14. September 2009

Fahrbericht Audi R8 5.2 V10 FSI Gut gebrüllt, Löwe

Der Audi R8 5.2 FSI
Der Audi R8 5.2 FSI © Foto: Audi

Kein ein anderes Auto von Audi zeigt den Aufstieg der Marke besser als der R8. Nach ihm drehen sich die Leute mehr um als nach jedem Mercedes, Porsche oder BMW. Selbst Schönheiten von Maserati, Aston Martin oder Ferrari bekommen nicht mehr Aufmerksamkeit als Audis Supersportler.




Von Stefan Grundhoff

Nur kurz zum Bäcker fahren und ein paar Brötchen für die Lieben holen. Muss auch in einem Supersportler, wie dem R8 5.2 V10 drin sein. Doch in dem Ring-Boliden wird das zu einem Ding der Unmöglichkeit. Der R8 an sich ist nicht einmal mehr neu und trotzdem gibt es an jeder noch so kleinen Straßenecke visuellen Applaus der Umgebung. Die Kinder vor dem Schulhof glotzen, zeigen mit Fingern auf den Fahrer, der das Schauspiel im dunklen Innenraum versteckt wahrnimmt. Väter fallen bei der Familienradtour fast vom Rad; einige vor Anerkennung; andere vor Bewunderung oder Missgunst. Ein paar ältere Damen verrecken sich ebenfalls den Hals. Dabei ist der R8 in einem volumentauglichen blaumetallic und nicht in wildem gelb oder italienischem rot lackiert.


Nicht nur optisch erkennbar

Doch er fällt auf - und wie. Zum einen wegen seines Designs und den offensichtlichen Merkmalen eines Sportwagens - zum anderen wegen des sonoren Lärms, der das Wohngebiet an diesem sonnigen Morgen durchpflügt. Ein waschechter Sportwagen, der es mit den Besten der Besten aufnehmen kann, BMW eine Nase dreht und auch Porsche oder Mercedes tatenlos zusehen lässt. Das hätte man sich vor zehn oder 15 Jahren mit einem Vier-Ring-Logo nicht vorstellen können.

Doch Audis strikte Expansions- und Designstrategie lies das Ingolstädter Ego wachsen und so war ein Sportwagen wie der R8 eine logische Folge. Nach dem sportlichen Basis-R8 ist der Zehnzylinder das, worauf die echten Sportwagenfans gewartet haben. Mit seinem bulligen Sauger nimmt er es mit den Stärksten der Starken auf. Denn mit den 420 PS des R8 4.2 FSI kann man in dieser Liga keinen mehr locken. Ein Liter mehr Hubraum, ein Zylinder-Plus von zwei Brennkammern, 105 PS mehr und eine Höchstgeschwindigkeit von über 315 km/h lassen einen auf Augenhöhe mit Ferrari 430 Scuderia, Porsche 911 GT3 oder Mercedes SLS düsen. Mit dem Vorteil, dass der Allradantrieb bei den R8-Modellen weit mehr ist, als eine Marketing-Gadget. Denn nicht nur bei feuchter Piste oder welliger Landstraße lernt man am Steuer des R8 V10 die Vorteile des quattro-Konzepts auch in einem Sportwagen schnell schätzen.

Kein Auto für den Alltag

Kein Auto zum Brötchen holen
Kein Auto zum Brötchen holen © Foto: Audi

Auch wenn Audis R8 5.2 FSI durchaus Nehmerqualitäten im alltäglichen Straßenverkehr hat; ein Alltagsauto ist er nicht. Er will sportlich und will nicht untertourig gefahren werden. Der Drehzahlmesser fühlt sich über 5.500 U/min am besten an und auf bockiger Straße macht man sich auf dem Beifahrersitz keine Freunde. Daran ändert auch die elektronische Dämpferregelung Magnetic Ride nichts, die einem die freie Wahl zwischen Sport- und Normalmodus lässt.

