23. Januar 2007

Fahrbericht Nissan Qashqai: Moderner Stadtnomade

Der Nissan Qashqai
Der Nissan Qashqai © Foto: press-inform

Mit dem Qashqai will Nissan das unentdeckte Land zwischen Kompaktwagen und SUV erobern. Das kernige Freizeitmobil bietet Allradantrieb, eine gute Ausstattung, kräftige Motoren und attraktive Preise. Manchmal ist es aber auch nichts Halbes und nichts Ganzes.




Von Sebastian Viehmann

Qashqai - das klingt irgendwie nach einer fantastischen Alien-Rasse aus «Raumschiff Enterprise». Doch die Qashqai (sprich: Kasch-Kai) gibt es wirklich. Es handelt sich um einen Nomadenstamm, der im letzten Jahrhundert eher unfreiwillig im Iran sesshaft wurde. Für das genaue Gegenteil ist der gleichnamige Nissan gedacht. Mit ihm dürfen moderne Großstadt-Nomaden Hummeln im Hintern haben, nach Feierabend die Kinder bei der Oma abliefern, die Freizeitausrüstung in den Kofferraum packen und ins Abenteuer aufbrechen.


Kompakt, aber nicht übersichtlich

Nissan baut damit als erster die Art Fahrzeugtyp, die bei vielen Herstellern noch in der Entwicklung ist: Ein kompaktes, fast coupéartig geformtes Freizeitmobil mit SUV-Charakter. Auf dem jetzigen Markt muss der Qashqai allenfalls mit kleinen und mittleren SUVs wie dem Daihatsu Terios, Fiat Sedici oder Hyundai Tucson konkurrieren. Den Almera, der bislang Nissans Kompakt-Segment mehr schlecht als recht ausfüllte, haben die Japaner übrigens sang- und klanglos eingestellt.

Von den Dimensionen her kann man den 4,3 Meter langen Qashqai durchaus als kompakt bezeichnen. Wirklich übersichtlich ist er trotzdem nicht. Vor allem nach hinten versperren wie bei vielen größeren SUVs das aufsteigende Heck und die breiten C-Säulen die Sicht. Entspannt manövrieren lässt es sich nur mit der optionalen Rückfahrkamera. Nach vorn helfen die zwei schmalen Bügelfalten auf der Haube ein bisschen bei der Orientierung.

Gewisser Pep fehlt

Der Innenraum
Der Innenraum © Foto: Werk

Geradezu gewaltig sind die breiten Außenspiegel. Hier waren die Designer allerdings an neue Sicherheits-Vorschriften gebunden. Auch der Innenraum des Qashqai hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Das Cockpit ist ergonomisch günstig um den Fahrer herum gebaut, die Materialien wirken hochwertig und an der Verarbeitung gibt es nichts zu mäkeln.

Den gewissen Pep, den man von einem Trendsetter erwartet, bleibt der Qashqai aber schuldig. Die Mittelkonsole mit ihren zahllosen Schaltern wirkt etwas überfrachtet. Praktisch sind die Multifunktionstasten am Lenkrad, vor allem der Schiebetaster für den Tempomaten. Der Qashqai bietet nur wenige Ablagemöglichkeiten für Kleinkram. Dafür gibt es ein großes Handschuhfach und ein enormes Staufach zwischen den Sitzen. Es ist so tief, dass auch große Flaschen problemlos Halt finden. Gegen Aufpreis sorgt ein riesiges Glasdach für grandiose Ausblicke, ähnlich wie im Renault Scénic oder Skoda Roomster.

Heterogene Zielgruppen

Viel Platz im Fond
Viel Platz im Fond © Foto: Werk

Das Platzangebot für Fahrer und Beifahrer ist großzügig, allerdings stört im linken Beifahrer-Fußraum eine gewölbte Plastikabdeckung beim Ausstrecken. Auf den Rücksitzen ist die Kopffreiheit akzeptabel, an den Knien zwackt es aber etwas. Für mehr als zwei Personen hat Nissan den Qashqai auch nicht unbedingt gedacht: Zielgruppen sind vor allem junge Pärchen, die keine Kinder haben, und ältere Paare, bei denen die Kinder schon aus dem Haus sind.

Fragt sich nur, ob das Konzept aufgeht. Ältere Menschen könnten leichte Zweifel bekommen, wenn sie beim Einkaufen eine Wasserkiste in den Laderaum wuchten müssen. Denn die Ladekante hat eine stolze Höhe aufzuweisen. Das Gepäckraumvolumen ist mit 410 Litern immerhin deutlich größer als das der meisten Kompaktwagen. Die Sitzbank lässt sich geteilt umklappen und vergrößert die Ladekapazität auf 1513 Liter.

