehört das Sportcoupé aus der Golf-Familie zu den stärksten Fronttrieblern auf dem Markt. Doch der ab 33.900 Euro erhältliche Zweitürer ist kein übermotorisierter Krawallo, sondern kommt durchaus reif und kultiviert daher.


Beengte Verhältnisse auf der Rückbank

Schon äußerlich gibt sich der stärkste Scirocco eher zurückhaltend. Wo ähnlich hochmotorisierte Wettbewerber wie Mazda3 MPS, Mitsubishi Lancer Evo oder Ford Focus RS auf den Aha-Effekt von großen Spoilern setzen, kommt der Wolfsburger mit vergleichsweise dezenten Hinweisen auf die große Motorleistung aus. So gibt es etwa eine spezielle Frontschürze mit großen Lufteinlässen, tief gezogene Seitenschweller und breitere Kotflügel. Das wirkt muskulös ohne Kraftmeierei.

Innen zeigt sich das bekannt hochwertige VW-Interieur, aufgewertet mit Ziernähten und sehr guten Sportsitzen. Während es sich vorne kommod sitzt, geht es hinten trotz der nominell zwei Sitzplätze eng zu. Bereits beim Einstieg müssen sich die Fondpassagiere ordentlich verrenken. Haben sie dann Platz gefunden, sitzen sie aufgrund des abfallenden Daches und der kleinen Seitenfenster beengt im Dunkeln. Bereits auf Kurzstrecken ist das für Erwachsene kein Vergnügen. Für einen Sportwagen ist das allerdings noch verschmerzbar, denn als Familien-Shuttle dürfte der Scirocco R wohl eher selten dienen. Das verhindert auch der eher kleine Kofferraum, der sich zudem hinter einer ungemein hohen Ladekante verbirgt.

Von Turboloch keine Spur

Unter der Motorhaube, ist hingegen ausreichend Platz für stolze 265 PS. Die erzeugt ein 2,0-Liter-Benziner mit Turbolader, wie er mit weniger Leistung unter anderem auch im Golf GTI zum Einsatz kommt. Der Vierzylinder-Motor hängt direkt am Gas, von Turboloch keine Spur. Die Nadel des Drehzahlmessers fliegt nur so über die Skala und wird dabei die meiste Zeit von immenser Durchzugskraft begleitet. Das V6-mäßige maximale Drehmoment von 350 Nm liegt zwar erst zwischen 2500 und 5000 Touren an, aber bereits darunter ist immer mehr als genug Kraft vorhanden.

Für den Spurt von null auf 100 km/h benötigt der Fronttriebler lediglich sechs Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit ist bei 250 km/h erreicht. Kongenialer Partner des Motors ist das optional erhältliche Doppelkupplungsgetriebe, das so schnell und butterweich durch die sechs Gänge surft, das der Fahrer davon gar nichts mitbekommt. Wer lieber selbst die Kontrolle ausübt, kann das über Schaltwippen am Lenkrad tun. Der Aufpreis für die Automatik beträgt 1800 Euro, ansonsten ist ein manuelles Sechsganggetriebe an Bord.

Ungewohnte Zurückhaltung bei den Kosten

Den Verbrauch des schnellen Kompakten gibt der Hersteller mit 8,1 Liter auf 100 Kilometern an. In der Praxis sind es deutlich über zehn Liter. Lange Reisen müssen daher aufgrund des 55-Liter-Tanks häufiger unterbrochen werden. Das kann aber auch als willkommene Pause verstanden werden. Denn der Fahrkomfort des Coupés ist aufgrund der sportlich-straffen Fahrwerksauslegung eingeschränkt. Schnelle Kurvenfahrten werden zum Kinderspiel, lange Autobahnetappen hingegen können bei empfindlichem Rücken zur Belastung werden. Unterm Strich ist aber genug Restkomfort vorhanden, um den Scirocco R auch als Alltagsauto zu nutzen. Denn eine knallharte Giftspritze ist der Wolfsburger nicht, was sich auch im berechenbaren und sicheren Fahrverhalten äußert.

Bei den Kosten gibt sich der Wolfsburger ungewohnt zurückhaltend. 33.900 Euro sind zwar kein Schnäppchen, aber angesichts von 265 PS und umfangreicher Ausstattung nicht übertrieben. An Bord sind unter anderem Zwei-Zonen-Klimaautomatik, CD-Audioanlage, 18 Zoll-Räder, Xenon-Scheinwerfer, Sportsitze und ein ESP mit elektronischer Differentialsperre, die die Straßenlage in der Kurve verbessert. Unterm Strich liegt der Scirocco R im Mittelfeld einer Preisspanne, die unten vom 26.950 Euro teuren Renault Megane RS begrenzt wird und oben vom Audi S3 für 37.650 Euro.

Überflüssig wie faszinierend

Der nächste Scirocco R-Verwandte, der Golf R, kostet 36.400 Euro, hat aber Allradantrieb an Bord. Auf ein Auto wie den Scirocco R hat die Welt mit Sicherheit nicht gewartet. 265 PS in einem Kompaktwagen sind so überflüssig wie faszinierend. Der Wolfsburger bringt seine Kraft souverän und sicher auf die Straße und gibt sich äußerlich relativ zurückhaltend. Wer also den ganz großen Auftritt scheut, aber Leistung im Überfluss sucht, wird gut bedient. (mid)






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