4. April 2007

Fahrbericht Landrover Defender: Kultivierter Grobian

Landrover Defender
Landrover Defender © Foto: Press-Inform

Auch der Landrover Defender geht bisweilen mit der Zeit. Die jüngste Auflage des Geländewagen-Methusalems überrascht mit diversen technischen Neuerungen - sehr zum Ärger der Traditionalisten.




Von Stefan Zaumseil

Der Landrover Defender - seit fast 60 Jahren gebaut - spaltet er fast ebenso lange Zeit das Lager der Offroader. Während der «Landy» für Mechanikpuristen ein herrliches Stück unverfälschte Geländewagentradition darstellt, fragen eher modern eingestellte Geländefans: «Wird der etwa immer noch gebaut?». Ja, wird er - aktuell mit neuem Motor und modernisierter Innenausstattung. Und hier wird er die Fangemeinde weiterhin spalten - in Traditionalisten und Praktiker.


Hoher Wiedererkennungwert

Keine Überraschungen präsentiert die Außenansicht - in klassischer Würfelform bietet der Defender dem Luftwiderstand weiterhin tapfer die Stirn, alle Nieten der Aluminium-Beplankung sind weiterhin gut zu erkennen und das einzig Runde sind Scheinwerfer und Leuchten. Bullige Kotflügel, senkrechte Seitenflächen, senkrecht abfallendes Heck mit Ersatzrad, außen liegende Türscharniere und die Mulde für den Tankeinfüllstutzen - alles ist beim alten geblieben.

Einzig erkennbare Neuerung ist der «Landrover»-Schriftzug auf der Vorderkante der Motorhaube, der den 1990 eingeführten Schriftzug «Defender» ablöst - und ein kleiner Buckel, der dem neuen Motor geschuldet ist. Um an dieser Stelle gleichermaßen aufschreiende Traditionalisten und Praktiker zu beruhigen: Es soll weiterhin möglich sein ein Ersatzrad auf der Motorhaube zu montieren.

Designer am Werk

Überragend im Gelände
Überragend im Gelände © Foto: Press-Inform

Die große Überraschung wird dem geneigten Fan dann nach dem Einsteigen präsentiert: Zwar geht es nach wie vor wunderbar beengt zu, das Lenkrad steht glücklicherweise immer noch in Traktor-Position - aber das Armaturenbrett! Zum ersten Mal waren hier Designer am Werk und haben alle Schalter und Anzeigen schön symmetrisch in der Mittelkonsole angeordnet. Gekrönt von einer Analoguhr oben zwischen den (selbstverständlich symmetrischen) Lüftungsauslässen.

Wo sind die liebenswerten Asymmetrien, die unregelmäßige Verstreuung der Regler, Schalter und Anzeigen geblieben, die den Defender zu einem einzigartigen Geländewagen gemacht haben? Bieder und im Plastik-Einheits-Look will der modernisierte Innenraum nicht mehr zum klassischen Äußeren passen, zumal die untere Ablage auf der Beifahrerseite die Kniefreiheit des Copiloten noch weiter einschränkt.

Nur noch fünf Personen zugelassen

Die zweite Überraschung wird von den neuen Sitzen präsentiert: Mit strukturierter Sitzfläche und konturierter Sitzlehne bieten sie nicht nur ordentlichen Komfort, sondern zum ersten Mal etwas wie Seitenhalt. Damit keine Missverständnisse aufkommen - von moderner automobiler Sitzkultur deutlich entfernt bieten die Sitze allenfalls mangelnden Seitenhalt und zu wenig Fläche. Die Sitzordnung wurde europäischen Sicherheitsrichtlinien angepasst - so passen nur noch 5 statt 7 Personen auf die Sitze in standardgemäßen zwei Reihen hintereinander.

Die dritte Überraschung wird wohl ganzen Heerscharen von Heimwerkern den Spaß an freien Wochenenden verderben: Ein lederbezogenes Ablagefach auf dem Kardantunnel inklusive Armauflage - nach einem Klopftest zu urteilen aus sehr stabilem Sperrholz.