Zwei Benziner, zwei Diesel

Unter der Haube stehen vier Motorvarianten bereit: Zwei Benziner (1.6 mit 115 PS und 2.0 mit 141 PS) sowie zwei Dieselmotoren (1.5 dCi mit 105 PS und 2.0 dCi mit 150 PS). Die kleinen Motorvarianten gibt es nur als Fronttriebler, die 2.0-Liter-Maschinen lassen sich auch mit dem aus dem X-Trail bekannten Allrad-System «All-Mode 4x4» kombinieren. Bislang konnte man nur die beiden Top-Motoren testen, und die können sich durchaus sehen lassen.

Der 2.0-Liter Vierzylinder mit 141 PS geht kraftvoll zu Werke, vorausgesetzt, man gönnt ihm höhere Drehzahlen. Für zusätzlichen Biss würde man sich nur noch einen Turbolader wünschen. Die manuelle Sechsgangschaltung lässt sich präzise und leichtgängig bedienen. Alternativ gibt es ein stufenloses CVT-Automatikgetriebe.

Allradantrieb setzt spät ein

Die Rückansicht
Die Rückansicht © Foto: press-inform

Die kraftvollste Motorisierung ist der 2.0-Liter dCi mit 150 PS und Allradantrieb. Das drehfreudige und dabei laufruhige Aggregat kommt auch im Renault Scénic zum Einsatz. Allerdings schneidet der Qashqai bei den Fahrleistungen eine Spur schlechter ab als der Franzosen-Van: 10,9 Sekunden braucht er für den Spurt auf 100 Km/h, die Höchstgeschwindigkeit ist bei 190 Km/h erreicht. Dafür hält sich der Verbrauch in Grenzen, bei unseren Testfahrten flossen selten mehr als sieben Liter durch die Leitungen.

Im Gegensatz zu den meisten SUVs mit permanentem Allradantrieb kann man den Qashqai auch im reinen Frontantrieb-Modus fahren. Dazu gibt es einen hübschen Drehschalter an der Mittelkonsole. Im normalen Fahrbetrieb gibt es zwischen den Stufen «2WD» und «Auto» (Allrad) aber praktisch keinen Unterschied, denn das Verteilergetriebe schickt nur dann Drehmoment an die Hinterräder, wenn Schlupf entsteht. Auf der Straße bekommt man den Allradantrieb erst bei härterer Gangart zu spüren - während der Fronttriebler leicht untersteuert, bleibt der Allradler länger im Neutralbereich.

Guter Kontakt zur Straße

Viele, viele Schalter
Viele, viele Schalter © Foto: Werk

Mit der Agilität eines kompakten Allradlers kann der Qashqai freilich nicht mithalten. Zu stark sind die Wankbewegungen der Karosserie, zu hochbeinig das Fahrwerk. Unebenheiten bügelt der Qashqai allerdings gekonnt glatt und sorgt für einen angenehmen Fahrkomfort. Sehr direkt ist die Lenkung ausgefallen, die einen guten Kontakt zur Straße vermittelt.

Zum Offroader wird der Qashqai auch mit Allradantrieb nicht. Dafür fehlt im unter anderem die Geländeuntersetzung. Falls man sich einmal im Matsch festgefahren hat, steht aber eine Längssperre zur Verfügung. Der «Lock»-Modus koppelt Vorder- und Hinterachse bei einer festen Antriebsverteilung von 57:43.

Ordentliche Basis-Ausstattung

Preislich ist der Qashqai ein attraktives Angebot. Die Spanne reicht vom 19.790 Euro teuren Einstiegsmodell Visia 1.6 (115-PS-Benziner mit Frontantrieb) bis zum Tekna 2.0 dCi (150-PS-Diesel mit serienmäßigem Partikelfilter und Allradantrieb) für 30.140 Euro. Sechs Airbags und ESP gehören bei allen Modellen zur Sicherheitsausstattung. Der billigste Allradler (Visia 2.0 4WD) ist für 22.840 Euro zu haben.

Schon die Basis-Ausstattung ist recht ordentlich und umfasst unter anderem Klimaanlage, elektrische Fensterheber rundum, Multifunktionslenkrad, CD-Radio und eine Bluetooth-Freisprechanlage. Die Top-Ausstattung Tekna lässt kaum Wünsche offen, auch Xenon-Licht und das Panorama-Glasdach sind an Bord. Als Extras gäbe es nur noch Automatikgetriebe, das DVD-Navigationssystem mit Rückfahrkamera und Metalliclackierung. Für 33.890 Euro hätte man dann einen voll ausgestatteten Allradler mit einem guten Dieselmotor - das macht dem Großstadt-Nomaden so schnell keiner nach.






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