29. Oktober 2012

Fahrbericht 1.9 Multijet Twin Turbo Platinum Lancia Delta: Extravaganz allein reicht nicht

Der Lancia Delta ist ein Auto, die auf Extravaganz stehen.
Der Lancia Delta ist ein Auto, die auf Extravaganz stehen. © Lancia

Sie wollen auffallen? Sie haben keine Lust auf Allerweltsautos? Dann sollten Sie sich einmal den Lancia Delta anschauen. Was Fahrzeug zu bieten hat, zeigt unser Fahrbericht mit dem 1.9 Multijet Twin Turbo Platinum.




Eines ist sicher: In diesem Auto werden Sie auffallen. Auf den ersten Blick bringt der Lancia Delta alles mit, um in der gehobenen Kompaktwagen-Liga Konkurrenten wie dem Audi A3 oder dem BMW 1er den ein oder anderen individualistisch veranlagten Kunden abzujagen. Zum Test tritt die 32.640 Euro teure Top-Version 1.9 T Platinum mit dem 140 kW/190 PS starken 1,9-Liter-Diesel an.

Der erste Lancia Delta fuhr in den 80er-Jahren im Rallyesport die Konkurrenz in Grund und Boden. Selbst nach der Neupositionierung durch den Mutterkonzern Fiat strahlte der legendäre Name noch auf die mittlerweile deutlich luxuriöser positionierte Modellpalette ab. Käufer der 2008 vorgestellten –dritten Generation – sollten sich davon aber nicht blenden lassen: der Delta des neuen Jahrtausends ist alles andere als ein Sportler. Vielmehr präsentiert er sich als elegante Reiselimousine, angesiedelt am oberen Ende der Kompaktklasse und stilistisch irgendwo zwischen Van und Kombi platziert.


Extravagante Karosserie

Die extravagante Karosserie in Zweifarb-Lackierung ist es dann auch, die zuerst auffällt am Delta. Vor allem die dreieckige D-Säule, die das Dach scheinbar frei auf ihrem obersten Punkt schweben lässt und die geschwungenen hinteren Kotflügel mit den senkrechten Leuchten setzen klare Akzente in der ansonsten auf optischen Mainstream gebürsteten Mittelklasse. Wie so oft führt aber auch bei dem Italiener die schöne Form zu funktionellen Nachteilen. So nimmt die geschwungene Schulterlinie die Sicht nach hinten, das abfallende Dach schränkt die Kopffreiheit ein und der Kofferraum ist zwar groß, aufgrund einer überhohen Ladekante aber nur schlecht nutzbar.

Viel Hartplastik im Innenraum
Viel Hartplastik im Innenraum © Lancia

De Passagiere haben es da etwas besser. Der Einstieg durch die großen Türen ist bequem, vor allem vorne, wo die Sessel relativ hoch liegen. Die Rückenfreundlichkeit resultiert allerdings im Gegenzug in einer fast schon van-artigen Sitzposition, die nicht jedermanns Sache sein dürfte. Gleichzeitig fehlt es auf den kaum ausgeformten Polstern an Seitenhalt. Das Platzangebot jedoch ist ordentlich, dank der längs verschiebbaren Rückbank genießen die Fondinsassen sogar Kniefreiheit auf Oberklasseniveau.

Schnöde Hartplastik im Innenraum

Ganz und gar nicht auf Oberklasseniveau hingegen befindet sich die Innenraumgestaltung. So hat Lancia zwar großflächig Leder der italienischen Edelmanufaktur Poltrona Frau verlegt, wo die seidige Tierhaut nicht hingekommen ist, findet sich aber schnödes Hartplastik, wie man es eher in einem halb so teuren Kleinwagen vermuten würde. Hinzu kommen einige ergonomische Ärgernisse wie die nicht in einem sinnvollen Winkel arretierbare Sonnenblende oder die Becherhalter, in die maximal ein Tässchen Espresso passt. Navigationssystem und Audioanlage merkt man mittlerweile das fortgeschrittene Alter des Modells an.

Passend zum eleganten Styling gibt sich der Delta auch auf der Straße eher gediegen. Ausreichend bequem gefedert und etwas behäbig in der Kurve, ist für ihn die komfortabel zurückgelegte Langdistanz die Paradedisziplin. Gehobener Fahrspaß oder gar die giftige Sportlichkeit des Vorgängers standen nicht auf dem Plan der Entwickler. Auch die knöchrige Schaltung mit ihren recht langen Wegen lässt in dieser Hinsicht wenig Freude aufkommen. Eine Automatik ist merkwürdigerweise für den Top-Diesel nicht zu haben - auch wenn sie gerade dort gut passen würde.

190 PS Leistung

Das Heck des Lancia Delta
Das Heck des Lancia Delta © Lancia

Der also zwangsläufig mit der Hand auf Trab gebrachte 1,9-Liter-Diesel entwickelt 140 kW/190 PS Leistung und ein kräftiges Drehmoment von 320 Nm, das bei 2.000 Touren anliegt. Durch die relativ lange Getriebeübersetzung muss er aber vom Fahrer durch häufige Gangwechsel bei Laune gehalten werden. Der Verbrauch von rund 6,5 Litern geht in Ordnung.

Angesichts der starken Konkurrenz und des gehobenen Preisniveaus (die günstigste Version des Lancia kostet mit 21.350 Euro bei 120 Benziner-PS nicht viel weniger als der deutlich ausgereiftere Audi A3) leistet sich der Delta in der Summe wohl ein paar Schwächen zu viel. Je nach persönlicher Veranlagung kann man das nun als Kaufhindernis oder unter italienischem Charme verbuchen. In letzterem Fall kann der Lancia seine Fehler vielleicht durch das gute Platzangebot im Fond und das extrovertierte Design ausgleichen. Aber wer letztlich doch einen Hang zu solider Qualität und weniger zur Extravaganz hat, der schaut sich dann doch lieber bei der Konkurrenz in Ingolstadt um. (AG/SP-X)






Mehr zur Marke Lancia

Lancia

Vincenzo Lancia gründete 1906 das Unternehmen, das später die erste selbsttragende Karosserie kreierte. 1969 übernahm Fiat das Unternehmen, das besonders im Rallyesport Erfolge feierte. Seit 2009 gibt es eine enge Zusammenarbeit mit Chrysler, die allerdings den Niedergang der Marke nicht aufhalten konnte. Fiat-Chef Sergio Marcionne kündigte an, nur noch den Kleinstwagen Ypsilon anzubieten – und das auch nur noch in Italien.


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