Die Heizung heizt - endlich

... und die Heizung funktioniert tatsächlich
... und die Heizung funktioniert tatsächlich © Foto: Press-Inform

Und die vierte und größte Überraschung: Die Heizung tut nach fast 60 Jahren das, was Heizungen in Autos so tun sollen - sie heizt. Und zwar schnell, intensiv und bis auf die hinteren Plätze, nicht nur punktuell auf die Knie des Fahrers - da trocknen die über das Interieur vergossenen Tränen doppelt schnell. Folgerichtig ist auch die über 1600 Euro teure Klimaanlage eine angemessene Investition, sorgt sie doch mittlerweile für angenehme Temperaturen im Innenraum und beschlagfreie Seitenscheiben mittels zusätzlicher Luftauslässe.

Keinerlei Überraschung bietet das Fahrwerk - nach alter Tradition mit Starrachsen und Panhardstand. Zwar wurden irgendwann in den Achtzigern die Blattfedern durch Schraubenfedern ersetzt, aber im Grunde genommen wurde das Konzept Leiterrahmen/Starrachsen seit 1948 nicht verändert.

Echter Offroader

Unverändert überragend stellt sich dann auch der Defender im Gelände-Betrieb dar. Permanenter Allradantrieb mit sperrbarem Mitteldifferential und zweistufigem Verteilergetriebe - das sind die Zutaten, die Herzen echter Offroader höher schlagen lassen. Mit einer Bodenfreiheit von fast 23 Zentimetern und einer Wattiefe von 50 Zentimetern kann man sich mit dem Defender in Gegenden bewegen, in denen man sich zu Fuß schon recht schwer tun würde. Dabei ist der Schulterkontakt zur Seitenscheibe sehr hilfreich - so ist es ein leichtes, bei heruntergelassener Seitenscheibe Untergrundbeschaffenheit und Radstellung im Blick zu behalten.

Die kurzen Karosserieüberhänge erlauben Böschungswinkel von 50 Grad vorn und 35 - 52 Grad (je nach Modell) hinten, die maximale Steigfähigkeit liegt bei 45 Grad und maximale Seitenneigung bei über 30 Grad - das sind Werte, die den Mut vieler Gelände-Enthusiasten deutlich übersteigen. Wer sich aber traut, wird bei bedachter Fahrweise mit allem fertig, was die Natur eigentlich nicht zum Befahren gedacht hat.

Unverändert auch die Straßenlage: Wankend in der Kurve, nickend beim Bremsen und mit der üblichen Seitenwindempfindlichkeit eines Kastenwagens ist der Defender nach wie vor ein Automobil für den britisch-gelassenen Fahrstil. Dabei informiert das Fahrwerk jederzeit über die Beschaffenheit des Fahrbahnbelages und möchte bei regennasser oder beschneiter Fahrbahn umsichtig bewegt werden - elektronische Fahrhilfen gehören selbstverständlich nicht in einen puristischen Offroader.

Breiteres Leistungsspektrum

Der Vierzylinder werkelt auch im Ford Transit
Der Vierzylinder werkelt auch im Ford Transit © Foto: Press-Inform

Die zweite große Neuerung im Defender 2007 ist der neue 2.4-Liter-Vierzylinder-Diesel aus dem Ford Transit. Nachdem der bisherige Fünfzylinder (TD5) unter den Fans eine lange Gewöhnungsphase hinter sich hatte, könnte die Diskussion über die richtige Motorisierung mit dem TD4 innerhalb der Fangemeinde wieder aufflammen.