Ob man sich für ein automatisiertes Schaltgetriebe oder eine manuelle Gangwahl entscheidet, ist ebenfalls Sache von Neigung und Engagement. Für die Rennstrecke oder regelmäßige Kurvenritte auf kurvenreichen Straßen ist das sequentielle Getriebe die bessere, weil schnellere und entspannendere Wahl.

Nicht wirklich komfortabel

Puristischer Innenraum
Puristischer Innenraum © Foto: Audi

Doch nicht nur Puristen sei das manuelle Schaltgetriebe empfohlen, dass von der Charakteristik exzellent zu dem bissigen Hochdrehzahltriebwerk hinter den Sitzen passt. Der Zehnender brabbelt in dem einen Moment noch etwas unwirsch vor sich hin, um im nächsten Moment alle Kleider von sich zu werfen. Erster, zweiter, dritter und vierter Gang - längst sollte man Schalt- oder Tachoanzeige aus den Augen verloren und sich auf die Straße besonnen haben.

Der Sitz schmiegt sich vorbildlich an und das Lederlenkrad liegt prächtig in der Hand. Die erste Kurve. Herunter in den dritten und dann tapfer auf dem Gas bleiben. Das Einlenkverhalten zeigt sich ohne jeden Tadel. Und weiter geht es in höheren Geschwindigkeitssphären. Wirklich komfortabel ist der R8 nicht - doch es sei ihm bei diesen Leistungsausbrüchen verziehen. Zum Glück machen die scharfen LED-Augen vorne den Weg frei. Kein Gedanke daran, dass gerade wohl mehr als 25 Liter Super durch die Einspritzanlage fegen. Der Fahrspaß macht es wett.

Nicht unter 16 Liter

Zwei Jahre Entwicklungszeit
Zwei Jahre Entwicklungszeit © Foto: Audi

Der offen einsehbare Zehnzylinder ist ein weiterer Grund, wieso eine Fahrt zu Bäcker oder an die Tankstelle seine Schattenseiten hat. Denn es muss schon ein unglücklicher Zufall sein, wenn bei der Rückkehr zum Auto nicht mehrere Passanten Handykameras gezückt oder sich oberhalb der Plexiglas-Abdeckung des Zehnzylinders festgeguckt haben. Im Dunkeln wird das Herz des Boliden sogar sanft illuminiert. Einfach einsteigen und losfahren? Schlicht unmöglich. Hätte es vor ein paar Jahren in einem Audi einfach nicht gegeben. Wie soll das erst werden, wenn der offene Audi R8 Spyder kommt?

«Wir hatten vom Start einige Interessenten, die uns bereits auf einen V10 angesprochen haben», sagt Audi-Chef Rupert Stadler, «schließlich hatten wir diese Triebwerke bereits im Konzern.» Doch nach Vorstellung des R8 hat es zwei Jahre Entwicklungszeit gedauert, bis der Zehnzylinder fach- und sachgerecht in den R8 passte und ihm Flügel verlieh. Mit dem avisierten Durchschnittsverbrauch von 13,7 Litern pro 100 Kilometern ist es nicht weit her. Unter 16 Liter passiert nicht viel - auch nicht am Steuer des Top-Audi.

Gewichtiges Stück Audi-Geschichte

Nicht zu unterschätzen: Das subjektive Sicherheitsgefühl ist bei allem Fahrspaß hoch. Ob dazu die dunklen Seitenelemente ähnlich einer Sicherheitszelle beitragen oder nur die grandios zupackenden Kohlefaserbremsen? Man weiß es nicht so genau und genießt den Spurt 0 auf 100 km/h in gemessenen 4,3 Sekunden ebenso wie die Höchstgeschwindigkeit, die sich nach Tachoanzeige erst hinter der 320-km/h-Marke wieder einbekommt.

Ein schneller Sportwagentraum, der mit 142.400 Euro für viele unerschwinglich bleibt. Doch viele Konkurrenten sind in dieser Leistungsklasse noch einiges teurer. Und man fährt ein gewichtiges Stück an moderner Audi-Geschichte.






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