28. Juli 2008

Fahrbericht Fahrbericht Renault Kangoo 1.6 Der Freund des Hauses

Der neue Renault Kangoo
Der neue Renault Kangoo © Foto: Renault

Laufstegqualitäten mag man ihm vielleicht nicht attestieren. Aber dafür glänzt der neue Kangoo in einer Reihe familienfreundlicher Disziplinen, die viele andere so nicht drauf haben.




Von Martin Woldt

Gewiss, es gibt elegantere Erscheinungen auf dem Markt, bei deren Auftreten man sich leichter die Pupillen zerrt. Aber das Problem hatte manche Hunderasse zunächst auch. Nehmen wir beispielsweise den Boxer: Die flache Schnauze, die trübsinnigen Glupschaugen. Ach nee. Und doch zweifelt heute niemand mehr. Ein Boxer gilt als guter Freund der Familie. Der ganz ähnlich blickende Renault Kangoo hat manches, was auch ihn zu einem guten Freund des Hauses qualifiziert.


Sexappeal eines Steilwandzeltes

Lässt man sich von seinem Steilwandzelt ähnlichen Sexappeal nicht irritieren, greift er ans Herz. „Ihm“, weil ungeahnte Transportaufgaben von Fahrrad bis Umzug möglich werden, sich Stauraum noch in der kleinsten Nische findet. „Ihr“, weil er sich mit seiner Golflänge von 4,21 Metern, den großen Spiegeln und Scheiben so übersichtlich fahren lässt, dabei so simpel zu bedienen und mit seinen zwei großen Schiebetüren selbst in den engen Parklücken so kinderleicht zu beladen ist. Und „Ihnen“ , weil man sich auch zu dritt auf der Rückbank nicht allzu nahe, und kaum in die Quere kommt. Und weil die Füße zappeln können, die unvermeidlichen Dinofiguren im Fußbodenstaufach, die Comic-Hefte in der Box unterm Dach ihren Platz finden.

Deutlich gesteigerte Laufruhe

Zwei große Schiebetüren
Zwei große Schiebetüren © Foto: Renault

Und selbst der Hund wird ihn mögen. Muss er doch fortan die drei Wochen Urlaub nicht mehr im Asyl bei der Katzen vernarrten Nachbarin erleiden, sondern kann im 660 Liter großen Kofferraum - noch 17 Liter mehr als im neuen Citroen Berlingo - mit auf Reisen gehen. Sie alle werden den Fahrkomfort und die Laufruhe, die den neuen Kangoo deutlich von seinem Vorgänger unterscheiden, zu schätzen wissen und nur ungläubig lächeln, wenn da irgendwer im Brustton der Überzeugung erfahren haben will, dass der Freund des Hauses aus dem niederen Geschlecht der Kastenwagen abstammen soll.

Beste Bremsleistung im Segment

Auch wenn es natürlich die Wahrheit ist, hat er sich doch davon schon ein ganzes Stück entfernt. Bedenkt man allein die breitere Spur, auf der der Kangoo jetzt sicherer durch die Kurven rollt. Während der Radstand um neun Zentimeter auf 2,70 Meter wuchs, nahm die Spurbreite an der Vorderachse um zwölf Zentimeter auf 1,51 Meter und an der Hinterachse auf 1,53 Meter zu. Was war das immer für ein Schubser, wenn der Alte nach einem Überholmanöver hinter einem Lkw auftauchte und der Seitenwind zupackte. Bei den Bremsen beansprucht er inzwischen die Bestleistung im Segment und kommt, laut Hersteller aus Tempo 100 km/h nach 39 Metern zum Stehen.

Solider Mitschwimmer

Erhöhte Sitzposition
Erhöhte Sitzposition © Foto: Renault

Der 1,6 Liter Benziner mit seinen 106 PS ist ein gutmütiger Allrounder, der allerdings erst bei 3750 Touren zu seinem maximalen Drehmoment von 148 Newtonmetern vorstößt. Das reicht für ganz beachtliche Sprintleistungen, die auf der Standdardstrecke von null auf hundert 13 Sekunden betragen. Da ist ein Skoda Roomster mit 105 PS in 10,4 Sekunden natürlich etwas flotter. 7,9 Liter Benzin vermerkt das Datenblatt über 100 Kilometer. Der Berlingo mit 109 PS nimmt da mit 8,2 Litern gern ein bisschen mehr. Oberhalb von 120 km/h geht dem Kangoo dann ein bisschen die Puste aus. Obwohl er sich noch bis zu 170 km/h in der Spitze hinaufhangelt. Mehr muss man auch nicht verlangen. Zum Mitschwimmen im großen Strom ist es allemal genug.

Weich, aber herzlich

Mindestens 660 Liter Kofferraum
Mindestens 660 Liter Kofferraum © Foto: Renault

Andererseits kann man es auch ein wenig bedauern, dass der Kangoo den Kastenwagen so weit hinter sich gelassen hat. Dem konnte man noch den einen oder anderen Knuff verpassen, ohne dass das seine Gesamterscheinung großartig beeinträchtigt hätte. Doch rüdes Benehmen sollte man sich jetzt schon sehr genau überlegen. Wer allzu sorglos mit dem Koffer über die Weichplastik-Ladekante schrammt oder auch nur das Gurtschloss häufiger daneben steckt, hinterlässt bleibende Spuren auf den sensiblen Oberflächen. Der Filz des Ladebodens nimmt schon nach leichten Strapazen die flockige Struktur eines ausgehenden Winterfells an. Auch wenn das dem Hund womöglich Zutrauen einflößt, bei allen anderen könnten solche Schwächen die Beziehung zu ihrem Hausfreund über kurz oder lang doch etwas eintrüben.

Diesel ohne Filter

Denn wenn er auch nicht schön sein muss, eine gewisse Beständigkeit ist noch immer die beste Basis für eine dauerhafte Freundschaft. Sollte man in diesen Tagen noch ein Wort über seinen Verbrauch verlieren? Nun, er wird die Dämmerung der fossilen Kraftstoffe leider auch kaum aufhalten können. Rund acht Liter auf 100 Kilometer wären nur mit einem Dieselmotor zu unterbieten. Da gibt es eine schwache 50 PS-Version, die sogar preiswerter und mit 5,2 Litern zufrieden ist, aber keinen Rußfilter kennt. Genauso wenig wie der dann schon 17.000 Euro teure, 63 PS starke Diesel, der 5,3 Liter beansprucht. Erst der Diesel mit 103 PS hat einen serienmäßigen Filter, kostet dann aber auch schon 18.200 Euro. Unser Hausfreund hier mit 106 PS steht ab 16.050 Euro in der Preisliste. Damit ist er uns lieb und teuer.






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