Könnte, den der Common-Rail-Turbodiesel wird selbst hart gesottene Fans des TD5 nur kurze Zeit enttäuschen. Lieferte der Fünfzylinder-Diesel sein maximales Drehmoment von 300 Newtonmetern noch in einem kleinen Bereich um die 2000 Touren, so ist die Leistungsentfaltung des TD4 deutlich harmonischer. Maximal 360 Newtonmeter Drehmoment stehen in einem Bereich zwischen 2000 und 4000 Touren zur Verfügung, ab einer Drehzahl von 1500 U/min sind es immerhin schon über 300 Newtonmeter. Die maximale Leistung von 122 PS ist gegenüber dem alten Motor unverändert, liegt aber schon bei 3500 U/min an und bleibt über einen breiteren Drehzahlbereich verfügbar - analog zum Drehmomentspektrum.

Sechs Gänge zur Entspannung

Dabei geht der TD4 akustisch deutlich weniger aggressiv zu Werke, selbst bei Vollgas - immerhin 132 Kilometer pro Stunde - ist immer noch eine Unterhaltung zwischen den Insassen möglich. Das ist sicherlich auch dem neuen Sechsgang-Schaltgetriebe zu verdanken, dass nicht nur eine um 20 Prozent längere Übersetzung des höchsten Ganges, sondern auch eine bessere Abstimmung als der Vorgänger bietet.

Mit dem neuen Sechsgang-Getriebe ist auch der Geländebetrieb deutlich entspannter geworden. Jenseits von Können und Erfahrung ist die Bewältigung schwieriger Steigungen mit unmöglichen Untergründen durch die bessere Leistungs- und Drehmomententfaltung nun weniger nervenaufreibend, aber auch weniger spannend.

Gewohnt haklige Schaltung

Damit auch die puristischsten Defender-Fans nicht gar zu wehmütig alten Zeiten nachtrauern, ist die Schaltbox wie gewohnt hakelig mit sehr eng beieinander liegenden Gängen. Damit soll sicher eine sportlich-aggressive Fahrweise von vornherein unterbunden werden - passt sie doch ganz und gar nicht zu britischer Gelassenheit.

Auch mit britischer Gelassenheit werden die von Landrover für den neuen TD4 angegebenen Verbrauchsdaten von etwa 10 Litern pro 100 Kilometer sicher nicht zu erreichen sein, schon gar nicht im Geländebetrieb oder auf den Autobahn. Aber selbst schätzungsweise 11,5 Liter Kraftstoffverbrauch sind in Anbetracht des Fahrzeuggewichtes und der nicht vorhandenen Aerodynamik in Ordnung - bleibt abzuwarten, was der Defender 2007 in der Praxis tatsächlich schluckt.

ABS in der Aufpreisliste

Moderne Zeiten auch im Innenraum
Moderne Zeiten auch im Innenraum © Foto: Press-Inform

Der «günstigste» Landrover Defender 90 ist der «Soft Top» für 24.800 Euro, für die geschlossenen Versionen «Station Wagon» sind mindestens 26.200 Euro fällig. Der Defender 110 kostet ab 27.600 Euro («Hard Top»), der Defender 130 «Crew Cab» 31.600 Euro. Das sind wahrlich keine Schnäppchen, zumal weder elektrische Fensterheber, noch Klimaanlage oder gar Radio zur Ausstattung gehören.

ABS (!) kostet satte 1760 Euro Aufpreis, allerdings inklusive Traktionskontrolle. Dafür gibt es das verstärkte Fahrwerk für die Auflastung des Defender auf 3,5 Tonnen Gesamtgewicht für 2610 Euro. Eine Metallic-Lackierung ist nicht für alle Modelle verfügbar, kostet dann aber stolze 510 Euro. Airbags und weitere Sicherheitsmechanismen sind auch im aktuellen Defender 2007 nicht zu bekommen - schade, denn auch richtig harte Männer hängen zuweilen an ihrem Leben.

Obwohl er schon bei der Zulassung ein «H»-Kennzeichen ehrenhalber verdient hat, ist der Defender nach wie vor einer der beliebtesten Geländewagen. Die technischen Neuerungen des Modelljahres 2007 kann man durchaus als gelungen bezeichnen, der modernisierte Innenraum wird sicher seine Fans finden.






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